1 Jahr Corona und wir: Meinung! Wie das Virus die Berichterstattung bestimmt

Stand: 02.03.2021 16:02 Uhr

Wie berichtet man über eine Pandemie, auf die trotz aller Warnungen von Wissenschaftlern kein Mensch und keine Redaktion vorbereitet war? Diese Frage stellen sich seit einem Jahr tagtäglich zigtausende Journalisten rund um den Globus und natürlich auch wir vom NDR in Mecklenburg-Vorpommern.

von David Pilgrim

Wie bedrohlich ist die Lage wirklich einzuschätzen? Was müssen und wollen Zuschauerinnen und Zuschauer, Hörerinnen und Hörer, Userinnen und User wissen? Wie berichtet man über eine Viruserkrankung, über die man im März 2020 noch fast nichts wusste? Auch der NDR in Mecklenburg-Vorpommern berichtet am Anfang über das Wenige, was die Wissenschaft weiß, fragt Experten. Wir berichten, welche Maßnahmen die politischen Entscheidungsträger treffen, laden sie in das Studio von NDR 1 Radio MV ein, lassen sie ihre Entscheidungen erklären, Hörer können direkt Fragen stellen. Wir berichten, welche teils unpopulären Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie die Bürger durch immer neue Verordnungen in Kauf nehmen müssen. Und vor allem: Wir berichten viel.

Wir sollen informieren

Studien belegen, dass im Frühling vergangenen Jahres teilweise 50 bis 70 Prozent der Berichterstattung bundesweit ausschließlich dem Thema Corona gewidmet ist. Das kann und darf man kritisieren - und die Medienforschung tut das auch. Denn die Corona-Berichterstattung verdrängt andere, ebenso drängende Themen: Klimawandel, die Schwierigkeiten von Globalisierung, soziale Ungleichheiten - die Liste ließe sich lang fortsetzen. Der Medienforscher und Journalistik-Professor Klaus Meier von der Universität Eichstätt-Ingolstadt hat den Umgang von Medien mit der Pandemie untersucht. Er kritisiert rückblickend, viele Journalisten seien sie zu Beginn der Pandemie zu lange wenig kritisch in der Informationsvermittlung gewesen.

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Wir müssen misstrauisch sein und einordnen

In den Publikationen sei zwar umfassend über die politischen Entscheidungen wie Kontaktsperren und Schließungen berichtet worden. Hinterfragt wurden diese jedoch kaum. Möglichen Alternativen sei zudem auf lokaler Ebene oft zu wenig Aufmerksamkeit und Raum geschenkt worden. Ebenso sei zwar über die Einschränkung von Grundrechten berichtet worden, diese seien zwar problematisiert, jedoch seltener hinterfragt worden. Und: Die Berichterstattung habe zu Verunsicherungen geführt. Mit zu vielen Zahlen, beispielsweise mit Neuinfektionen, Sterbefällen und Inzidenzwerten, die für Laien nur schwer einzuordnen und erklärungsbedürftig sind. Gleichzeitig begründet aber auch die Politik mit eben jenen Zahlen ihre Entscheidungen. So sei es hilfreich, so Meier, wenn die Zahl der an Corona Verstorbenen zum Beispiel mit der durchschnittlichen Sterberate in Deutschland in Zusammenhang gebracht würden.

Einordnung ist gefragter denn je, auch um keine Ängste zu schüren. Tatsächlich stecken die Redaktionen aber auch in einem Dilemma: Nach wie vor interessieren sich die meisten Menschen für die Corona-Zahlen - gerade wenn sie steigen. Das belegen Einschaltquoten ebenso wie die Anzahl der Klicks auf Corona-Ticker, täglich aktualisierten Karten, Grafiken und Dashboards, nicht nur auf Seiten von Medienhäusern, Zeitungsverlagen und öffentlich-rechtlichen Sendern, sondern auch auf den Internetseiten von Institutionen wie dem Robert-Koch-Institut. Das Informationsbedürfnis ist in der Corona-Pandemie enorm groß.

Schlechte Nachrichten sind schlecht für die Psyche

Journalisten müssten ständig prüfen, abwägen und sich der Wirkung der Berichterstattung bewusst sein. Das gilt für Zahlen, Worte wie für Bilder. Dabei sei es wichtig, auch positive Nachrichten zu vermelden, sagt Journalismusforscher Meier. Der Psychologe Dr. Moritz Petzold von der Berliner Charité arbeitet seit Monaten an einer Studie zu den psychischen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Dazu werden 6.500 Menschen regelmäßig befragt. Es gibt zwar noch keine endgültigen wissenschaftlichen Erkenntnisse, aber es kristallisiert sich heraus: Je länger der tägliche Medienkonsum von Themen der Pandemie dauert, desto größer ist die psychische Belastung des Einzelnen. Und besonders groß scheint die Belastung für diejenigen zu sein, die sich ausschließlich über soziale Medien informieren. Insofern sei die Rolle der "sozialen Medien" durchaus problematisch, sagt Petzold.

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Dazu komme ein Phänomen, dass inzwischen als "Doomscrolling" bekannt geworden ist. Das Wort setzt sich zusammen aus dem englischen "doom" für Verderben und dem eingedeutschten Begriff "Scrollen". Es bezeichnet die Suche nach Informationen, die in einem Teufelskreis münden kann: Ich suche nach Informationen, diese verunsichern mich, darum suche ich neue Informationen, die verunsichern mich noch mehr, also suche ich weiter… Das kann krank machen. Darum rät der Wissenschaftler Petzold, man solle sich nur über seriöse Quellen informieren. Damit meint der Psychologe: Angebote von öffentlich-rechtlichen und renommierten Medien, aber auch Regierungsseiten, die Internetseiten von Gesundheitsorganisationen wie der WHO und Ähnliches.

Berichterstattung nach einem Jahr ausgewogener

Der Journalismus-Forscher Meier bescheinigt den Journalisten und Redaktionen nach einem Jahr der Pandemie übrigens einen Lerneffekt: einen besseren Umgang mit der Pandemie. Die Berichterstattung sei vielstimmiger geworden und kritischer. Dennoch müssten Journalistinnen und Journalisten aufmerksam und misstrauisch bleiben, Entscheidungen der Regierenden öfter hinterfragen und Alternativen aufzeigen. Nach einem Jahr Corona-Berichterstattung sei es wichtig, die Nachrichtenlogik zu durchbrechen, die immer wieder nur schlechte Meldungen nach oben und in den Fokus rücke, sagt Meier. Und das auch auf die Gefahr hin, dass positive, ausgewogene Meldungen, Schlagzeilen und Berichte weniger Aufmerksamkeit erzeugen und damit für Medienhäuser und Verlage weniger Auflage, Klicks und Quoten. Medienkompetenz bleibt wichtig - ebenso wie recherchierte und verständlich aufbereitete Information auch nach einem Jahr Corona in MV.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 02.03.2021 | 19:30 Uhr

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