Das russische Verlegeschiff "Akademik Tscherski" liegt im Hafen von Sassnitz-Mukran. © dpa-Bildfunk Foto: Jens Büttner

Nord Stream 2: Neue Schiffe in Sassnitz-Mukran eingetroffen

Stand: 07.10.2020 18:05 Uhr

Seit knapp einem Jahr ruht der Bau der Pipeline Nord Stream 2. Doch im Hafen von Sassnitz-Mukran tut sich etwas. Derweil verhängt Polen eine Milliardenstrafe gegen die Nord-Stream-Mutter Gazprom.

Seit Dezember 2019 ruhen die Bauarbeiten an der Ostseepipeline Nord Stream 2. Seinerzeit waren die Verlegeschiffe des Betreibers Allseas nach US-Sanktionsdrohungen abrupt abgezogen worden. Um die fehlenden sechs Prozent der Erdgasleitung fertigzustellen, war das Verlegeschiff "Akademik Cherskiy" aus der ostrussischen Stadt Nachodka am Japanischen Meer in die Ostsee beordert worden.

Verlegeschiff "Akademik Cherskiy" wurde umgebaut

Doch bis heute hat das Spezialschiff noch nicht mit dem Weiterbau begonnen. Stattdessen wurde es im Hafen von Sassnitz-Mukran auf Rügen umgebaut. Die Schweißstraße im Schiffsinneren musste an die Rohrbreite angepasst werden, auch ein neues Ankersystem wurde installiert. Doch seit dem vergangenen Freitag ist der Liegeplatz der "Akademik Cherskiy" verwaist.

Testfahrten vor Kaliningrad?

Das Schiff hat die deutschen Gewässer verlassen und Kurs auf Kaliningrad genommen. Dort liegt es laut dem Portal marinetraffic.com etwa 30 Kilometer vor der Küste. Zwar hält sich das Konsortium Nord Stream 2 mit Aussagen zur "Akademik Cherskiy" bedeckt, aber vieles scheint dafür zu sprechen, dass sie die Verlegearbeiten vollenden soll. So berichtet das russische Portal neftegaz.ru, dass das Spezialschiff Testfahrten in sicheren russischen Hoheitsgewässern durchführen soll.

Drei russische Schiffe in Sassnitz-Mukran eingetroffen

Auch im Hafen von Sassnitz-Mukran scheinen die Vorbereitungen weiterzulaufen. Nach Angaben von Nord Stream 2 liegen dort noch rund 17.000 Pipeline-Rohre. Diese wurden bisher von verschiedenen Zulieferschiffen weltweit operierender Unternehmen zu den Verlegeschiffen transportiert. Weil solche Zulieferer allerdings auch unter bestehende und geplante amerikanische Sanktionen fallen würden, hat Russland auch hier reagiert: Am Wochenende trafen die drei russischen Zulieferschiffe "Finval", "Errie" und "Umka" in Sassnitz-Mukran ein. Zudem gibt es noch das Verlegeschiff "Fortuna", das aber nur für Arbeiten im Flachwasserbereich ausgelegt sein soll. Es fuhr heute von Rostock nach Wismar.

Wettlauf mit der Zeit

Für Nord Stream 2 könnte es ein Wettlauf mit der Zeit werden: Denn die Ostseepipeline ist hierzulande und in den USA zum Wahlkampfthema geworden. Das Betreiberkonsortium dürfte also ein Interesse daran haben, sämtliche Rohre so früh wie möglich verlegt zu haben, bevor doch noch ein Baustopp auf den Weg gebracht wird.

Milliarden-Strafe für Gazprom aus Polen

Weiterer Ärger steht dem russischen Nord-Stream-2-Mutterkonzern Gazprom unterdessen aus Polen ins Haus. Die polnische Behörde für Wettbewerb und Verbraucherschutz (Uokik) verhängte am Mittwoch eine Rekordstrafe in Höhe von 29 Milliarden Zloty (umgerechnet rund 6,45 Milliarden Euro) gegen Gazprom. Fünf weitere an dem Projekt beteiligte Firmen sollen zudem 52 Millionen Euro zahlen - darunter auch die deutschen Unternehmen Uniper und Wintershall.

Vor zwei Jahren Kartellverfahren eingeleitet

Die Wettbewerbsbehörde hatte bereits 2016 gewarnt, dass Nord Stream 2 nach Auffassung der Kartellwächter den Wettbewerb beeinträchtigen könnte und hatte der Projektgesellschaft, an der auch der französische Konzern Engie, der britisch-niederländische Konzern Shell sowie OMV aus Österreich als Finanzinvestoren beteiligt sind, ihre Zustimmung verweigert. 2018 dann hatte die polnische Wettbewerbsbehörde ein kartellrechtliches Verfahren eingeleitet. Beobachter vermuten hinter der Strafe eine Reaktion auf die Tatsache, dass Nord Stream 2 die strategische und wirtschaftliche Bedeutung alternativer Pipelines schwächt - speziell in den Transitländern Polen und der Ukraine.

Daten zur Ostsee-Pipeline Nord Stream 2

  • Gesamtinvestitionen: ca. 8 bis 10 Milliarden Euro
  • Bauzeit: 2018 bis 2020 (geplant) Länge: ca. 1.230 Kilometer (weitgehend parallel zu den bestehenden Leitungen)
  • Ausgangspunkt: Narwa-Bucht bei Ust-Luga an der russischen Ostseeküste
  • Endpunkt: Lubmin bei Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern
  • Betreiber: Nord Stream 2 AG
  • Kapazität: Durch die zwei Röhren können bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr geliefert werden
  • Die Pipeline liegt größtenteils auf dem Meeresboden auf, 200.000 betonummantelte Rohre (jedes 24 Tonnen schwer) werden verlegt. In Flachwasserbereichen, wie dem Greifswalder Bodden, sind die Rohre eingegraben.

Weitere Informationen
Das russische Verlegeschiff "Akademik Tscherski" liegt im Hafen von Sassnitz-Mukran. © NDR Foto: NDR

Gutachten: Nord-Stream-Sanktionen kein Völkerrechts-Verstoß

Die US-Sanktionsdrohungen im Zuge des Baus der Pipeline Nord Stream 2 sind nicht klar rechtswidrig. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 07.10.2020 | 12:00 Uhr

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