Stand: 10.10.2018 15:15 Uhr

Nord Stream 2 stößt in Lubmin auf Wohlwollen

von Lena Gürtler, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Die 1.200 Kilometer lange Gaspipeline Nord Stream 2 ist ein Geopolitikum - und sie ist nicht nur in Europa politisch umstritten. Zuletzt wetterte US-Präsident Donald Trump gegen das Projekt. Deutschland mache sich abhängig von Russland, argumentiert er. Wie blicken die Bürger vor Ort im vorpommerschen Lubmin, wo die Pipeline anlandet, auf das umstrittene Projekt?

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Bis Ende 2019 soll die umstrittene Erdgaspipeline des russischen Energiekonzerns Gazprom fertiggestellt sein.

Hotelbesitzerin Heidrun Moritz aus Lubmin kann von ihrem Restaurant direkt auf die Verlegeschiffe in der Ostsee blicken. Seit 25 Jahren führt sie das Hotel Seebrücke - zusammen mit ihrer Tochter: zwölf Zimmer und ein kleines Restaurant. Vor allem nachts sei der Anblick schön, sagt sie: "Wenn man hier im Dunkeln spazieren geht und die Schiffe beleuchtet sind, ist es fast wie im Rostocker Hafen. Ich sage immer: Meine 'Aida' ist wieder da. Und um gleich vorzubeugen: Wir haben keine Übernachtungen von Nord Stream hier im Haus."

Mit Aufklärung gegen Misstrauen

Auch sei noch kein Gast wegen der Pipeline oder den Schiffen abgereist, erzählt Moritz weiter. Im Gegenteil: Viele Gäste fänden das alles spannend, sagt sie: "Es wurde ein Infopunkt oben am Hafen eingerichtet. Das heißt, jeder kann sich dort ständig über den Verlauf und die Arbeiten informieren. Das nimmt dem Ganzen etwas das Unheimliche. Man muss sich nur informieren - und schon hat man einen anderen Blickwinkel auf die Sache."

Pipeline-Rohrelemente © dpa - Bildfunk Foto: Jens Büttner

Trump, Lubmin und die Ostseepipeline

NDR Info - Wirtschaft -

US-Präsident Trump wettert gegen den Bau der Pipeline Nord Stream 2, die russisches Gas nach Mecklenburg-Vorpommern liefern soll. Die Menschen in Lubmin sehen die Kritik gelassen.

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Wichtiges Bauvorhaben für Region

Auch Lubmins Bürgermeister Axel Vogt (CDU) ist viel mit Informationsarbeit beschäftigt. Seit der Bau von Nord Stream 2 hier im Sommer begonnen hat, gibt er ständig Interviews - und er tut das gern. Für den Bürgermeister ist die Gaspipeline Teil eines wirtschaftlichen Gesamtkonzepts: "Der Standort Lubmin beherbergt mehrere energetische Großbauprojekte: zum einen den Rückbau eines Atomkraftwerkes, was weltweit in dieser Dimension das erste Mal ist. Zum anderen die Gasprojekte Nord Stream 1 und Nord Stream 2. Das ist schon ein richtiger Energiemix und ein Energieknotenpunkt im Industriegebiet Lubminer Heider - durchaus von europäischer und man kann auch ruhig sagen weltweiter Bedeutung."

Bis zu eineinhalb Millionen Euro Gewerbesteuer

Ein bis eineinhalb Millionen Euro Gewerbesteuer bringt die Pipeline pro Jahr, wenn sie in Betrieb ist. Für eine 2.000-Einwohner-Gemeinde wie Lubmin ist das ein Schatz. Im Jahr 2020 wird Lubmin wahrscheinlich komplett schuldenfrei sein.

Aus einem geopolitischen Streitobjekt zwischen Russland, der EU und den USA werden hier zwei schlichte Gasröhren, die der Gemeinde neue Handlungsspielräume eröffnen. "Ich habe für uns in Lubmin und für mich selbst entschieden, das Projekt Nord Stream 2 gar nicht so sehr zu politisieren", sagt Vogt. "Hier spielen Interessen eine Rolle, die wir von Lubmin aus nicht abschließend beurteilen können. Ich persönlich auch nicht."

Vertrauen in russisches Bauunternehmen ist groß

Am Uferweg geht ein Holzsteg entlang zwischen Wald und Strand - hier finden sich keine Spuren von der Pipeline-Verlegung. Alles ist untertunnelt. Der Strand und auch der Wald. Jürgen Ramthun spaziert entlang, wo er sonst am liebsten joggt. Er ist 62 Jahre alt und hat früher im Kernkraftwerk gearbeitet. Heute ist er Geschäftsführer der Entsorgungsgesellschaft für das Kraftwerk. Ramthun ist auch Vorsitzender des Sportvereins im Ort.

Er - und mit ihm viele andere - vertraut dem russischen Unternehmen Gazprom, das die Pipeline baut. Allerdings nicht wegen der deutsch-sowjetischen Freundschaft aus DDR-Zeiten: "Vielleicht liegt es daran, dass wir vor 1989 viel mit Russland zu tun hatten. Obwohl zu DDR-Zeiten viele versucht haben, nicht zu viel Nähe zur Sowjetunion aufkommen zu lassen. Heute entdeckt man dann doch wieder Gemeinsamkeiten. Irgendwie ist auch die Nähe wieder da, obwohl sie früher vom Staat verordnet wurde", sagt Ramthun. Eine Art deutsch-russische Freundschaft 2.0 also.

Kaum Proteste der Bevölkerung

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Baggerarbeiten führten zu massiven Verschmutzungen durch Schmierfette.

Der Lubminer erzählt, dass selbst die Schmierfett-Klumpen eines Verlegeschiffs, die im Sommer in der Ostsee und am Strand schwammen, das Vertrauen der Menschen hier vor Ort nicht erschüttern konnten. Selbst der Naturschutzbund (NABU) sagt, dass es schwierig sei, die Menschen vor Ort zum Protest zu bewegen. Ramthun kennt eine Handvoll Gegner im Ort. Bei den allermeisten hier verfangen die Argumente der Umweltschützer gegen die Pipeline nicht.

Gas, sagt auch Hotelbesitzerin Moritz, sei doch viel umweltfreundlicher als Kohle. Von Streit mit Russland gar will sie nichts wissen: "Ich kann weder Hass noch Abneigung gegen die russische Kultur oder Seele empfinden. Tut mir leid, da habe ich mit anderen Völkern eher Schwierigkeiten."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 11.10.2018 | 07:41 Uhr

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