Stand: 14.05.2020 08:48 Uhr

Corona-Tracing: Gesundheitsämtern fehlt Personal

von Antonius Kempmann, Charlotte Horn, Christian Baars, Svea Eckert, Markus Grill

Viele Gesundheitsämter haben noch nicht genügend Beschäftigte, um die Kontaktpersonen von Corona-Infizierten zu ermitteln und zu kontaktieren. Das hat eine Umfrage von NDR und WDR unter allen Ämtern ergeben.

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Ute Siering und ihre Kollegen vom Gesundheitsamt Ludwigslust-Parchim verfolgen die Infektionsketten im Land.

Die Nachverfolgung der Kontakte sei fast wie Detektivarbeit, sagt Ute Siering. Gemeinsam mit derzeit sechs anderen Corona-Ermittlern arbeitet sie im Gesundheitsamt Ludwigslust-Parchim, südlich von Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern. Sie versuchen, möglichst alle engen Kontaktpersonen von Corona-Infizierten zu finden und zu kontaktieren - sieben Tage die Woche.

Amt muss in kürzester Zeit reagieren können

In Ludwigslust-Parchim ist die Lage derzeit übersichtlich, doch das Amt bereitet sich auf eine mögliche zweite Welle vor, sagte Leiterin Ute Siering. "Wir müssen ja damit rechnen, dass wir auf einmal von einem Tag zum anderen einen Ausbruch in einer Gemeinschaftseinrichtung, in einem Pflegeheim oder in einem Krankenhaus haben." Und dann müsse man innerhalb kürzester Zeit reagieren können.

Ziel: Fünf Mitarbeiter pro 20.000 Einwohner

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Viele Gesundheitsämter wurden über Jahre vernachlässigt, sind jetzt aber enorm wichtig.

Die örtlichen Gesundheitsämter spielen eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Sie sollen insbesondere dafür sorgen, dass die Infektionsketten durchbrochen werden. Ende März einigten sich Bund und Länder deshalb darauf, die Ämter personell zu verstärken. Pro 20.000 Einwohner sollte künftig ein Team aus fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bereitstehen, um Kontakte nachzuverfolgen.

Weniger als ein Drittel der Ämter erfüllt Vorgabe

Doch bis jetzt - sieben Wochen später - erfüllt offenbar die Mehrheit der Ämter diese Vorgabe noch nicht. NDR und WDR haben alle Kreise und Städte in Deutschland abgefragt. 178 der mehr als 380 Gesundheitsämter haben geantwortet. Von ihnen erfüllt aktuell weniger als ein Drittel die Zielvorgabe von Ende März.

Personal an Belastungsgrenze

Auch in Norddeutschland sieht das Bild ähnlich aus. In Niedersachsen haben 19 Gesundheitsämter Angaben zu ihrer personellen Ausstattung gemacht, nur drei haben die Vorgabe bereits erfüllt. Einige sehen die Lage jedoch angesichts der aktuell niedrigen Fallzahlen entspannt. Knapp die Hälfte arbeitet dagegen nach eigenen Angaben bereits an der Belastungsgrenze. Aus Delmenhorst heißt es etwa, das dortige Gesundheitsamt würde "ausschließlich am Thema 'Corona'" arbeiten. Weitere Aufgaben könnten vorübergehend nicht erledigt werden. 

"Ärztinnen arbeiten seit Wochen durch"

Aus Schleswig-Holstein haben neun Ämter Angaben zu ihrem Personal gemacht. Nur zwei liegen im Bereich der Zielvorgabe: Flensburg und Plön. Viele andere haben offensichtlich zu wenig Personal. So schrieb etwa das Gesundheitsamt in Nordfriesland: "Insbesondere die Spezialisten - wie unsere wenigen Ärztinnen - arbeiten seit Wochen durch, können sich kaum einen freien Tag erlauben und machen ständig Überstunden."

Und aus dem Kreis Dithmarschen heißt es: "Das Gesundheitsamt arbeitet an der Belastbarkeitsgrenze und darüber hinaus." Dort arbeiten 9,5 Vollzeitkräfte im Bereich der Kontaktnachverfolgung, zeitweilig sind noch drei zusätzliche Mitarbeiter zur Unterstützung eingesetzt worden. Rechnerisch sollten es laut dem Bund-Länder-Beschluss eigentlich 35 sein. 

NDR und WDR hatten jeweils auch die Landesministerien angefragt, aber aus Schleswig-Holstein keine Antwort bekommen. Niedersachsen hat mitgeteilt, dass die Zahl von fünf Personen pro 20.000 Einwohnerinnen und Einwohner ausdrücklich "keine Vorschrift für die Gesundheitsämter" sei, sondern ein Richtwert. Entscheidend sei, ob der öffentliche Gesundheitsdienst vor Ort in der Lage sei, die Kontaktnachverfolgung zu gewährleisten. "In Niedersachsen ist dies flächendeckend der Fall", so das Gesundheitsministerium.

Entspannte Lage in Mecklenburg-Vorpommern

Aus Mecklenburg-Vorpommern haben lediglich drei Ämter geantwortet, zwei von ihnen liegen im Soll, das dritte nur knapp drunter. Dort ist aber derzeit die Lage insgesamt vergleichsweise entspannt - wegen der aktuell niedrigen Fallzahlen, aber auch weil das Land aufgerüstet hat.

Das Gesundheitsministerium teilte mit, dass die Landkreise und kreisfreien Städte die erforderlichen Vorkehrungen zum Aufbau der empfohlenen Anzahl der Nachverfolgungsteams abgeschlossen hätten (80 Teams à 5 Mitarbeiter). Bei Bedarf könnten weitere Personen etwa aus dem öffentlichen Landesdienst hinzugezogen werden.

"Das wird ein Marathon"

Es könnte sein, dass dies nötig wird, sagt Ute Siering vom Gesundheitsamt Ludwigslust-Parchim. "Das wird ja kein Sprint, das wird ein Marathon. Insofern muss ich aufpassen, dass die Leute, die ich habe, auch wirklich durchhalten und nicht zu viel belastet werden und deshalb brauchen wir sicherlich auch viele."

Hamburg will Zielgröße erreichen

Aus Hamburg heißt es, dort wären alle Gesundheitsämter derzeit in der Lage, die Kontaktverfolgung der Covid-19-Erkrankten zu bewältigen. Insgesamt würden dafür 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingesetzt. Es sei möglich, tagesaktuell und bedarfsorientiert nachzusteuern. "Die Zielgröße von 450 Personen für Hamburg soll weiterhin erreicht werden", so die Behörde. 

Bremen hat Soll bereits erfüllt

In Bremen befassen sich laut Senat mehr als 150 Personen mit der Nachverfolgung von Kontakten. Damit ist dort die Vorgabe bereits erfüllt. Aber es solle noch "weiter aufgestockt" werden. 

Spahn: Ämter über Jahre vernachlässigt

Für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kommen die Ergebnisse der Umfrage überraschend, auch wenn ihm das Problem der Ausstattung der Ämter bewusst sei. Das Ergebnis sei Resultat dessen, dass die Ämter über Jahre hinweg vernachlässigt wurden, wie sein Sprecher auf Anfrage mitteilte.

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NDR Info | Aktuell | 14.05.2020 | 05:00 Uhr