Mann sitzt mit neutralem Gesicht auf einem Stuhl. © NDR Foto: Screenshot

Vorstand beurlaubt: Führungskrise an der Unimedizin Rostock

Stand: 25.08.2021 16:29 Uhr

Die größte landeseigene Klinik in Mecklenburg-Vorpommern, die Unimedizin Rostock (UMR), gerät gut vier Wochen vor der Landtagswahl immer mehr in Schieflage und steckt in einer Führungskrise: Jetzt muss der Vorstandschef und Ärztliche Leiter, Prof. Christian Schmidt, gehen. Der Aufsichtsratschef und Ex-Finanz- und Bildungsminister Mathias Brodkorb hat ihn "freigestellt".

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

Schmidt soll von seiner Beurlaubung in der Nacht zum Mittwoch per E-Mail erfahren haben. Vorausgegangen war eine Krisensitzung des Aufsichtsrats. Es ging um den künftigen Kurs der landeseigenen UMR und um Sparpläne. Offenbar gab es deutliche Meinungsverschiedenheit über die Zukunft der Unimedizin. Nach NDR Informationen soll Brodkorb in internen Sitzungen in den vergangenen Wochen stärker auf Personalkürzungen gedrängt haben als Schmidt. Aus Aufsichtsratsprotokollen ergibt sich, dass Schmidt vor allem vor Kürzungen in der Kindermedizin gewarnt hat. Brodkorb drängt dagegen auf schärfere Einsparung - vor allem beim Personal.

Brandbrief sorgte für Wirbel

Die Lage spitzte sich in der vergangenen Woche zu. Da wurde ein Brandbrief von mehreren Chefärzten bekannt, in dem sie wegen Personalmangels vor Lücken in der Patientenversorgung warnten - besonders in der Kindermedizin. Sie kritisierten das Klinikmanagement und forderten von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) eine Abkehr von der sogenannten "Schwarze-Null-Politik" an der Uni-Medizin.

Weitere Informationen
Sanierte alte Chirurgie in Rostock © Universitätsmedizin Rostock

Nach Brandbrief: Land sichert Uni-Klinik Rostock Hilfe zu

Mehr als 50 Top-Mediziner warnen vor einem Kollaps der medizinischen Versorgung. Die Landesregierung hat Hilfen zugesagt. mehr

Schmidts Vertrag läuft noch fünf Jahre - mit Jahresverdienst von 450.000 Euro

Offenbar sah sich Brodkorb jetzt zum Handeln aufgefordert. Schmidt soll er gesagt haben, er werde nicht als Verlierer vom Platz gehen. Aufforderungen an Schmidt, von sich aus das Feld zu räumen und "Urlaub" zu nehmen, kam der offenbar nicht nach. Deshalb erfolgte jetzt die Freistellung. Die ist für das Land teuer: Schmidt hat einen geschätzten Jahresverdienst von 450.000 Euro - die Summe muss vorerst weitergezahlt werden. Schmidt hat noch einen fünf Jahre laufenden Vertrag.

Aufsichtsrat wirft Schmidt "schwerwiegende Pflichtverletzungen" vor

Offiziell verbreitet die UMR eine andere Lesart der Freistellung. Es gehe darum, unternehmensinterne Sachverhalte neutral und sachgerecht aufzuklären. Dabei müssten die UMR und "Herr Prof. Christian Schmidt" geschützt werden, heißt es betont vage in einer Mitteilung für die Medien. In seinem Freistellungs-Brief an Schmidt wird Brodkorb deutlicher: Er wirft Schmidt "schwerwiegende Pflichtverletzungen" vor - beispielsweise habe er den Aufsichtsrat über Sachverhalte nicht informiert.

Weitere Informationen
Sanierte alte Chirurgie in Rostock © Universitätsmedizin Rostock

Podcast "Dorf Stadt Kreis": Das Kosten-Dilemma der Uniklinik Rostock

Die Universitätsklinik Rostock kämpft um die "Schwarze Null". 2019 gab es einen Millionenverlust. NDR Reporter David Pilgrim ist der deutschen Krankenhausfinanzierung auf der Spur. mehr

Insider: Brodkrob will mit Beurlaubung eigenen Kopf retten

Schmidt habe außerdem nicht dafür gesorgt, dass Qualitätsmängel bei der Nierentransplantation abgestellt würden. Außerdem macht Brodkorb Schmidt zum Alleinverantwortlichen für die aktuelle Misere der UMR. Es gebe ein "nachhaltig gestörtes Vertrauensverhältnis in Ihre Person auf fast allen Ebenen der Universitätsmedizin", schreibt der Aufsichtsratschef Brodkorb. Insider berichten, dass Brodkorb mit Schmidts Beurlaubung versuche, den eigenen Kopf zu retten. Auf Nachfrage wollte sich Brodkorb zu den Vorgängen nicht äußern, er verwies auf die offizielle Mitteilung.

