Streit um verfälschte Inzidenzen: Kreis will Verfahren umstellen

Stand: 09.04.2021 20:07 Uhr

Der Landkreis Vorpommern-Greifswald reagiert auf die Kritik an den verzögerten Meldungen von Corona-Neuinfektionen. Das Meldeverfahren an das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGuS) werde umgestellt, erklärte Landrat Michael Sack (CDU). Es seien weniger umfangreiche Daten für die Meldung erforderlich als bislang angenommen.

Landrat Sack kündigte am Donnerstagabend an, dass Meldeverfahren der Neuinfektionen ans LAGuS umstellen zu wollen. Dadurch soll der Meldeverzug verringert werden. "Wir sind davon ausgegangen, dass wir 70 Einzelpunkte bei der Befragung von positiv getesteten Menschen auf einmal liefern müssen", so Sack. Tatsächlich sei ein weniger umfangreicher Datensatz für die Meldung ausreichend. Das sei bei der Betrachtung der Arbeitsweise im Landkreis zusammen mit dem LAGuS klar geworden. Nun ließe sich die Arbeitsweise der Kontaktnachverfolgung schneller und effizienter gestalten, da pro Fall deutlich weniger Zeit bis zur Meldung aufgewendet werden müsse, teilte der Landkreis mit. Zudem solle die Kontaktnachverfolgung künftig enger mit den Mitarbeitern zusammenarbeiten, welche die Meldungen an das LAGuS senden.

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Grüne verlangten Aufklärung

Der Meldeverzug hatte Abweichungen bei den Corona-Inzidenzen zur Folge. Der Kreisverband der Grünen hatte dies kritisiert und Aufklärung verlangt. Durch die verspätete Meldung würden zahlreiche Fälle nicht mehr in die Inzidenzberechnung der vergangenen sieben Tage hereinfallen. Dadurch sei die Inzidenz massiv niedriger, so der Vorwurf. Die Datenexperten des NDR etwa wiesen auf ihrer Zusammenfassung der Situation in den Landkreisen am 3. April den offiziellen RKI-Wert von rund 70 aus - bezogen sie jedoch den Meldeverzug in ihre Berechnungen ein, ergab sich ein Wert von rund 140. Die SPD im Kreis hatte sich ebenfalls eingeschaltet und Akteneinsicht in alle Unterlagen, Dokumente und Schriftwechsel innerhalb der Kreisverwaltung und mit dem Landesamt für Gesundheit und mit dem Ministerium beantragt.

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Vorwurf: Begründung "unglaubwürdig"

Der SPD-Politiker Erik von Malottki wird konkret: Er bezeichnet die jetzt vom Kreis vorgelegte Begründung als "hanebüchen" und "unglaubwürdig". "Die Erklärung stehe für ein hohes Maß an Inkompetenz." Für die Grünen ist die jetzige Erklärung durch ein Missverständnis nur schwer nachvollziehbar. Hannes Damm, Physiker und Landtagskandidat der Grünen sagte: "Das Wichtigste ist, dass ab jetzt sofort wieder korrekte Inzidenzen gemeldet werden. Nach über sieben Wochen mit falschen Zahlen ist es nur so wieder möglich, die Bevölkerung angemessen zu schützen" Der umfangreiche Fragenkatalog zum Thema existiere bereits seit dem Jahreswechsel. Die Grünen fordern eine weitere Prüfung durch Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU). 

Kritik kommt auch vom Schweriner Oberbürgermeister

Auch Schwerins Oberbürgermeister Rico Badenschier von der SPD fordert den Gesundheitsminister auf, die Sache zu klären. „Wenn sich die meisten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie an den Inzidenzzahlen orientieren, dann müssen diese Zahlen auch stimmen“, sagte Badenschier. Badenschier fordert Gesundheitsminister Glawe auf, im Vorfeld des MV-Gipfels eine realistische Lageeinschätzung abzugeben. „Es geht hier auch um die Glaubwürdigkeit unserer Corona-Maßnahmen: Denn nur auf Basis realistischer Zahlen können wir verantwortungsbewusst und für die Bevölkerung nachvollziehbar mit der Landesregierung über die Bewältigung der dritten Infektionswelle beraten“, sagte Badenschier.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 08.04.2021 | 18:00 Uhr

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