Ueckermünde: Unhaltbare Zustände in Wohnheim für Kranke?

Stand: 29.06.2021 18:40 Uhr

In Ueckermünde ist eine Einrichtung für psychisch Kranke wegen mutmaßlich unhaltbarer Zustände in den Fokus des Sozialministeriums Mecklenburg-Vorpommerns geraten. Der Betreiber rechtfertige sich inzwischen.

Eine besorgte Mutter aus Niedersachsen wandte sich an den NDR in Mecklenburg-Vorpommern mit erschütternden Bildern aus einem Zimmer der "Eingliederung Ueckermünde" des AMEOS-Klinikums, die sie bereits im Internet veröffentlicht hatte. Auf einem Bild ist zu sehen, wie sie zusammen mit ihrem Sohn auf einem Bett in einem verschmutzten und vermüllten Zimmer sitzt. Ihrem Sohn gehe es dort sehr schlecht, sagt sie: "Mein Sohn ist in einem desolaten Zustand: keine körperliche Hygiene, der Ernährungszustand ist auch eine Katastrophe, das Zimmer ist eine Müllhalde - hygienisch bedenklich. Ich glaube, da laufen auch Maden herum oder so."

Vorwurf: Urin-Gestank auf den Fluren

Zimmer eines Psychiatrie-Patienten  Foto: privat
Die Fotos zeigen ein vermülltes Zimmer. "Das ist keine menschenwürdige Unterbringung", sagt die besorgte Mutter.

Zudem könne man das Zimmer nicht abdunkeln, es gebe keine Gardine und im Zimmer sei es sehr warm. "Auf der Fensterbank liegen Dreck und Fliegen. Da werden wahrscheinlich nur die Dienstzimmer gereinigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Patientenzimmer gereinigt werden", sagt die Frau. Ihr Sohn lebe schon seit vier Jahren in der Einrichtung in Ueckermünde. Auf der ganzen Etage rieche es nach Urin, Schweiß, alten Lebensmitteln und Schimmel, klagt sie.

"Das ist keine menschenwürdige Unterbringung"

"Die Menschen werden dort aufbewahrt. Die werden überhaupt nicht medizinisch betreut", lautet ein weiterer Vorwurf der Mutter. "Ich habe den Eindruck, dass die teilweise auch ruhig gestellt werden. Das ist keine menschenwürdige Unterbringung - für keinen Menschen, für kein Tier, für niemanden". Ihr 29 Jahre alter Sohn leidet an Schizophrenie. Die Mutter war nach eigenen Angaben überfordert mit der Krankheit. Deshalb wurde ihrem Sohn ein Vormund zugeteilt. Eine Mitarbeiterin des verantwortlichen Betreuungsvereins sagte, dass ihre Organisation nichts für die Zustände in dem Zimmer könne. Der Verein betreibt nicht das Wohnheim. Es gehört zur "AMEOS Eingliederung Ueckermünde", die zu den AMEOS-Kliniken gehört.

Betreiber: Die Menschen hier sind frei

Der Regionalgeschäftsführer der norddeutschen AMEOS-Krankenhäuser, Stephan Freitag, sagte gegenüber NDR 1 Radio MV: "Die Menschen hier sind – und das ist auch gut so – absolut frei und können in ihrer Freiheit tun und lassen, was sie möchten." Das gelte besonders in ihren eigenen vier Wänden, solange sie keine Mitbewohner belästigen oder stören. Die Einrichtung biete Hilfen an. Die Bewohner könnten diese aber ablehnen. "Man kann niemanden dazu zwingen sie anzunehmen", so Freitag. Die Hilfen funktionieren nicht nach den konventionellen Regeln eines Krankenhauses. Die psychisch oder körperlich kranken Menschen sollten lernen, wieder selbstständig den Tag zu bewältigen, etwa einzukaufen, Wäsche zu waschen und das Zimmer aufzuräumen. Außerdem, so Freitag, sei es den AMEOS-Mitarbeitern nur erlaubt, die Zimmer der Mieter im Notfall zu betreten. Eine verschmutzte Wohnung sei kein Notfall.

Mutter erstattet Anzeige

Die Mutter aus Niedersachsen berichtete, sie habe mittlerweile Anzeige wegen der aus ihrer Sicht unhaltbaren Zustände in dem Heim in Ueckermünde gestellt - wegen unterlassener Hilfeleistung. Offenbar sieht auch die Politik Handlungsbedarf. Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) sagte, die Bilder aus dem Zimmer des jungen Mannes hätten sie erschüttert. Es sei unter anderem zu fragen, wie es in den Zimmern der anderen Bewohner aussehe und warum der 29-Jährige keine Unterstützung für den Alltag bekommen habe. Mitarbeiter der Heimaufsicht des Kreises Vorpommern-Greifswald besuchten das Heim inzwischen. Zu ihrer Einschätzung will sich der Landkreis demnächst äußern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nordmagazin | 28.06.2021 | 18:00 Uhr

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