Stand: 07.04.2020 17:02 Uhr

Robert Koch-Institut: Gute Daten brauchen Zeit

von Simon Wörpel

Geht es in den Medien um das Coronavirus, stehen momentan die Fallzahlen ganz vorne. Möglichst schnell wollen die Redaktionen ihrem Publikum melden, wie viele Erkrankte es gibt - am liebsten nicht nur für jedes Bundesland, sondern auch für jede Stadt oder jeden Landkreis. 

Fälle werden oft erst Tage später übermittelt

Auch der NDR gibt in seinem Live-Ticker zur Corona-Krise zusätzlich zu den Zahlen des Robert-Koch-Instituts immer noch die aktuellen Infektionszahlen aus den nördlichen Bundesländern bekannt. Das Problem dabei: Je aktueller die Daten sind, desto weniger bilden sie die wirkliche Dynamik der Pandemie ab. Denn durch einen zeitlichen Verzug in der Meldekette trifft die Information über Neuerkrankungen teils erst Tage später an offizieller Stelle ein.

Das NDR Datenteam hat untersucht, wie stark dieser zeitliche Verzug ist. Das Ergebnis der Analyse: Wer es genau wissen will, muss warten. Mit einer Woche Zeitverzug lässt sich das Ausbreitungsgeschehen anhand von "korrigierten" Daten des RKI so verlässlich abbilden wie mit keinem anderen Datensatz.

Verzug durch Bearbeitungszeit

In diesen “korrigierten” Daten erhöht das RKI rückwirkend für jeden Tag seit Beginn der Pandemie die Zahl der Infizierten, sobald ein Fall nachgemeldet wird. Denn tatsächlich sind die Daten, die die Ministerien der Länder täglich an das RKI melden, alles andere als vollständig. Oft bezieht sich nicht einmal die Hälfte der Fälle auf den aktuellen Tag. Ordnet man die Meldungen korrekt dem Tag zu, an dem die Infektionen wirklich vor Ort bekannt wurden, steigen die Fallzahlen entsprechend rückwirkend an:

Noch im April Nachmeldungen für Februar

Ein Beispiel: Das RKI veröffentlicht stets nachts die aktuellen Zahlen vom Vortag. Am Montag, den 30. März, sah es für den Norden so aus, als würde die Kurve der Neuerkrankungen seit dem Wochenende deutlich abflachen: Nur noch gut 8.000 Infizierte zählte das RKI am Montag, nicht mal 200 mehr als am Sonntag.

Doch schon am Dienstag meldete das RKI 340 Fälle nach, am Mittwoch weitere 35, sodass bis zum 7. April die Zahl der bestätigten Corona-Infektionen am 30. März rückwirkend auf 8.476 nach oben korrigiert wurde. Und das passiert auch für längst vergangene Tage: In dieser Woche gibt es etwa noch Korrekturen für Tage im Februar oder März.

Gewissheit über tatsächliche Corona-Fälle erst nach einer Woche

Erst nach ungefähr einer Woche sind genug Fälle nachgemeldet worden, um damit valide Aussagen über den Verlauf der Pandemie treffen zu können, zum Beispiel zur Verdopplungszeit. Dann allerdings geben die korrigierten, tatsächlichen Fallzahlen des RKI meist einen anderen Eindruck vom Verlauf der Corona-Pandemie: Die Gesamtzahl aller jemals Infizierten liegt laut RKI dann oft deutlich über den Werten, die sich aus den aktuellen Meldungen ergeben.

Die Neuinfektionen verteilen sich zudem deutlich gleichmäßiger über die Tage der Woche. Plötzliche Anstiege der Infektionen oder starke Rückgänge bis hin zu gar keinen Neuerkrankten, wie sie die Medien aktuell melden, spiegeln also oft nicht die Realität wider - wie am Beispiel Kiel zu sehen ist:

Auch die Johns-Hopkins-Universität, die die Fallzahlen international sammelt, verzichtet offenbar auf rückwirkende Korrekturen – schon allein, weil sie sich gar nicht auf die RKI-Daten stützt sondern lokale Medien wie die Berliner Morgenpost als Quelle nutzt, wie jüngst eine ZAPP-Recherche ergab. So lässt sich der berechtigte Aktualitätsanspruch in diesen Tagen sicherlich erfüllen, jedoch sollte für Analysen über den tatsächlichen Verlauf der Pandemie der RKI-Datensatz herangezogen werden – auch, wenn man dafür etwas länger warten muss.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 07.04.2020 | 19:15 Uhr