Werften in MV: Die Pläne der Marine und die Suche nach Fachleuten

Stand: 13.07.2022 17:44 Uhr

Die großen Werften in Wismar und Warnemünde sollen bald Schiffe für die Bundesmarine bauen und reparieren. Das größte Problem: Der Bau von Kriegsschiffen erfordert vor allem beim Personal spezielles Know-How.

von Martin Möller, NDR Nordmagazin

Am kommenden Freitag wird auf dem Marine-Schlepper "Wangerooge" in Rostock die Flagge eingeholt. Das 54 Jahre alte Schiff sollte eigentlich bis 2025 in Dienst bleiben, aber der Marine ist die Instandhaltung nun doch zu teuer. Stattdessen sollen zwei Neubauten beschafft werden. Das überraschende Ende der "Wangerooge" steht symbolhaft für eine strategische Wende in Norddeutschland, besonders aber in Mecklenburg-Vorpommern.

Wismar: Neues Fachpersonal für U-Boot-Bau nötig

Die U-Boot-Spezialisten von ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) haben erst vor einem Monat die Wismarer MV-Werft gekauft. Dass in Wismar jemals U-Boote gebaut werden ist allerdings schwer vorstellbar. Zu groß sind die Anforderungen an Personal und Technik. Dabei geht es nicht allein um die Technik der Schiffe, die zu verbauen ist, sondern insbesondere auch um die an Land notwendigen Aggregate: beispielsweise Druckbehälter zur Simulation des Tauchens in größerer Tiefe, in die ein ganzes U-Boot passen muss, um die Druckbelastung zu überprüfen. Die Rede ist zunächst von kleineren Patrouillen- oder Behördenbooten und Plattformen, die zur Minenentschärfung genutzt werden können. So oder so, die Ära des zivilen Schiffbaus ist in Wismar erstmal Geschichte, auch wenn das gigantische Kreuzfahrtschiff "Global Dream" im Dock in der Schiffbauhalle liegt. Spätestens im nächsten Jahr wird es verkauft oder an Ort und Stelle verschrottet.  

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Die Werft mit dem Bockkran und dem Schriftzug "MV Werften". © dpa-Zentralbild Foto: Bernd Wüstneck/dpa

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Warnow Werft in Rostock wieder Staatsbetrieb

Der Kaufvertrag für den Erwerb der ehemaligen Warnow Werft in Warnemünde haben der Insolvenzverwalter der MV Werften und die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) erst in der vergangenen Woche unterschrieben. Zuvor hatte der Haushaltsausschuss des Bundestages die benötigten 87 Millionen Euro freigegeben. Damit wird die traditionsreiche ehemalige Warnowwerft wieder ein Staatsbetrieb. Der Vorteil für die Deutsche Marine: Bei unerwartet auftretenden Schäden sind die Militärs nicht mehr auf Servicepartner in der freien Wirtschaft angewiesen. Deren Docks und Arbeitskapazitäten sind nicht selten über Monate hinweg ausgebucht. Hinzu kommen nicht selten auftretende Engpässe bei der Ersatzteilversorgung. Manchmal gehen Monate ins Land, bis die Fregatten oder Korvetten wieder einsatzfähig sind. Die angespannte Sicherheitslage in der Ostsee macht das zu einem noch größeren Problem. Übernahme durch Marine für MV-Werft "Fünfer im Lotto"

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Auch deshalb wollte das Marinearsenal Mecklenburg-Vorpommern eine eigene Werft. Damit kann das Marinekommando Wartungsarbeiten, Umbauten oder längerfristige Reparaturen sicher planen und durchführen. Heiko Strutz ist ein erfahrener Ingenieur in der maritimen Branche, der beim Bau und Umbau von zivilen Schiffen, im Militärschiffbau und bei Marine-Reparaturaufträgen beteiligt war. Seiner Einschätzung nach ist die Übernahme der Werft in Warnemünde ein Fünfer im Lotto und auch eine komfortable Situation für die Marine. Einerseits bietet sie eine Chance auf eine langfristige und sichere Beschäftigung von Mitarbeitern, aber auch, weil die noch zu bauenden Kampfschiffe mindestens 30 Jahre lang gewartet werden müssen. Mögliche Exportkunden sind da noch gar nicht mit eingerechnet. Thyssen/Krupp beispielsweise hat gerade vier Korvetten an Israel geliefert.      

