Ein historisches Industriegebäude, davor Sommerwiese © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner Foto: Jens Büttner

AfD stellt sich hinter Schwesigs Welterbeplan für Peenemünde

Stand: 09.08.2021 04:55 Uhr

Soll ausgerechnet Peenemünde UNESCO-Welterbe werden? Der Ort auf der Insel Usedom, an dem die Nazis Raketenwaffen entwickelten und KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter zu Tode kamen? Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) hat sich dafür vor gut einem Monat stark gemacht. Die massive Kritik von Historikern und Experten verhallte bisher unerhört.

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV Aktuell

In der kontroversen Welterbe-Debatte um Peenemünde stand die Regierungschefin lange ziemlich allein da, jetzt bekommt sie überraschende Unterstützung von der AfD, die Schwesig sonst stets attackiert: Der Oppositionschef im Landtag und AfD-Spitzenkandidat Nikolaus Kramer sagte, ein zusätzliches Welterbe wäre gut für das Tourismusland Mecklenburg-Vorpommern. Wie Schwesig betonte auch Kramer die Doppeldeutigkeit des historischen Ortes. Kramer sagte: "Das Historisch-Technische Museum ist in zweifacher Hinsicht ein bedeutender Ort. Dort ist die Wiege der Raumfahrt und zudem ein Ort des Gedenkens an die Zwangsarbeiter, die dort ums Leben kamen." Auch andere Industriedenkmale stünden auf der Welterbe-Liste - wie etwa die Zeche Zollverein.

Weitere Informationen
Der Nachbau einer V2-Rakete steht auf der Insel Usedom auf dem Gelände der einstigen Heeresversuchsanstalt Peenemünde - der heutigen Historisch-Technisches Museum Peenemünde GmbH (HTM) © dpa-Bildfunk Foto: Stefan Sauer

Schwesig schlägt Museum Peenemünde für Weltkulturerbe vor

In der Heeresversuchsanstalt auf Usedom entwickelten die Nationalsozialisten ihre Raketentechnik. mehr

Gegenwind von der Linksfraktion: "Geschichtsverzerrend" und "instinktlos"

Kramers und Schwesigs Argumentationen sind nahezu identisch: Schwesig hatte mit Blick auf die Raketenentwicklung in Peenemünde während des Zweiten Weltkrieges erklärt, Peenemünde stehe für technologische Pionierleistungen von epochaler Bedeutung, sei aber auch untrennbar mit der menschenverachtenden Ideologie des NS-Systems verbunden. Für die andere Oppositionsfraktion im Landtag sind diese Aussagen "geschichtsverzerrend". Linksfraktionschefin Simone Oldenburg meinte, in Peenemünde seien Vernichtungswaffen für den Angriffskrieg unter unmenschlichen Bedingungen produziert worden. "Technischer Fortschritt - sei er auch noch so groß - der auf Ausbeutung, Leid und Tod fußt und Vernichtung beabsichtigt, ist keine bewahrenswerte Kultur", erklärte Oldenburg. Peenemünde dürfe deshalb "nicht Teil des Erbes dieser Welt sein." Es sei auch instinktlos, den Vorschlag im Alleingang ohne Rücksprache etwa mit Opferverbänden zu machen.

Welterbe-Debatte müsse mit Fingerspitzengefühl geführt werden

Irritationen hat Schwesig auch beim Koalitionspartner CDU ausgelöst. Fraktionschef Wolfgang Waldmüller sagte, er habe davon nur aus den Medien erfahren. Waldmüller erinnerte daran, dass Ex-Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) Welterbe-Pläne für Peenemünde bereits 2011 gestoppt hatte. Warum Schwesig jetzt "urplötzlich den entgegengesetzen Kurs einschlägt", wisse er nicht. In der Welterbe-Debatte sei sehr viel Fingerspitzengefühl und wissenschaftliche Begelitung nötig. Durch Schwesigs Vorgehensweise könnte schon eine Chance vertan worden sein, so Waldmüller.

"Wiege der Weltraumfahrt endlich würdigen"

Im Landtag haben die Welterbe-Pläne für Peenemünde schon vor gut neun Jahren eine Rolle gespielt: Anfang 2012 brachte die rechtsextreme NPD-Fraktion einen Antrag unter dem Titel "Wiege der Weltraumfahrt endlich würdigen: Peenemünde zum Weltkulturerbe erklären lassen" ein. Der Vorstoß der Rechtsextremen scheiterte - alle anderen Fraktionen sprachen sich geschlossen gegen den Antrag aus. In der SPD-Fraktion stimmten beispielsweise Fraktionschef Thomas Krüger, Agrarminister Till Backhaus und der heutige SPD-Generalsekretär Julian Barlen gegen den Vorstoß.

Kritik auch von Historikern und Experten

Historiker und Experten haben die aktuellen Welterbe-Pläne der Ministerpräsidentin massiv kritisiert. Der Osnabrücker Politikwissenschaftler Rainer Eisfeld, ein ausgewiesener Peenemünde-Kenner, erklärte beispielsweise, das Nazi-Regime habe nicht den Flug zum Mond angestrebt, sondern die Entwicklung von Terrorwaffen: "Bei der technologischen Pionierleistung, von der die Ministerpräsidentin redet, ging es nicht um die Zukunft der Raumfahrt, sondern um die modernisierte Zukunft der Gewalt." Mit ihrem "verharmlosenden Vokabular" werde offenkundig, dass Schwesig nicht wisse, wovon sie spreche. Das Kulturministerium in Schwerin, das die Welterbe-Pläne federführend vorbereitet, hat sich bisher nicht zu der Kritik an dem Vorhaben geäußert. Unklar ist, auf welcher Grundlage und mit welchem Ziel Peenemünde Teil des Welterbes werden soll. Allerdings scheint nach der Debatte der vergangenen Wochen nicht ausgeschlossen, dass die Pläne komplett kassiert werden.

Weitere Informationen
Ein verrosteter Eisenbahnwaggon steht im Freigelände des Historisch-Technischen Museums Peenemünde, dahinter ist der Nachbau einer V2-Rakete zu sehen. © picture alliance/dpa Foto: Stefan Sauer

Museum Peenemünde: Fluch und Segen der Raketentechnik

Im Zweiten Weltkrieg konstruierten Ingenieure auf Usedom die berüchtigte V2-Rakete. Das Museum zeigt die Entwicklung. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 09.08.2021 | 06:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

Stufenkarte nach risikogewichteten Kriterien für Mecklenburg-Vorpommern vom 18. September 2021.

Corona in MV: 61 Neuinfektionen - Hospitalisierungs-Inzidenz sinkt auf 0,9

Seit Donnerstag gilt für Mecklenburg-Vorpommern eine neue Corona-Ampel. Der Kreis Nordwestmecklenburg wird wieder "grün" eingestuft. mehr