Stand: 06.03.2020 12:31 Uhr

Löcknitz: Rechtsextreme Strukturen verhärtet

von Lennart Banholzer, NDR 1 Radio MV

Nein, mit der Presse wolle er nicht sprechen, sagt Dirk Bahlmann, ehemaliger NPD-Gemeindevertreter am Telefon. Die würde nur lügen und gehöre zu einer "Deutschland GmbH". Der 51-Jährige aus Löcknitz (Kreis Vorpommern-Greifswald) ist ein sogenannter Reichsbürger, der die Existenz der Bundesrepublik Deutschland anzweifelt. Aus deren irrationaler Weltsicht haben die Institutionen des Staates keine Befugnisse - weder Gerichte oder Ämter noch die Polizei.

VIDEO: Rechtsextreme Strukturen in Löcknitz verhärtet (4 Min)

Richter in Pasewalk bedroht

Vor Kurzem bedrohte Bahlmann bei einer Gerichtsverhandlung in Pasewalk den Richter. Die Polizei sah sich deshalb veranlasst, die Mitarbeiter des Gerichts besser zu schützen. Ende Februar 2020 wurde der Mann außerdem für kurze Zeit in Gewahrsam genommen: Nach einem Lagerfeuer vor einem Garagenkomplex in Löcknitz soll er bei einer Kontrolle die Polizei angegriffen haben. Bei dem Vorfall wurden drei Polizisten verletzt. Das Verfahren dazu läuft noch. Der 51-Jährige ist laut Polizei der Mittelpunkt der rechtsextremen Szene in Löcknitz. Er soll gut 25 Personen um sich geschart haben.

Garagenkomplex dient Rechtsextremen als Treffpunkt

Der Garagenkomplex ist regelmäßiger Treffpunkt der Rechtsextremen. Laut Polizei sind dort sieben Garagen zu einem Veranstaltungsraum miteinander verbunden. Es gibt eine Bühne, eine Schankanlage, eine Heizung und eine Kasse. Am Dienstag verkündete der Landkreis nun, die Garagen der Rechtsextremen dürften nicht weiter für Veranstaltungen genutzt werden. Es handele sich dabei um eine Zweckentfremdung. Sollte gegen das Verbot verstoßen werden, würden 1.500 Euro Strafe fällig. Ein Verbot mit ähnlicher Begründung hatte der Kreis bereits im Jahr 2008 verhängt. Damals waren in dem Garagenkomplex zwei Polizisten in ihrem Streifenwagen von Rechtsextremen überfallen worden. Die Polizei umstellte damals das Gelände und nahm 24 Verdächtige fest. Zwei von ihnen wurden zu Haftstrafen verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Anwohner reagieren nicht - Polizei vermutet Gleichgültigkeit oder Sorge

Garagenkomplex in Löcknitz.
In diesem Garagenkomplex traf sich die Gruppe immer wieder.

Der Treffpunkt im Garagenkomplex ist in Löcknitz bekannt, wie Bewohner des Ortes bestätigen. Viele haben in dem Komplex selbst eine der etwa 150 Garagen. Er liegt nur wenige Minuten zu Fuß vom Ortskern entfernt. Die Garagen der Rechtsextremen sind auch von außen gut durch ein Schild mit der Aufschrift "Deutsches Schutzgebiet" erkennbar. Wenn dort Veranstaltungen stattfänden, gebe es kaum Reaktionen von Anwohnern, so Gunnar Mächler, Polizeidirektor im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Andernorts gebe es bei vergleichbaren Veranstaltungen Beschwerden von Bürgern - wegen Ruhestörung. Beim Garagenkomplex in Löcknitz aber nicht. Als Ursache vermutet die Polizei entweder Gleichgültigkeit oder Angst.

In seiner Bürgersprechstunde hätten sich Löcknitzer zum kürzlichen Einsatz geäußert, so der Bürgermeister von Löcknitz, Detlef Ebert (CDU). Viele Menschen hätten kein Verständnis dafür, wenn die mutmaßlichen Täter nach Attacken auf die Polizei schnell wieder aus dem Gewahrsam entlassen werden. 

Verfassungsschutz: Weltsicht der Szene birgt Gefahren

In den vergangenen Jahren waren in Löcknitz immer wieder Neonazis in Erscheinung getreten - fast immer war Bahlmann beteiligt. Schon 2003 zerstörte er einen Gedenkstein für eine Synagoge mit Hammer und Meißel. Anschließend äußerte er sich antisemitisch. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" zitierte Aussagen von ihm, in denen er die Gedenktafel als "Beleidigung für alle guten Deutschen" und den Holocaust als "jüdische Erfindung" bezeichnete. 2012 lief er als Mitglied der NPD bei einem Festumzug in Löcknitz mit. Einige der Männer traten dort in SS- und SA-Uniform auf.

2013 veranstaltete Bahlmann ein Rechtsrock-Konzert in Rossow, zu dem Personen aus dem gesamten norddeutschen Raum sowie aus Bayern anreisten. Laut Polizei damals "alle szenerelevant". Auch ein Solidaritätskonzert für den verurteilten NSU-Helfer Ralf Wohlleben soll Bahlmann veranstaltet haben. Der Verfassungsschutz teilte mit, in Mecklenburg-Vorpommern gebe es etwa 500 sogenannte Reichsbürger und Selbstverwalter. Die verschwörungstheoretisch aufgeladene und irrationale Weltsicht der Szene berge erhebliche Gefahren in sich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 05.03.2020 | 16:15 Uhr

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