Schausteller in Reddelich, Igor Upleger: "Stillstand ist Gift"

Stand: 18.06.2021 08:06 Uhr

Wie geht es uns? Was brauchen wir jetzt? Um über den zweiten Sommer in der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Winter 2020 und Sommer 2021 erlebt haben.

von Thorsten Reinke

Nach mehr als 200 Tagen Lockdown öffnet sich Mecklenburg-Vorpommern. Doch bei den rund 70 organisierten Schaustellerfamilien im Land führt die Pandemie eine unwillkommene Verlängerung. Aus 200 Tagen Lockdown werden 500 - durch die frühzeitige Absage von Volksfesten und Veranstaltungen bis ins kommende Jahr. Im Dezember hat Igor Upleger noch gesagt, im Frühjahr müsse es wieder los gehen, "damit wir alle wieder glücklich werden."

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"Stillstand ist wie Gift"

Schausteller Igor Upleger aus Reddelich kniet nun am Reifen seines 15-Tonnen-Krans. Unzählige Risse durchziehen die Gummihaut. "Stillstand ist wie Gift. Nicht nur für uns Schausteller, sondern auch für unsere Fahrzeuge." Für die Schaustellerfamilie in der fünften Generation sind die Kosten erdrückend. "Rechnen wir einfach 'mal durch: Die Reifen stehen sich kaputt, da die Fahrzeuge nicht bewegt werden. Das macht in unserem Fall 10.000 Euro, ohne dass ich einen Meter gefahren bin", sagt Upleger. Der Maschinenpark steht sich nicht nur fest, er steht sich auch kaputt.

"Da blutet einem das Herz"

Doch der vierfache Großvater beschwert sich nicht. "Gesundheitlich ist alles okay", sagt er. Doch zu lange sei das Geschäft "an die Kette gelegt". Da blute einem das Herz, "weil wir eben nicht arbeiten können". Das Schaustellergeschäft sei 1.200 Jahre alt. "Angefangen mit Gauklern und Musikern, später die Zirkusse und heute: Fünffach-Loopings. Selbst im Zweiten Weltkrieg haben meine Großeltern mit ihrem Kettenkarussell schneller wieder angefangen als wir heute in der Zwangspause durch die Pandemie. Da kann ich jetzt doch nicht schlapp machen."

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"Bei dem Risiko rücke ich gar nicht erst aus"

Was die Schausteller brauchen, seien Perspektiven. Wenn schon keine Volksfeste, dann wenigstens hygienegerechte Funparks wie im vergangenen Jahr in Rostock. Aber auch das hat seine Grenzen. "Zum Rummel gehört Remmidemmi. Zuckerwatte, Musik und Durchsagen. Wenn ich meine Bayern-Wippe in einen Funpark stelle, habe ich 10.000 Euro Kosten produziert, bevor es überhaupt losgeht. Dabei muss ich Lautstärkeregelungen und kürzere Öffnungszeiten in Kauf nehmen. Bei dem Risiko rücke ich erst gar nicht aus. Vom Reifenproblem ganz zu schweigen."

"Mein Sohn macht jetzt auf Softeis"

Was also tun in diesen Zeiten, in denen selbst die regionalen Volksfest-Dinos wie Hanse Sail und Warnemünder Woche für Schausteller auf der Kippe stehen? Die Branche kennt Kapriolen und zeigt sich erfinderisch. "Mein Sohn macht jetzt auf Softeis. In Bad Doberan hat er eine Bude aufgebaut, mein anderer Sohn steht mit seinem Wagen für leckere herzhafte Hamburger gleich daneben. Meine Frau versorgt hungrige Truckerfahrer an einem großen Lkw-Parkplatz in Reddelich. Der Wagen ist eigentlich auf Weihnachtsmarkt getrimmt, macht aber nix. Die Stammgäste finden's kultig." Insgesamt hält es die Uplegers über Wasser, mehr aber auch nicht.

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Corona in den Haushaltsbüchern

Die Familie hat sich deswegen für einen Kredit bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) entschieden. Zwei Jahre ist der zinsfrei. "Doch danach kommt der Hammer eben doppelt. Die kommenden zehn Jahre steht Corona ganz oben in unseren Haushaltsbüchern", sagt Upleger und zweifelt auch daran, dass es dabei bleibt. Er rechnet mit einer längeren Schuldenlast und vermutet, manch eine Schaustellerfamilie werde den Betrieb mit Schulden an die eigenen Kinder weitergeben. "Und das war eigentlich nicht so gedacht!" Dankbar ist der Schausteller über die Corona-Hilfen. Am Anfang sei es sehr schwierig gewesen. Dennoch: Die Einnahmeverluste werden nicht so schnell wieder auszugleichen sein.

Stillstand schlimmer als die Pandemie

Upleger macht trotzdem weiter, er sei halt "Berufsoptimist". Gerade montiert er in seinem Maschinenpark einen 700 Kilo schweren Stehtisch für die kommenden Volkfeste. "Wissen Sie, was schlimmer ist als die Pandemie? Der Schaustellervirus! Ein Blick in die großen Kinderaugen und die lachenden Gesichter nach einer Karussellfahrt und Sie wollen nie was anderes machen." Doch jetzt genug geredet, meint er und greift zum Akkuschrauber. Der Tisch soll noch bis zum Abendbrot fertig werden. Auch wenn keiner weiß, wann der zum ersten Mal zum Einsatz kommt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 14.06.2021 | 05:00 Uhr

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