Sorge um kleine Werften in Mecklenburg-Vorpommern

Reinhard Lüken vom Verband für Schiffbau und Meerestechnik e.V. sieht die Übernahme der Rostocker MV Werft mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Auf der einen Seite ist der Verbandsvertreter froh, dass das Werftgelände weiter betrieben wird und nicht einem weiteren Baugebiet für Luxusimmobilien weichen muss. Auf der anderen Seite sieht er die Gefahr, dass so eine große staatliche Reparaturwerft den kleinen privaten Werften Arbeit wegnimmt. Was beide Fachleute verbindet: die Sorge, dass wichtiges Fachwissen verloren geht, was den Neubau von Schiffen anbelangt.

Neue Herausforderung in Wismar und Warnemünde: Militärschiffbau

Beide Käufer in Wismar und Warnemünde verbindet, dass sie nachholen müssen, was die vorherigen Investoren vernachlässigt haben: die Aus- und Weiterbildung des Personals. Gerade der Militärschiffbau stellt besonders hohe Anforderungen, weil die Schiffe über lange Zeiträume auf See unabhängig operieren. Außerdem müssen sie starken Druckwellen standhalten und auch in giftiger Atmosphäre operieren können. TKMS übernimmt in Wismar zunächst nur ein paar dutzend Schiffbauer, die für den Umbau der Werft und für kleine Projekte benötigt werden.

Noch ist nicht klar, wie viele Beschäftigte übernommen werden

In Rostock hat die Marine einen Aufstellungsstab gebildet, der die Suche nach dem benötigten Fachpersonal koordiniert. Auf der Werft sollen künftig vor allem Stahlbau, Aus- und Umbauten erledigt werden, auch bei Schiffen der Verbündeten. Arbeiten an Spezial- und Kampftechnik, wie z.B. der Waffen, an Sensoren und Radarsystemen gehören allerdings nicht dazu. Diese werden weiterhin in Kiel und Wilhelmshaven erledigt. Wie viele der ehemals bei den MV-Werften Beschäftigten übernommen werden, ist noch unsicher. Sicher hingegen ist, dass die NATO-Verbündeten einen größeren Beitrag Deutschlands an der Seeverteidigung - besonders im Ostseeraum - erwarten. Dort wird Russland als deutlich größere Bedrohung wahrgenommen.

Mehr Luftraum- und Territorialverletzungen im Ostseeraum

Dies wird deutlich am Beispiel Dänemark. Allein in diesem Jahr haben dänische F-16 Jagdflugzeuge 27-mal russische Flugzeuge abgefangen. Hinzu kommen Verletzungen der Territorialgewässer durch Kriegsschiffe. Dies war zuletzt am 16. Juni nahe der Insel Bornholm der Fall, die wiederum nur ein paar dutzend Seemeilen von den deutschen Territorialgewässern entfernt liegt.

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Nato-Verbündete fordern mehr militärische Präsenz Deutschlands

Amelie Theussen, Sicherheitsexpertin vom DIIS, dem dänischen Institut für internationale Studien in Kopenhagen, sieht trotzdem zunächst keine konkrete Bedrohung. Allerdings erwarten die NATO-Partner und Ostseeanrainer künftig eine stärkere militärische Präsenz Deutschlands auf See. Solange es dafür an Schiffen und Personal fehlt, verlassen sich die Nachbarn ihrer Aussage nach lieber auf die militärischen Fähigkeiten der USA und Großbritanniens. Noch ein Argument, das für eine längere Konjunktur des militärischen Schiffbaus in Deutschland und Mecklenburg-Vorpommern spricht. Die Arbeitsplätze, die dadurch entstehen, sind vermutlich so sicher, wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr. 

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Die Werfthalle der MV Werften in Wismar © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck

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NDR 1 Radio MV | Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern | 13.07.2022 | 18:15 Uhr

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