Stand: 16.01.2020 20:57 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Neue Organspende-Regeln: Das sagt Niedersachsen

Die Entscheidung ist gefallen: Der Bundestag hat in Sachen Organspende die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung beschlossen.

Immer weniger Spender für immer mehr Patienten: Seit Monaten steht das Thema Organspende in der deutschen Öffentlichkeit. Neuste Zahlen der Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) belegen, dass auch in Norddeutschland die Bereitschaft konstant abnimmt, Organe nach dem Tod zu spenden. Eine politische Neuregelung musste gefunden werden.

Konkurrierende Gesetzesentwürfe zur Abstimmung

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) brachte die sogenannte doppelte Widerspruchslösung ins Spiel: Von Geburt an ist jeder Bürger Organspender und muss bei Ablehnung aktiv widersprechen. Die Opposition im Bundestag, allen voran die Grünen, wollten eine sogenannte erweiterte Zustimmung, also eine regelmäßige Befragung der Bürger durch die kommunale Verwaltung. Heute hat der Bundestag eine Entscheidung getroffen - pro "erweiterter Zustimmung". Niedersachsen diskutiert den Beschluss kontrovers.

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Organspende: Spendenbereitschaft aktiv erklären

In Deutschland werden die Bürgerinnen und Bürger auch in Zukunft aktiv selbst entscheiden, ob sie nach dem Tod ihre Organe spenden wollen. Das beschloss der Bundestag. Fragen und Antworten zum Thema. (16.01.2020) mehr

Lesermeinungen auf NDR.de und auf Facebook

Das Thema Organspende wird bei NDR Usern emotional diskutiert. Auf der Facebook-Seite NDR Niedersachsen hatte der Artikel über den Bundestags-Beschluss am späten Nachmittag 225 Reaktionen und 143 Kommentare. Der Artikel auf den Seiten des NDR hatte bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 50 Kommentare. Die einen finden es "eine Schande diese einmalige Gelegenheit so verstreichen zu lassen" (Andreas Mertens auf NDR.de), andere befürchten dabei "Tür und Tor geöffnet" für Manipulation im Spenderwesen (Sebastian auf NDR.de) und begrüßen deshalb die beschlossene Neuregelung. Wir haben einige Posts ausgewählt.

  • Pro "Erweiterte Zustimmung": Lucia Knoop schreibt auf Facebook

    Es kann doch jeder entscheiden, ob er spenden will oder nicht. Ich finde dafür muss keine Widerspruchslösung her. Ich gehe auch aus freien Stücken Blut spenden und bin bei DKMS (Hinweis der Redaktion: ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei) registriert. Sobald da ein Zwang hinter ist, verliert es nun mal den Reiz. Da es ja nun oft genug durch die Presse genudelt wurde, hat ja jetzt jeder Zeit genug zum Nachdenken.

  • Pro "Erweiterte Zustimmung": René Wucherpfennig schreibt auf Facebook

    Die einzig vernünftige Entscheidung die Zustimmungslösung! Jeder entscheidet selbst ohne gezwungen zu werden.

  • Pro "Widerspruchslösung": Peter Winter schreibt auf Facebook

    Ich fand den Entwurf von Spahn gut. Schade das er nicht durchgegangen ist. Jetzt bleibt mein Spenderausweis da wo er schon immer war, in meinem Portmonee.

  • Pro "Widerspruchslösung": Patrick Schulz schreibt auf Facebook

    Also bleibt die Egoismus-first-Lösung weiterhin in Kraft. Und jeder, der selber NICHT spendet, kann sich aber trotzdem auf die Liste setzen lassen. Auf die Eurotransplant-Liste, wohlgemerkt, zu der viele unserer europäischen Nachbarn gehören, die die Widerspruchslösung teilweise schon längst haben, wie die Österreicher zum Beispiel oder die Niederländer. Es bleibt weiter bei einem krassen Ungleichgewicht innerhalb des Eurotransplantraums, indem sich Deutschland weiterhin sträubt, zu den Nachbarn aufzuschließen und eine faire Lösung einzuführen. Unsolidarisch, egoistisch, ungerecht ggü. den Bedürftigen sowie Nachbarn wie Österreich & Co. Ich könnt im Kreis k****n.

