NDR MV LIVE: Viele Kitas in MV immer noch nicht kindgerecht

Stand: 24.08.2021 17:15 Uhr

Die Personalausstattung in den Kitas in Mecklenburg-Vorpommern hat sich in den letzten Jahren verbessert. Kindgerecht ist sie nach Einschätzung der Bertelsmann-Stiftung aber noch lange nicht. Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) teilt die Ergebnisse der Studie nur bedingt.

Zu wenig Personal für zu viele Kinder - diese Bilanz zieht die Bertelsmann-Stiftung für Mecklenburg-Vorpommern in ihrem jüngsten Ländervergleich zur frühkindlichen Bildung in Deutschland. Mecklenburg-Vorpommern biete zwar im bundesweiten Vergleich sehr viele Kita-Plätze an, für faire Bildungschancen sei aber nicht allein die Zahl der Kita-Plätze entscheidend, so die Autoren der Studie. Zu einem ähnlichen Ergebnis war die Stiftung bereits vor einem Jahr gekommen.Gemessen an der Personalsituation hätten die meisten Kita-Kinder schlechtere Bildungschancen als in westdeutschen Bundesländern. Rein rechnerisch müsse eine Kita-Fachkraft in Mecklenburg-Vorpommern fast fünf Kindergartenkinder mehr betreuen als Erzieherinnen im Westen.

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Mehrere Kinder spielen in einer Kita. Im Hintergrund ist eine Erzieherin zu sehen. © dpa picture alliance Foto: Jens Büttner

Im Norden fehlen 26.000 Erzieherinnen für gute Bildung

So viele Fachkräfte bräuchte es zusätzlich bis 2030, um Mädchen und Jungen in Kitas angemessen fördern zu können. mehr

2030 fehlen 5.000 Fachkräfte

Obwohl sich die Personalausstattung der Kitas seit 2013 zumindest in den Kindergartengruppen stark verbessert habe, stehe für 96 Prozent der Kita-Kinder nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung. Die Autorinnen und Autoren der Studie rechnen damit, dass bis 2030 rund 7.000 Erzieherinnen in Mecklenburg-Vorpommern neu ausgebildet werden. Um die Kitas so "kindgerecht" auszustatten, wie es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler empfehlen, würden jedoch weitere 5.000 Fachkräfte benötigt, so die Studie. Diese Zahl, so die Studie, sei kaum noch zu schaffen - weder durch mehr Ausbildungsplätze noch durch Quereinsteiger in den Beruf.

"Zuschüsse für Personal nutzen"

Als Etappenziel schlägt die Studie vor, bis Ende des Jahrzehnts das Verhältnis Kinder pro Erzieherin an den Durchschnitt der westdeutschen Bundesländer anzugleichen. Auch dafür müsste mehr ausgebildet werden. Außerdem sollten die Bundeszuschüsse, die das Land für die Kitas bekommt, in die Personalausstattung gesteckt werden. Denn Mecklenburg-Vorpommern ist das einzige Bundesland, das diese Gelder bisher ausschließlich nutzt, um von den Eltern keine Kitagebühren kassieren zu müssen.

Ministerin spricht von "Herausforderung"

Landessozialministerin Stefanie Drese (SPD) räumte ein, die Gewinnung zusätzlicher Fachkräfte sei die größte Herausforderung in den kommenden Jahren. Sie verwies auf erste Erfolge einer Fachkräfteoffensive mit einem neuen, vergüteten Ausbildungsberuf zum Erzieher für Kinder bis zu zehn Jahren. In den letzten fünf Jahren seien so 1.300 zusätzliche Kita-Beschäftige hinzugekommen. Aus Dreses Sicht ist für gute Bildungschancen aber nicht nur die Zahl an Plätzen und der Personalschlüssel entscheidend. "Wichtig sind zudem die Gruppengrößen und das Qualifikationsniveau des pädagogischen Personals", betonte sie. In diesen beiden Bereichen stehe MV bundesweit am besten da.

"Das kommt mir bei Bertelsmann ein bisschen zu kurz"

Drese (SPD) sagte trotz der Studienergebnisse, dass die Kindertagesförderung in MV "gut aufgestellt" sei. "Das Eine ist die Frage, wie viele Plätze wir haben, um Kinder in frühkindlicher Bildung zu unterstützen", sagte Drese bei NDR MV LIVE. Da sei Mecklenburg-Vorpommern auf einem Spitzenplatz. "Das Andere ist die Frage, wieviel Personal wir zu Verfügung haben. Das ist jetzt für Mecklenburg-Vorpommern kein neues Thema. Da sind wir mittendrin, dort weiter zu verbessern." Doch wenn das Thema seit Jahren bekannt ist, warum wurde nichts geändert? "Ich will es ändern. Zur Wahrheit gehört dazu, dass nirgendwo so viele Kinder betreut sind mit so umfangreichen Stunden." Drese widersprach auch der Studienaussage, wonach Kinder im Nordosten wegen der Personalknappheit schlechtere Bildungschancen haben als Kinder im Westen. "Das würde ich so nicht unterschreiben. Bei uns haben über 60 Prozent der Kinder einen Platz und werden dort betreut - im Westen sind es 31." MV habe mit 85 Prozent die meisten Fachkräfte. Auch das sei eine qualitative Frage. "Das kommt mir bei Bertelsmann ein bisschen zu kurz."

AfD wirft Landesregierung Kindeswohlgefährdung vor

Der Paritätische Wohlfahrtsverband und die oppositionelle Linke im Landtag forderten eine deutliche Ausweitung der Erzieher-Ausbildung. "Die Anforderungen an Erzieherinnen und Erzieher werden immer größer", sagte der Verbandsvorsitzende Friedrich Wilhelm Bluschke. Verschärft werde die Situation dadurch, dass es in Mecklenburg-Vorpommern keine gesetzlich geregelte Personalbemessung für die Kitas gebe. Die kinder- und jugendpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Jacqueline Bernhardt, warf der Landesregierung vor, die notwendigen Maßnahmen seit Jahren bewusst hinauszuzögern. Die AfD warf Drese vor, das Kindeswohl zu gefährden. Das Geld des Bundes aus dem sogeannten Gute-Kita-Gesetz hätte in mehr Personal statt in die Beitragsfreiheit der Eltern investiert werden müssen, erklärte der sozialpolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion, Thomas de Jesus Fernandes.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 24.08.2021 | 16:30 Uhr

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