Stand: 01.06.2020 12:57 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Weltmilchtag: Holsteinkuh - Qualzucht für mehr Leistung?

Das Leid der Milchkuh ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, sagt der Präsident der Landestierärztekammer, Vogel. Tierschutz fange bei jedem Einzelnen an (Symbolbild).

Mit der Frage, ob die typische Milchkuhrasse in Mecklenburg-Vorpommern, die Deutsche Holsteinkuh, eine Qualzucht ist, beschäftigen sich Tierärzte anlässlich des Weltmilchtags. Denn die hohe Milchleistung geht ihrer Meinung nach auf Kosten der Tiergesundheit. Sie fordern ein Umdenken. Mehr als 10.000 Kilogramm Milch geben diese Kühe im Jahr - und damit mehr als das Doppelte dessen, was noch vor 40 Jahren möglich war.

Entzündete Euter, kranke Klauen

"Die Frage, ob Nutztiere so gezüchtet wurden, dass sie eine Qualzucht darstellen, die ist in höchstem Maße berechtigt" sagt der Präsident der Landestierärztekammer, Holger Vogel. Kühe würden absolut an ihre Leistungsgrenze gebracht und das mache sie krank. Etwa jede zweite Kuh erkranke an Euterentzündungen, an Stoffwechsel- und Fruchtbarkeitsstörungen und habe Probleme mit den Klauen. Das haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben. Drei Mal bekommen Kühe im Schnitt ein Kälbchen, dann geht es für sie im Alter von fast fünf Jahren meistens zum Schlachthof. "Wenn man sich die Kreatur, das Mitgeschöpf mal anschaut, wie sie dann oft aussehen, wenn die Nutzungszeit zu Ende ist, wie sie auf den Schlachthöfen ankommen, ja, geradezu entsorgt werden, das muss doch betroffen machen."

Züchter: Landwirte auf hohe Milchleistung angewiesen

Der Landwirt müsse mit der Milchviehhaltung Geld verdienen, meint die Geschäftsführerin des Rinderzuchtverbandes MV, Sabine Krüger. Deshalb sei eine hohe Milchleistung wichtig - bei guter Gesundheit. Neben der Zucht sei dafür vor allem das Management im Stall wichtig - mit gutem Klima, Futter und bequemen Ruheplätzen. "Dennoch denke ich, dass gerade die Holsteinkühe sehr robuste Kühe sind, die in der Lage sind diese sehr hohen Leistungen wegzustecken, die in perfekter Umgebung auch lange gesund bleiben. Also ich sehe das nicht als eine überzüchtete Rasse an."

Tierärzte: Tierschutz fängt beim Einzelnen an

Auch Landwirt Arne Günning hält im Datzetal bei Friedland 1.000 Holstein-Kühe. Er hätte nichts dagegen, weniger zu halten und weniger zu melken. Doch dann müsste der Milchpreis deutlich steigen, damit er seine Angestellten und seine Rechnungen bezahlen kann. Eine Zwickmühle. Den Landwirten macht der Präsident der Landestierärztekammer, Vogel, keinen Vorwurf. Das Leid der Milchkuh sei ein gesamtgesellschaftliches Problem. "Dazu würde auch gehören, dass man eben nicht die billigste Milch kauft. Und da fängt aus meiner Sicht der Tierschutz bei jedem Einzelnen an. Denn wie soll so eine Kuh leben, wenn die Milch verramscht wird." Gemeinsam mit Kollegen der Bundestierärztekammer möchte Holger Vogel die Situation verbessern. Das Tierschutzgesetz verbietet es, einem Tier Leistungen abzuverlangen, die seine Kräfte übersteigen. Und das sei bei der Holstein-Kuh der Fall.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 01.06.2020 | 12:00 Uhr

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