Stand: 20.11.2019 00:00 Uhr

Die Anwältin, die bei Cyber-Mobbing weiterhilft

Unter dem Titel "Nicht meckern, machen!" berichtet NDR Info gemeinsam mit der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung", den "Kieler Nachrichten", der "Ostsee-Zeitung" und dem "Hamburger Abendblatt" über Menschen, die etwas bewegt haben. Die es mit beispielhaftem Engagement, klugen Ideen, großem Mut oder einem langen Atem geschafft haben, Dinge zum Besseren zu verändern. Zu diesen "Machern" gehört die Rechtsanwältin Gesa Stückmann aus Rostock. Sie hilft Schülern und Schülerinnen in Norddeutschland, sich gegen Cyber-Mobbing und Beleidigungen aus dem Netz zu wehren.

von Lenore Lötsch

Gesa Stückmann steht auf einem Styropor-Podest vor einem gläsernen Schreibtisch und testet die Mikrophone. Zwei Scheinwerfer strahlen ihr Gesicht an, und sie fixiert die Webcam vor sich. Die Schüler der 5. und 6. Klasse in Glinde und in Neubrandenburg können die Rechtsanwältin sehen und hören, sie aber kann bei ihrem Webinar über Cyber-Mobbing nicht in die Klassen schauen. Als erstes will Gesa Stückmann wissen: "Benutzt jemand von euch überhaupt Facebook?"

Zwei Minuten dauert die Auszählung der Stimmen im Klassenraum, dann erscheint ein kleines Symbol auf dem Bildschirm von Gesa Stückmann. Das Ergebnis: In einer Klasse gibt es niemanden, in der anderen Klasse ein paar. Aber alle benutzen WhatsApp, obwohl der Messenger-Dienst ein Mindestalter von 16 Jahren verlangt.

Cyber-Mobbing ist Dauerstress

Der Arbeitsplatz von Gesa Stückmann mit Monitoren und einem Stehpult  Foto: Leonore Lötsch
So sieht der Arbeitsplatz von Gesa Stückmann aus, wenn sie ihre Online-Seminare für Schulklassen hält.

Vor 13 Jahren saßen in ihrer Kanzlei in der Nähe des Rostocker Bahnhofs verzweifelte Eltern, deren Kind bei "Schüler VZ" gemobbt wurde. Damals zuckten noch viele Lehrer mit den Schultern und entgegneten: "Gab es doch schon immer! Mussten wir auch durch!" Gesa Sückmann aber war schnell klar: Cyber-Mobbing ist eben kein Ärgern, Sticheln, sich Beschimpfen, ein paar Streiche Spielen: Es ist Dauerstress, es hört auch nach der letzten Schulstunde nicht auf und Cyber-Mobbing wird brutaler, weil die Täter sich in der Anonymität verstecken können.

An der Aufklärung fehlt es

Die Fälle von Cyber-Mobbing auf ihrem Schreibtisch nahmen zu, die Plattformen veränderten sich, immer neue Apps und Programme entstanden, an den Schulen und in vielen Elternhäusern aber fühlte sich kaum jemand für Aufklärung verantwortlich. So sind Gesa Stückmans Webinare, die pro Klasse 60 Euro kosten, eine Art erstes Rechtsseminar an den Schulen.

Das Ziel: zu vermitteln, dass man auch Rechte hat. Man könne sich auch wehren, sagt Stückmann: "Ich habe Schulsozialarbeiter, die sagen: 'Die stehen bei uns Schlange, weil denen genau das eben klar geworden ist: Ich muss mir das alles nicht gefallen lassen."

Das Netz vergisst nichts

Dass der Administrator, der eine WhatsApp-Gruppe erstellt, für die Inhalte verantwortlich ist, dass peinliche Snapchat-Bilder sich nicht - wie versprochen - unwiederbringlich zerstören, sondern reproduzierbar sind, erzählt die Rostockerin den Schülerinnen und Schülern. Sie wird dabei immer konkret: Sie erzählt von Fällen, die vor Gericht landeten und vom Urteil, nennt konkrete Summen. Und sie ärgert sich dann doch manchmal, nicht in die Gesichter der Mädchen und Jungen sehen zu können, wenn hoffentlich der Erkenntnisprozess einsetzt.

Link

Was tun bei Cyber-Mobbing?

Das von der EU unterstützte Portal klicksafe.de informiert ausführlich darüber, wie sich Jugendliche gegen Cyber-Mobbing wehren können. extern

Manches ist eine Straftat

"Bei den Großen ab der 7. Klasse erzähle ich vom Recht am eigenen Bild: Wenn eine 12-Jährige sich bei der Selbstbefriedigung filmt und man das Video teilt, dann ist das Kinderpornographie verbreiten oder auch besitzen, wenn ich es auf dem Handy habe. Und das sind natürlich Straftaten", erklärt die Expertin.

"Hinschauen wäre ein erster Schritt"

Gesa Stückmann setzt seit 13 Jahren auf Prävention und auf Aufklärung, und fühlt sich dabei immer noch zu häufig allein: Eltern, die bereits Grundschülern Smartphones in die Hand drücken und sie in der virtuellen Welt nicht begleiten, Lehrer, die technikfeindlich sind, und Politiker, die ahnungslos sind. "Hinschauen", sagt die Rostockerin, "das wäre ein erster Schritt".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 20.11.2019 | 07:50 Uhr

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