Stand: 12.04.2019 11:40 Uhr

Beliebt und umstritten: Jagd mit Lebendfallen

von Petra Küntzer, NDR 1 Radio MV

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Moderne Lebend-Fallen sind häufig mit einem Sender ausgestattet, der ein Signal aufs Handy gibt, sobald ein Tier gefangen wurde.

Offiziell hat am 1. April das neue Jagdjahr begonnen - auch wenn zur Zeit für viele Tiere noch eine Schonzeit gilt. Jagd meint nicht nur, Tiere mit Flinte und Gewehr zu schießen, immer beliebter wird auch die Fallenjagd. Der Deutsche Jagdverband hat extra eine Broschüre herausgebracht, um dafür zu werben. Weit verbreitet sind inzwischen Fallen, mit denen beispielsweise Waschbären, Marderhunde und Füchse gejagt werden. Die Methode ist aber nicht unumstritten.

Totschlag- und Lebendfallen gebräuchlich

Große Betonröhren mit 30 Zentimeter Durchmesser, darüber in der Mitte ein etwa ein Kubikmeter großer Kasten - darin befindet sich die Falle mit zwei Schiebern. Sie schnappt zu, sobald ein Fuchs, Marder oder Waschbär durch die Röhre kriecht. Neben Betonrohrfallen werden auch Kasten- oder Kofferfallen genutzt. Dabei handelt es sich um Lebendfallen. Die Tiere können nach dem Fangen "waidgerecht" - wie es heißt - mit einem gezielten Schuss getötet werden. Erlaubt sind aber auch Totschlagfallen.

Schutz von selten gewordene Brutvögeln

Vor allem Raubwild, wie beispielsweise Waschbären, Marderhunde oder Füchse können mit diesen Vorrichtungen gefangen werden. Mit der gezielten Entnahme der Tiere sollen selten gewordene Brutvögel, etwa Rebhühner oder Wanderfalken geschützt werden. Denn diese wurden gerade erst wieder mühsam ausgewildert und nach Aussage von Henning Voigt, Wildmeister beim Landesjagdverband, gibt es im Nordosten nur 30 Brutpaare.

Fremde Arten bedrohen heimische Tierwelt

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Henning Voigt, Wildmeister beim Landesjagdverband, sieht die heimische Tierwelt durch fremde Arten bedroht.

Für die Vögel sei der Waschbär eine ernste Bedrohung, weil er in die Baumhorste klettere und die Eier, die Jungvögel und sogar die brütenden Altvögel töte, so Voigt. Waschbären waren hier in unseren Wäldern ursprünglich nicht heimisch, sie seien ganz aktiv ausgewildert worden, sagt Henning Voigt. Auch der Marderhund sei dazu gekommen - aus Osteuropa. Das starke Vorkommen dieser Raubtiere würde einigen Tierarten hier schon schaden.

Naturschutzbund hält Jagd für sinnlos

Der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes (NABU), Stefan Schwill, hält hingegen nichts von der Jagd auf Waschbären oder Füchse. Es sei inzwischen wildbiologisch belegt, dass jeder Eingriff in der normalen Landschaft, jeder Abschuss oder jedes Fangen solcher Tiere sofort kompensiert werde durch eine höhere Reproduktion. Das heißt, die Anzahl der Jungen der verbleibenden Tiere würde sofort steigen.

Bejagte Tiere vermehren sich stärker

Je mehr gejagt wird, desto mehr Jungtiere werden zur Welt gebracht. Dieser biologischen Erkenntnis stimmt Henning Voigt durchaus zu. Jede Art reagiere mit höherer Reproduktion, aber manchmal, wenn es um den eigenen Garten gehe, sei es durchaus sinnvoll, eben auch mal zwei oder drei Waschbären zu entnehmen, um dann ein Jahr Ruhe zu haben. Für den NABU macht Fallenjagd nur in Vogelschutzgebieten Sinn, in denen es eine Insellage gibt - auf der Fährinsel vor Hiddensee zum Beispiel. Im Binnenland gäbe es ein im Zusammenhang mit einem sehr aufwendigen Küstenvogel-Brutprojekt ein konkretes Gebiet bei Leopoldtshagen, das als Ausgleichsmaßnahme für die Nordstrream Pipeline eingerichtet wurde. Dort würde mit Elektrozäunen praktisch eine künstliche Insellage herbeigeführt. Da mache es durchaus Sinn, gegen Fressfeinde vorzugehen.

