Stand: 13.05.2019 06:00 Uhr

Es hakt beim Rettungsdienst an der Grenze

von Charlotte Horn, NDR Info
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Die Grenze zwischen Deutschland und Polen ist seit Jahren offen, doch Einsätze von Rettungssanitätern im Grenzgebiet sind trotzdem kompliziert.

Vor acht Jahren haben Deutschland und Polen ein Rahmenabkommen über die Zusammenarbeit im Rettungsdienst unterzeichnet, doch es gibt immer noch viele offene Fragen. Seit mehr als einem Jahr versucht ein durch die EU gefördertes Projekt den grenzüberschreitenden Rettungsdienst in der Region rund um die Insel Usedom zu verbessern.

Zwischen dem deutschen Seebad Heringsdorf und dem polnischen Swinemünde liegen gerade einmal zehn Kilometer. Heute erinnern nur noch zwei Pfeiler in den deutschen und polnischen Nationalfarben an die Grenze. Bis zum Eintritt Polens in die EU vor 15 Jahren kontrollierten hier Polizei und Zoll.

An diesem sonnigen Sonnabend fahren vor allem Autos mit deutschem Kennzeichen vorbei. Einige deutsche Touristen gehen zu Fuß - zum Wochenendausflug kurz nach Polen.

Warum stoppen die Rettungswagen an der Grenze?

Taxifahrer Zbigniew Glinski beobachtet die Grenzgänger von der polnischen Seite aus. Er sieht regelmäßig, wie ein polnischer Rettungswagen über die Grenze fährt und einen Patienten an einen deutschen Rettungswagen übergibt - und umgekehrt. Bei jedem Wetter würden diese Übergaben stattfinden, auch wenn es regnet oder schneit. "Meine Frage ist, warum die deutsche Ambulanz nicht bis zum polnischen Krankenhaus fährt - und warum die polnische Ambulanz nicht auf die deutsche Seite fährt?"

Diese Frage stellt sich auch Sven Hennings. Der Notfallsanitäter leitet die Rettungswachen des Deutschen Roten Kreuzes im Landkreis Vorpommern-Greifswald - auch die Hauptwache auf der Insel Usedom. Gerade in der Hochsaison im Sommer steige hier die Zahl der Grenztouristen und der polnischen Saisonarbeiter. Dann hätten sie fast täglich Einsätze an der Grenze, so Hennings. Denn alle Patienten wollten lieber in der Heimat medizinisch versorgt werden.

Patienten können die Leidtragenden sein

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Der Notfallsanitäter Sven Hennings kennt die Probleme bei den grenzüberschreitenden Einsätzen aus eigener Erfahrung.

"Mein letzter grenzüberschreitender Einsatz ist ein Einsatz gewesen, wo ein deutscher Tourist in einem polnischen Hotel schwer gestürzt war. Er hatte sich tatsächlich schwere Verletzungen zugezogen, wurde von der polnischen Seite erstversorgt und dann direkt von diesem Hotel an die Grenze gebracht, wo wir den Patienten übernommen haben."

Wegen der schweren Verletzungen hätten sie einen Rettungshubschrauber alarmiert, der den Patienten dann in die Uniklinik nach Greifswald geflogen habe, erzählt der Notfallsanitäter. Denn noch dürfen Rettungshubschrauber nicht einfach über die Landesgrenzen fliegen. Man frage sich: "Muss das alles sein?", so Hennings: "Wenn man weiß, was der Patient schon hinter sich hatte, bis wir ihn aufgenommen haben, dann weiß man: Diese Projekte sind wichtig."

Förderung aus dem EU-Fonds für regionale Entwicklung

Hennigs meint das EU-Projekt des grenzüberschreitenden Rettungsdienstes. Die Universitätsmedizin Greifswald hat das Projekt zusammen mit sechs Partnern - wie dem Landkreis Vorpommern-Greifswald und dem polnischen Westpommern - initiiert. Seit eineinhalb Jahren fördert der EU-Fonds für regionale Entwicklung das Projekt mit insgesamt 2,3 Millionen Euro - mit eingerechnet ist ein geringer Eigenanteil.

Klaus Hahnenkamp ist Direktor der Greifswalder Universitäts-Klinik für Anästhesiologie. Er leitet das Projekt. Es gehe dabei darum, dass Patienten im Notfall gerade in der ländlichen Grenzregion in die nächste Klinik gebracht werden können: "Aber an der Grenze ist es so, dass sie durch eine künstliche Grenze dafür sorgen, dass nicht der nächste Ort angefahren wird, sondern der nächste Ort, der in dem Land liegt, wo der Unfall passiert. Und das ist etwas, was wir auflösen wollen."

"Im Moment helfen wir uns zufällig"

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Lutz Fischer hofft darauf, dass im Sommer ein Kooperationsvertrag zwischen dem Landkreis Vorpommern-Greifswald und dem polnischen Westpommern unterzeichnet wird.

Auch Lutz Fischer sieht als ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Vorpommern-Greifswald Handlungsbedarf: "Wir sind im Moment dabei, uns zufällig zu helfen. Wir fahren als deutscher Rettungsdienst ohne Probleme nach Polen, weil wir wissen, dass es einen Rahmenvertrag gibt, der das abdeckt. Die polnische Seite macht das umgekehrt nicht, weil die auf den Kooperationsvertrag wartet, in dem Dinge näher beschrieben sind."

