Stand: 15.03.2020 16:22 Uhr

Nach Grenzschließung: Chaotische Szenen auf Usedom

Seit Mitternacht hat Polen die Grenzen für alle Ausländer geschlossen. Die befürchteten Staus in Grenznähe sind in Mecklenburg-Vorpommern ausgeblieben. Auf Usedom kam es allerdings bei der Abreise deutscher Seniorengruppen zu chaotischen Szenen.

Die Urlauber waren in Hotels in Swinemünde - im polnischen Teil der Insel - zu Gast und wollten abreisen. Sie konnten jedoch nicht abgeholt werden, weil die deutschen Busse ihrer Reisegruppen nicht über die Grenze kamen, um sie abzuholen. Deshalb brachten die polnischen Hotels die Urlauber mit Kleinbussen kurzerhand an einen Kontrollpunkt einige Hundert Meter vor dem Grenzübergang Garz. Von dort mussten die meist betagten Reisenden - einige mit Stock und Rollator - ihr Gepäck zu Fuß zurück nach Deutschland schleppen. Einige stürzten, die Stimmung war angespannt, berichtete ein Augenzeuge.

Neues Grenzregime stoppt Autodiebe

Für die Besitzerin eines teuren Sportwagens hat sich dagegen der neue Grenzalltag dagegen womöglich ausgezahlt: Das 70.000 Euro teure Auto wurde laut Polizei kurz vor Mitternacht in Burg Stargard bei Neubrandenburg abgestellt und war am Sonntagmorgen verschwunden. Noch während der Anzeigenaufnahme sei dann von der deutsch-polnischen Koordinierungsstelle Swiecko die Information gekommen, dass ein Sportwagen bei Mierzyn kurz vor Stettin (Szczecin) gefunden worden sei. Dabei handelte es sich um den unbeschädigten Wagen aus Burg Stargard.

Regelung gilt zunächst für zehn Tage

Polen hatte die Grenze um Mitternacht geschlossen, um seine Bürger vor dem Coronavirus zu schützen. Die Regelung gilt zunächst für zehn Tage, könnte aber um 20 Tage oder einen weiteren Monat verlängert werden. Die Deutsche Bahn stellte wegen der Grenzschließung den Zugverkehr nach Stettin ein. Die Züge aus Richtung Neubrandenburg enden in Löcknitz. Die Züge aus Berlin fahren nur bis Tantow.

Vorpommern-Greifswald: Autofahrer werden abgewiesen

Am Grenzübergang Linken bei Löcknitz ließen die Behörden kurz vor Mitternacht Straßensperren errichten. Die Polizei sowie der polnische Zoll kontrollieren seitdem mit mehreren Einsatzfahrzeugen den Bereich am Grenzübergang. Einige Autofahrer wurden bereits einigen Minuten nach der Grenzschließung von der polnischen Polizei am Grenzübergang abgewiesen. Das gleiche Bild gab es in Ahlbeck auf Usedom - an der "längsten Strandpromenade Europas". Auch dort war die Straße ins polnische Swinemünde blockiert. Einige Autofahrer, die die Sperre passieren wollten, wurden zurückgeschickt. Ein Sprecher der Bundespolizei berichtete, dass an kleineren Grenzübergängen auch improvisiert wurde: "An manchen Straßen wurden Kiesladungen abgeladen wie bei Ladenthin, an anderen Stellen liegen Betonplatten oder stehen Verkehrsbaken."

Ausländer mit Arbeitserlaubnis müssen in Quarantäne

Polen und Ausländer, die in Polen legal arbeiten, dürfen ins Land. Sie müssen aber, wenn sie mit dem Auto einreisen, eine 14-tägige Quarantäne in den eigenen vier Wänden durchlaufen. Der grenzüberschreitende Warenhandel werde aber nicht eingeschränkt, hieß es. Der Landkreis Vorpommern-Greifswald wies darauf hin, dass die Einreise in solchen Fällen lediglich über die Grenzübergänge Garz auf Usedom sowie Pomellen an der A11 möglich sei.

Von Taxis abholen lassen

Dort werden Reisende an der A11 etwa 300 Meter hinter der Grenze an einer Tankstelle kontrolliert. "Wer keine Berechtigung hat, nach Polen einzureisen, muss aussteigen und zurück zur Grenze laufen, wo sich schon einige mit Taxis wieder abholen lassen mussten", sagte ein Polizeibeamter. Die polnischen Behörden führen dort auch Gesundheitskontrollen durch. Auch die Einreise nach Deutschland erfolgt im Bereich des Landkreises ausschließlich über diese beiden Grenzübergänge.

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Staus in Brandenburg und Sachsen

Während es in Mecklenburg-Vorpommern an den Grenzübergängen zu keinen Staus kam, war dies in der Nacht zum Sonntag in Brandenburg und Sachsen anders. Vor dem Grenzübergang Jedrzychowice an der A4 bei Görlitz gab es durch die Kontrollen sieben Stunden Wartezeit, in Swiecko an der A12 bei Frankfurt/Oder mussten Autofahrer fünf bis sechs Stunden warten, wie ein polnischer Grenzschutzbeamter der Nachrichtenagentur dpa sagte. In ersten Meldungen hatte es noch geheißen, dass es zu keinen größeren Staus gekommen sei.

"Türen schließen vor der Pandemie"

Polen hatte bereits vor einigen Tagen mit drastischen Mitteln auf das Coronavirus reagiert. "Wir schließen damit die Türen vor der Pandemie. Wir schließen sie vor der Gefahr und schützen die polnischen Bürger", so Ministerpräsident Mateusz Morawiecki nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates.

Schulschließungen seit Wochenmitte

Die Warschauer Regierung nutzt derzeit Notstandsregeln, die für den Fall einer Epidemiegefahr vorgesehen sind. Es sind ihre bislang radikalsten Maßnahmen nach der zur Wochenmitte verfügten landesweiten Schließung von Schulen, Kindergärten, Universitäten, Kinos und Museen. Nun sollen alle Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern verboten werden - auch Gottesdienste. Restaurants und Bars müssen ebenfalls schließen, dürfen aber vor die Haustür liefern.

Gähnende Leere auf den Straßen Swinemündes

In Swinemünde auf Usedom sind die Folgen der drastischen Schutzmaßnahmen bereits deutlich spürbar. Wo sich sonst zahlreiche Menschen aufhalten, herrscht gähnende Leere - etwa in Einkaufsstraßen und auf zentralen Plätzen. Viele Läden und die Einkaufszentren sind geschlossenen, in den Supermärkten gibt es viele leere Regale.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 15.03.2020 | 12:00 Uhr

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