  • Pro "Erweiterte Zustimmung": Chris Theuss schreibt auf Facebook

    Das ist die eine Seite die ich nicht nachvollziehen kann. Aber ich kann es mir schon denken, wenn die Spenderzahlen steigen, dann gibt es keine Kliniken die die OP durchführen. Wenn ich 3,50 für die eine Entnahme an die Klinik bezahle, die Kosten aber bei 8.000 und mehr liegen, dann darf ich mich auch nicht wundern, wenn kein Krankenhaus das machen will. Bei der Widerspruchslösung hätte die Politik sofort wesentliche Änderungen in der Bezahlung veranlassen müssen.

  • Pro "Erweiterte Zustimmung": Orlean Hse schreibt auf Facebook

    Die Medzin ist einfach zu weit fortgeschritten. Wir sind fast jetzt wie bei "Captain Kirk" oder "Starwars". Jeder hat den Gedanken im Kopf sein Leben mit Organaustausch zu verlängern. Ich zitiere mal sinngemäß was teils christlich oder auch im Volksmund seit Jahrzehnten überliefert ist: "Mit deiner Geburtsstunde ist auch deine Todesstunde festgelegt!" Der Mensch eben ist kein ERSATZ-TEIL-LAGER! 😠

  • Pro "Widerspruchslösung": Heiko Hoffmann schreibt auf Facebook

    Ich wünsche allen, die in Zukunft auf ein LEBENSNOTWENDIGES Spenderorgan warten, dass sich auch genügend Menschen für die Spende entschieden haben ... Die aktuellen Wartezeiten zeigen doch, wie sehr sich (fast) jeder der nächste ist ... ☹

  • Pro "Widerspruchslösung": Patrick Starke schreibt auf Facebook

    Wem es wirklich wichtig ist das seine Organe in der Erde verrotten, der sollte auch in der Lage sein zu widersprechen [sic]! Wenn man eh schon ins Gras gebissen hat und die Organe anderen helfen, dann sollten sie auch zur Verfügung stehen. Schade, dass der Bundestag das anders sieht.

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Transplantationsexperte ist skeptisch

Enttäuscht zeigte sich Axel Haverich, Herzchirurg an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und einer der führenden deutschen Transplantationsmediziner. "Das ist keine besonders weiterführende Lösung und bedeutet schon gar nicht mehr Organe für unsere Patienten." Die Medizinische Hochschule Hannover ist Deutschland größtes Transplantationszentrum. Im vergangenen Jahr wurden dort rund 360 Herzen, Nieren, Lebern, Lungen und Bauchspeicheldrüsen transplantiert. Havericht sagte dem NDR, Deutschland sei das letzte Mitglied im Eurotransplant-Verbund, das keine Widerspruchslösung habe. "Wir akzeptieren in Deutschland Organe - insbesondere für Kinder - aus anderen Ländern, die unter den Verhältnissen einer Widerspruchslösung gewonnen worden sind und versorgen unsere Patienten damit", so Haverich. Dennoch scheue man sich, diese Regelung hierzulande einzuführen.

Reimann und Wenker sehen Beschluss positiv

Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) sagte: „Ich bin der Meinung, dass der Bundestag heute eine gute Entscheidung getroffen hat. Es ist wichtig, dass das Thema der Organspende derzeit so intensiv in der Öffentlichkeit diskutiert wird." Ärztekammerpräsidentin Martina Wenker plädierte dafür, die Aufklärung zur Organspende in der Bevölkerung zu verstärken, um den Mangel an Spenderorganen zu beheben. "Eine Widerspruchslösung hätte möglicherweise bestehende Ängste einzelner Menschen, sich mit dem eigenen Tod beschäftigen zu müssen, eher verstärkt", sagte Wenker.

"Anschein jedweder Repression vermeiden"

Leitende Theologen im Land begrüßen die "erweiterte Zustimmungsregelung". Hannovers Landesbischof Ralf Meister sagte, die Frage der Organspende sei höchst persönlich und emotional. "Es ist eine Entscheidung, die in die tiefsten Schichten der menschlichen Seele hinuntersteigt." Dabei müsse sich jeder Mensch mit seinem Ende auseinandersetzen. Der Oldenburger Bischof Thomas Adomeit sagte, die eigentliche Debatte um die Zukunft der Organspende habe erst begonnen. "Wir werden in der Konfirmandenarbeit, im Religionsunterricht, in Gottesdiensten und mit unserer kirchlichen Bildungsarbeit dazu einen offensiven und wichtigen Beitrag leisten." Anderen Menschen die eigenen Organe zur Verfügung zu stellen sei ein "herausragender Akt der Nächstenliebe", sagte Braunschweigs Landesbischof Christoph Meyns. Daher solle der Staat "den Anschein jedweder Repression vermeiden".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 16.01.2020 | 15:00 Uhr

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