Stand: 31.01.2018 17:07 Uhr

70 Jahre verschollen: "Pommernchronik" wieder da

von Heiko Kreft, NDR 1 Radio MV
Rund 400 Jahre alt und die vergangenen 70 Jahre verschollen: die "Pommernchronik".

Sie ist wirklich gut verpackt: in einer kleinen Kiste, umhüllt von Luftpolsterfolie und zusätzlich sorgfältig eingewickelt in dünnes Papier. Es dauert eine Weile bis Andreas Roloff von der Schweriner Landesbibliothek die sogenannte Pommernchronik in den Händen hält. Mehr als 70 Jahre war die fast 400 Jahre alte Handschrift verschwunden. Lange gab es kaum Hoffnung, sie wieder zu finden - bis zum letzten Jahr.

Im Zweiten Weltkrieg ausgelagert

Geschrieben wurde die "Pommernchronik" zwischen 1600 und 1640, vermutlich im pommerschen Cammin. Anfang des 19. Jahrhunderts kam sie nach Schwerin. Im Zweiten Weltkrieg lagerte man sie aus Angst vor Bombenangriffen dann aus. Sie kam zusammen mit Tausenden anderen Schweriner Büchern in einen Stollen bei Staßfurt im heutigen Sachsen-Anhalt. Auf entsprechenden Auslagerungs- und Inventarlisten befindet sich der Eintrag für die Pommersche Chronik auch. Anders als die meisten Bücher kam die Handschrift aber nicht zurück.

Suche über Internet-Datenbank

Jahrzehntelang suchten Andreas Roloff und seine Kollegen nach ihr. Vergeblich. 2008 trug man sie in eine Internetdatenbank für verlorenes Kulturgut, das "Lost Art Register", ein. Ende 2017 klingelte dann in Schwerin das Telefon: "Solche Momente sind dann auch eine Sternstunde, wenn nach Jahrzehnten der Ungewissheit und der Suche plötzlich so ein Instrument greift und zum Erfolg führt", sagt Roloff heute.

Dachbodenfund aus Nordrhein-Westfalen

Der Anruf kam aus Marl in Nordrhein-Westfalen. Ein Ehepaar fand beim Aufräumen eines Dachbodens eines Mehrfamilienhauses die lang vermisste "Pommernchronik". Neugierig, was so ein altes Buch wert ist, suchten sie im Internet nach dem Titel und stießen auf den Eintrag im "Lost Art Register". Wenig später brachten sie die Handschrift persönlich nach Schwerin. Geld floss dabei nicht und sei auch nie ein Thema gewesen, sagt Andreas Roloff: "Das war einfach Ehrensache, dieses alte Stück wieder zurückzubringen und dabei ein gutes Gefühl zu haben."

"Hoher ideeller Wert" für Schwerin

Wie hoch der Wert der Handschrift ist, kann auch der Experte nicht sagen. Auf den ersten Blick sieht die "Pommernchronik" nicht sehr spektakulär aus. Sie hat keine aufwendigen Verzierungen, keinen Goldschnitt oder prächtigen Bilder, nur 600 Seiten eng beschriebenes Papier in Deutsch und Latein. Aber in Schwerin gebe es einen hohen ideellen Wert, so Roloff: "Es ist eben ein Exemplar, was auch mit der Geschichte unseres Hauses im Zusammenhang steht."

Chronik wird in Stettin digitalisiert

Auch in der Pommerschen Bibliothek im polnischen Stettin stieß die Nachricht vom Fund der Chronik auf Begeisterung. Direktor Lucian Babolewski hofft nun, dass die Handschrift bisher unbekannte Details über die pommersche Geschichte verrät. Auch deshalb helfen die Stettiner den Schwerinern mit aller Kraft. Unbürokratisch und schnell wurde die "Pommernchronik" in Stettin digitalisiert.

Wer ist der Verfasser?

Beim inhaltlichen Aufarbeiten helfen die Polen ebenfalls mit. Der Historiker Michael Gierke, Experte für mittelalterliche Handschriften, prüft nun, wer der Verfasser der Chronik ist: "Ich habe erste Vermutungen. Aber ich möchte das noch nicht sagen." Mehr Wissen will er zunächst nicht Preis geben, bis auf einen Hinweis: "Aus der Texttechnik kann man feststellen, dass er am Hof des pommerschen Herzogs Johann Friedrich gearbeitet hat."

"Pommernchronik" kommt ins Internet

Damit diese und andere Rätsel gelöst werden können, wird die "Pommernchronik" demnächst ins Internet gestellt. Die Vorbereitungen dafür laufen, im nächsten Jahr könnte es soweit sein. Dann haben Forscher aus der ganzen Welt Zugriff auf die lang verschollene Pommernchronik.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Radio Pomerania | 31.01.2018 | 20:15 Uhr

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