Stand: 09.10.2018 17:00 Uhr

JVA Bützow: Stellenplan auch künftig zu knapp

Hinter den Mauern der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bützow (Landkreis Rostock) rumort es. Inhaftierte haben sich in einem offenen Brief an das Justizministerium gewandt und die Haftbedingungen kritisiert. Nun wollen sie das Land auf Schadenersatz verklagen. Zunächst hatte das Justizministerium die Vorwürfe als "haltlos" zurückgewiesen. Jetzt rudert der zuständige Abteilungsleiter zurück. Auch die Gefängnisleitung hat die Kritik der Gefangenen in nahezu allen Punkten bestätigt.

Anstaltsleiter: "Stellenplan in der JVA zu knapp bemessen"

Ein sehr hoher Krankenstand und seit langem nicht besetzte Stellen in Größenordnung, das sind zwei Gründe für die sehr angespannte Personalsituation in der JVA. Das sagte Frank Grotjohann, der Leiter der Anstalt, gegenüber NDR 1 Radio MV. Resozialisierungsmaßnahmen müssten deshalb entfallen, ein ganztägiger Einschluss komme vor und auch die Arbeit der Häftlinge in den Werkstätten sei nicht immer abgesichert. Ebenso bestätigte er Fälle von Drogenmissbrauch in nicht genanntem Umfang. Aktuell gibt es für mehr als 400 Gefangene nur einen Suchtberater, so Grotjohann. Auch wenn, wie angekündigt, offene Stellen besetzt werden sollten, könne er nicht versichern, dass zukünftig der Anstaltsalltag störungsfrei laufen werde. Dazu sei der Stellenplan in der JVA einfach zu knapp bemessen.

Massive Vorwürfe

Der offene Brief hat vier Seiten, und die Kritik hat es in sich: So heißt es unter anderem, dass Maßnahmen der Resozialisierung nicht umgesetzt, Insassen ganztägig in ihren Zellen eingeschlossen würden und sich die Drogen-Problematik hinter Gittern gravierend verschärft habe. Außerdem würden Entlassungskandidaten ohne Vorbereitung auf die soziale Eingliederung vor die Tür gesetzt werden. Kern des Problems, so heißt es in dem offenen Brief, sei das fehlende Personal in der JVA.

Downloads
1 MB

Offener Brief der Inhaftierten der JVA Bützow

In einem Schreiben an das Justizministerium Mecklenburg-Vorpommern fordern die Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt Bützow mehr Fachpersonal. Download (1 MB)

"Hier wird man nur weggesperrt"

"Hier wird man einfach nur weggesperrt", sagte Stephan Treichel NDR 1 Radio MV. Treichel ist seit einem Jahr in der JVA Bützow inhaftiert und hat an dem Brief mitgearbeitet. "Die sind total hektisch. Dann gehen die auch durch und machen einen Einschluss, weil sie überfordert sind", so Treichel weiter.

Gewerkschaft beklagt Personalmangel

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft im Strafvollzug, Hans-Jürgen Papenfuß, ist selbst in Bützow beschäftigt. Die Gewerkschaft weise bereits seit Jahren auf den Personalmangel hin, so Papenfuß. Laut Gewerkschaft sind in der JVA von 215 Stellen derzeit 30 nicht besetzt. "Die Inhaftierten setzen sich dafür ein, dass es den Bediensteten besser gehen muss, damit sie besser arbeiten können", meint Papenfuß.

Justizministerium weist zunächst Kritik zurück

Das Justizministerium hat bislang nicht offiziell bestätigt, dass der offene Brief eingegangen ist. Es hatte die Kritik der Inhaftierten in allen Punkten zurückgewiesen. "Die JVA Bützow wird pflichtbewusst und verantwortungsvoll geführt. Die entsprechenden Vorwürfe aus dem offenen Brief sind haltlos", hieß es in einer Stellungnahme. Jetzt rudert Jörg Jesse, Abteilungsleiter im Justizministerium, ohne weitere Begründung zurück.

Temporäres Problem durch Schließung in Neubrandenburg

Die Personalknappheit sei ein temporäres Problem, die durch die Umstrukturierung im Bereich der Justizvollzugsanstalten in MV verursacht wurde, so Jesse. Die JVA Neubrandenburg sei kürzlich aufgelöst worden. Im letzten Monat seien dadurch 19 Stellen in der Anstalt Bützow nicht besetzt gewesen. Seit dem 1. Oktober aber seien zwölf Versetzungen von Neubrandenburg nach Bützow erfolgt. Zum Ende des Jahres soll das Personalproblem durch weitere Versetzungen dann vollends behoben sein, heißt es von Jörg Jesse aus dem Schweriner Justizministerium.

Inhaftierte wollen auf Schadenersatz klagen

Die Häftlinge kündigten an, das Land wegen der Verletzung ihrer Grundrechte auf eine Schadenersatzzahlung von mindestens 1.000 Euro verklagen zu wollen. Wie viele Gefangene schließlich die Klage einreichen werden, ist noch nicht abzusehen.

Weitere Informationen

Letzte Insassen verlassen JVA Neubrandenburg

Die Justizvollzugsanstalt Neubrandenburg wird Ende des Jahres geschlossen. Im Laufe des Tages sollen die letzten Insassen in andere Gefängnisse des Landes verlegt werden. (25.09.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 08.10.2018 | 15:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

02:23
Nordmagazin
01:34
Nordmagazin
00:52
Nordmagazin