Im Sommer will der Landkreis Vorpommern-Greifswald den Kooperationsvertrag mit dem polnischen Westpommern unterzeichnen - es wird der erste Vertrag dieser Art an der deutsch-polnischen Grenze. Er soll vor allem versicherungsrechtliche Grundlagen für die Zusammenarbeit schaffen und bei einem Notfall für eine bessere Verständigung beider Seiten sorgen. Ein Problem bleibt dabei die Finanzierung der grenzüberschreitenden Rettung: "Ohne EU-Mittel wäre der Kooperationsvertrag zwar zustande gekommen, aber die Ausübung dessen, was wir im Kooperationsvertrag vorsehen, wäre holprig."

Intensiv-Sprachkurse für Rettungskräfte

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Die EU-Fördergelder machen auch Intensiv-Sprachkurse für die Rettungskräfte möglich.

Die deutschen und die polnischen Behörden begrüßen das Projekt, geben aber bisher kein Geld. Dank der EU-Fördermittel aber könnten sie die Zusammenarbeit ausbauen und zum Beispiel Sprachkurse anbieten, so Notarzt Lutz Fischer. Zurzeit laufen die dreiwöchigen Intensiv-Kurse in beiden Ländern für jeweils 40 Rettungskräfte. Erkrankungen, Kreislauf, Puls oder Blutdruckwerte - Fachbegriffe und Zahlen auf polnisch, die im Notfall Leben retten.

Tomasz Ucinski hat den Sprachkurs speziell für Rettungskräfte zusammen mit dem Greifswalder Institut für Slawistik entwickelt. Der Pole arbeitet als Anästhesist an der Uniklinik und als Notarzt auf der Insel Usedom: "Ich war mehrmals als Heringsdorfer Notarzt zur Grenze gerufen worden, wo uns die polnischen Kollegen einen Patienten zur Grenze gebracht haben. Da ging es darum, eine richtige Übergabe zu bekommen. Dadurch, dass ich zweisprachig bin, war das kein Problem."

Simulationstraining ab Herbst

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Vorteil für den Notarzt Tomasz Ucinski: Er spricht sowohl deutsch als auch polnisch.

Ucinski hat im Rahmen des EU-Projekts auch ein Simulationstraining erarbeitet, an dem die polnischen und deutschen Rettungskräfte im Herbst gemeinsam teilnehmen werden.

Vor der Öffnung der Grenze wäre eine solche Kooperation noch nicht möglich gewesen, sagt der Arzt, der auch für den polnischen Rettungsdienst gearbeitet hat: "Das war damals nicht so einfach. Da musste man die Genehmigung von Zoll und Polizei einholen, dass der Rettungswagen dann die Grenze passieren kann und dass der Patient wieder nach Deutschland gebracht wird."

Notfall-Großübung nur für deutsche Rettungskräfte

Eine Notfall-Großübung am Flugplatz Heringsdorf. Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei - alle üben den Ernstfall - zumindest alle deutschen Rettungskräfte. Dass der ein paar Kilometer entfernte polnische Rettungsdienst noch nicht mit eingebunden werden kann, bereitet Lutz Fischer vom Landkreis Kopfzerbrechen: "Andere Kreise sind mitten im Land. Und wenn es doch mal schwere Unfälle gibt, Masseneinnfall von Verletzten oder Ähnliches, können die sich ringsherum bedienen - und wir nicht. Bisher nicht."

Vorbild ist der Einsatz an der deutsch-niederländischen Grenze

Als Vorbild sieht der Notarzt den grenzüberschreitenden Rettungsdienst an der deutsch-holländischen Grenze: "Dass man sich nicht nur Hilfe holt, wenn die Ressource knapp ist, sondern dass man regulär sagt: Dieses Gebiet wird von Rettungsdienstes des anderen Landes regulär versorgt. Krankenhäuser werden regulär angeflogen, weil es das nächste Krankenhaus ist für Bürger, die auf deutschem Boden direkt an der Grenze wohnen. Aber so weit sind wir noch lange nicht."

Seiner Meinung nach liegt das vor allem an dem größeren wirtschaftlichen Niveau-Unterschied zwischen Deutschland und Polen: "Wir haben auf Usedom ein Krankenhaus, das ist immerhin in Swinemünde. Das könnte unser Inselkrankenhaus sein. Aber da kann ich ihnen auch sagen: da muss man bei den Menschen hier in Deutschland einen großen Hebel umlegen, damit ein Deutscher nach Polen ins Krankenhaus geht. Sie fahren dann lieber den weiteren Weg nach Wolgast."

Auch Kommunikation der Leitstellen muss verbessert werden

Inzwischen haben Lutz Fischer und seine Mitstreiter einen Folge-Antrag für Förderung bei der EU eingereicht. Ihre nächste Idee: Tablets mit einem Übersetzungsprogramm und zweisprachigen Protokollen - direkt anwendbar im Einsatz. Bisher hatte das Brüssel aus Datenschutzgründen abgelehnt. Außerdem ist langfristig ein gemeinsamer Funk geplant. Denn bisher laufe die Kommunikation der Rettungsleitstellen beider Länder noch per Fax, so Lutz Fischer: "Wir verlieren wertvolle Zeit, wenn wir das wirklich brauchen gegenseitig."

Und auch Notfall-Sanitäter Sven Hennings hofft darauf, "dass dann, egal auf welcher Seite, die jeweiligen Rettungsmittel die ausgewählte Klinik direkt anfahren - und wir eigentlich die Grenzübergänge nicht mehr haben."

Ein Rettungssanitäter steigt an der Beifahrerseite in einen Rettungswagen ein. © NDR Foto: Charlotte Horn

Rettungsdienste ohne Grenzen dank EU?

NDR Info - Aktuell -

Die Grenzen sind durchlässig, aber das "grenzenlose Europa" entsteht nur vor Ort - zum Beispiel durch die deutsch-polnische Zusammenarbeit im Rettungswesen auf Usedom.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 13.05.2019 | 06:38 Uhr

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