Ökologische Jagdverein: Fallenjagd in Insellagen sinnvoll

Auch der ökologische Jagdverein (ÖJV) hält Fallen allenfalls zum Schutz seltener Brutvögel in Insellagen für sinnvoll. Rainer Bartholdt, Vereinsvorsitzender für Mecklenburg-Vorpommern vermutet bei vielen Fallenstellern noch andere Motive: „Bei diesem ganzen Thema Fangjagd, Fallenjagd muss man einfach auch im Hinterkopf behalten, dass es viele Jäger gibt, denen macht das einfach Spaß, ob das nun sinnvoll ist oder nicht. Wenn man das nun als Hobby macht, um Spaß zu haben, lehnen wir als ÖJV das ab."

Fallen effektiver als Ansitzjagd

Wildmeister Henning Voigt sieht die Fallen eher als willkommene Jagdhilfen: "Die Falle sitzt hier 24 Stunden am Tag an ohne müde zu werden, das schaffen wir Jäger nicht. Wenn wir als Jäger drei, vier Stunden im Kalten gesessen haben und dann kommt der Fuchs nicht, dann gehst Du nach Hause. Die Falle macht das 24 Stunden am Tag." Dass das Jagen auch Spaß macht, will er aber nicht bestreiten. Er vergleicht sich dabei mit dem Landwirt, der sich darüber freut, seine Kartoffeln in den Keller zu bringen. So ähnlich sei das beim Jäger auch: Er sei zufrieden, wenn er das Wild erlegt, einen guten Schuss angebracht habe und das Wild dann zerlegt und in der Truhe sei. "Das macht schon Spaß", so Voigt.

Tierschützer: Fallenjagd ist Tierquälerei

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Moderne Lebend-Fallen sind häufig mit einem Sender ausgestattet, der ein Signal aufs Handy gibt, sobald ein Tier gefangen wurde.

Die Fallenjagd sei auf keinen Fall Tierquälerei , so Henning Voigt, das Tier sitze schließlich ruhig und im Dunkeln. Stefan Schwill vom NABU geht schon davon aus, dass es mit hohem Stress für das Tier verbunden ist. Die Tierrechtsorganisation PETA spricht von höchster Panik der Tiere, vom Leiden beim Versuch zu entkommen. Oft würden sich die Tiere Verletzungen zuziehen bis hin zum Tod durch Kreislaufkollaps.

Moderne Lebend-Fallen häufig mit Sender ausgestattet

Moderne Lebend-Fallen sind allerdings häufig mit einem Sender ausgestattet, der ein Signal aufs Handy gibt, so dass der Jäger zumindest sehr schnell handeln kann. Wie viele Fallen in Mecklenburg-Vorpommern stehen, ist nicht bekannt, insgesamt haben die Jäger in der vergangenen Jagdsaison 2017/2018 12.000 Waschbären, 7.500 Marderhunde und 16.500 Füchse erlegt. Der Schutz vor Krankheiten sei auch ein wichtiger Jagdgrund, so Henning Voigt. Über 30 Prozent der Füchse seien inzwischen mit dem Fuchsbandwurm befallen, der auch für den Menschen hochgefährlich sei. Für Wildschweine gab es wegen der Angst vor der Schweinepest vom Land eine Pürzelprämie von 25 Euro pro Tier. 86.000 Wildschweine wurden erlegt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 12.04.2019 | 12:00 Uhr

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