Schmidts Anwalt spricht von einem Bauernopfer

Schmidt lässt sich in der Sache bereits juristisch vertreten. Sein Anwalt Rolf Bietmann meinte auf Anfrage von NDR 1 Radio MV, die Vorwürfe seien haltlos und würden nicht ausreichen, das Vorgehen zu rechtfertigen. "Ich bin auch einigermaßen erstaunt über das Vorgehen, da Ministerpräsidentin Schwesig Herrn Schmidt erst vor wenigen Monaten für den großen Einsatz in der Corona-Krise belobigt hat", so Bietmann. Es sei auch ungewöhnlich, dass vor einer vierten Corona-Welle eine Klinik einen Vorstandsvorsitzenden freistellt und damit das Management insgesamt schwäche. Das könne nicht im Interesse der Patienten sein. Bietmann meinte, offenbar solle Schmidt zu einem Bauernopfer gemacht werden für Versäumnisse an anderer Stelle oder für Wünsche, die von andere Stelle geäußert worden seien. Man werde aber alle Frage beantworten.

Linke kritisiert Politik der Landesregierung

Gut vier Wochen vor der Landtagswahl wird die Krise der UMR auch zum Politikum: Linksfraktionschefin Simone Oldenburg erklärte, die Lage sei "Ausdruck einer falschen Politik der Landesregierung". Auch das Bildungsministerium versage kläglich. Ministerin Bettina Martin (SPD) ist zuständig für die UMR. Oldenburg forderte eine Abkehr vom Spardruck und der Erwirtschaftung von Überschüssen. Die Landesregierung müsse ihr selbstgestecktes Ziel, Mecklenburg-Vorpommern zum Gesundheitsland Nummer 1 zu machen, in die Praxis umsetzen.

Bildungsministerin Martin schweigt

Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) hat sich zu den Vorgängen bisher nicht geäußert - trotz NDR Anfrage. Sie hatte Brodkorb 2019 als Aufsichtsratschef für die beiden Universitätskliniken in Rostock und Greifswald eingesetzt. Seine Aufgabe sollte vor allem sein, die Kliniken neu aufzustellen und die Patientenversorgung sicherzustellen. Politisches Ziel war, Ruhe an dieser Front zu bekommen. Nach Ansicht von Experten und Betroffenen hat Brodkorb eher das Gegenteil erreicht.

2018 beurlaubt - und danach wieder eingesetzt

Schmidt war wegen mutmaßlicher Verfehlungen bereits 2018 freigestellt worden. Interne Ermittlungen hatten jedoch ergeben, dass ihm keine rechtlich handfesten Vorwürfe gemacht werden konnten. Schmidt wurde von der damaligen Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) wieder in alle Positionen eingesetzt, er steht seit 2014 an der Spitze der Uni-Medizin. Jetzt übernimmt vorerst das Vorstandsmitglied Prof. Emil Reisinger den Posten des Vorstands-Vorsitzenden an der UMR.

Weitere Informationen
Der Chef der Rostocker Universitätsmedizin, Christian Schmidt © picture alliance / ZB Foto: Bernd Wüstneck

Unimedizin Rostock: Vorstandschef Schmidt beurlaubt

Der Chef der Rostocker Uniklinik, Christian Schmidt, ist vorübergehend freigestellt worden, wie die Uniklinik mitteilte. mehr

Ein Stethoskop liegt auf mehreren Geldscheinen. © dpa - Bildfunk Foto: Jan Woitas

Uni-Klinik Rostock: Situation trotz Landeshilfen angespannt

Die Landesregierung will dem finanziell angeschlagenen Uniklinikum in Rostock helfen. Doch das könnte die Probleme nicht beseitigen. mehr

Ein Spielzeug-Krankenwagen hat Euroscheine geladen. © picture-alliance/ ZB / dpa-Report Foto: Hans Wiedl

Uniklinik Rostock: Ist die "schwarze Null" überhaupt zu schaffen?

Das Finanzierungssystem ist Experten zufolge stark reformbedürftig. Aktuell leidet vor allem das medizinische Personal. mehr

Das Gebäude der Unimedizin Rostock.

Unimedizin Rostock: Vorstandschef wieder im Amt

Professor Christian Schmidt ist wieder Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Rostock. Ermittlungen wegen angeblich zweifelhafter Geschäftspraktiken wurden beendet. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 25.08.2021 | 16:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

Autos auf der A20-Behelfsbrücke bei Tribsees © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck/dpa

A20-Anschlussstelle Tribsees bis Dienstagabend gesperrt

Auf der Autobahn 20 bei Tribsees wird die Freigabe der neuen Brücke vorbereitet. Die Sperrung endet am Dienstagabend. mehr