Stand: 03.02.2020 16:50 Uhr

Mit dem Coronavirus droht nun eine "Infodemie"

Die Weltgesundheitsorganisation hat Falschinformationen über das neuartige Coronavirus den Kampf angesagt. Vergangene Woche hatte die WHO den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Aber die vielen Falschmeldungen, die in sozialen Netzwerken kursieren, will man nicht unkommentiert stehen lassen. Viele Mitarbeiter sind jetzt beschäftigt, diese Falschmeldungen zu löschen oder richtigzustellen. Ein Thema, das weltweit viele Menschen beschäftigt, verängstigt, das viele Fragen aufwirft. Aber gibt es auch ein Zuviel an Informationen? Löst das auch Panik aus?

Ein Kommentar von Kathrin Schmid

Bild vergrößern
Im Zeitalter von Social Media verbreiten sich Nachrichten rasant - egal, ob richtig oder falsch.

Hilft das Abbrennen von Feuerwerkskörpern gegen den neuartigen Coronavirus? Wie sieht es mit dem Verzehr von Knoblauch aus? Ist die Annahme von Post aus China womöglich lebensgefährlich? Nein, nein und ein drittes Mal: nein. So klingt das muntere Frage-Antwort-Spiel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Netz. Klingt auch arg plakativ, ist aber nötig. Eine Umfrage unter gut 5.000 Bundesbürgern hat gerade ergeben: Knapp 43 Prozent sorgen sich vor einer Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland.

Soziale Medien befördern Infodemie

Zu Recht kämpfen die WHO-Experten daher nicht mehr nur gegen einen unsichtbaren  Krankheitserreger. Sie kämpfen erstmals auch explizit gegen eine ebenso schwer greifbare Seuchengefahr: die Infodemie.

Reale Wissenslücken, zumal bei einem neuartigen Virus, haben schon immer Raum für Verschwörungstheorien gelassen. Eher neu ist aber, dass diese sofort den viralen Verbreitungsweg Social Media finden. So klar die Diagnose, so schwierig die Therapie. Denn nur langsam ist etwa Facebook bereit, Artikel von ausreichend Faktencheckern prüfen und gegebenenfalls als falsch markieren zu lassen, sowie die aller-offensichtlichsten Schwachsinns-Meldungen auch direkt zu löschen.

Emotionale Nachrichten verbreiten sich am schnellsten

Das jedoch sind ohnehin nur minimalste Eingriffe an einem - aus Demokratie-freundlicher Sicht - kranken Organismus. Denn allen voran das fast Zwei-Milliarden-Nutzer-Netzwerk Facebook hat sein Geschäftsmodell konsequent auf eine Methode aufgebaut: Beiträge, die am meisten Emotionen hervorrufen - am meisten geklickt, geteilt und geliked und gehasst werden - werden am schnellsten verbreitet. Allzu häufig sind das simple Gut-und-Böse-Geschichten, Kontext-beraubte Info-Schnipsel und sogenannte Mixed News, also korrekte Nachrichten-Basis mit verschwörerischer Ableitung. Auf der anderen Seite des Screens: zunehmend verunsicherte Nutzer. "Wir geben Gerüchte weiter, weil es uns Lustgewinn bereitet, mehr zu wissen als die anderen", sagen dazu Kommunikationsforscher.

Beunruhigt ein Zuviel an Informationen?

Was also tun? Gerade als Journalistin wäre es zu einfach, nur auf die Profitgeier aus dem Silicon Valley zu zeigen. Redaktionen wie NDR Info ringen seit Tagen mit der Frage, wie viel aufklärerische Information braucht es? Und wann ruft schon die schiere Masse an faktentreuer Berichterstattung Sorgen beim Publikum hervor, von denen es bis dato nichts ahnte. Darüber hinaus gibt es Redaktionen, in denen Balance und Unaufgeregtheit nachrangiger verhandelt werden: Die "Bild" etwa schreibt seit Tagen von der "Virus-Angst". "Corona-Alarm - hier holen sie die erste Familie ab" - so titelte die Zeitung am Wochenende.

Desinformation als Pest des 21. Jahrhunderts

Angesichts dieser Ausgangslage kann es nur nützen, wenn auch die renommierte Weltgesundheitsorganisation den "Kampf gegen die Infodemie" ausruft. Als Zeichen, dass es vereinte Kräfte braucht - über Branchengrenzen hinweg bis hin zum Konsumenten und Social-Media-Nutzer am Smartphone -, um zu verhindern, dass Desinformation zur Pest des 21. Jahrhunderts wird. 

Weitere Informationen

Was Sie zum Coronavirus wissen müssen

Das Coronavirus breitet sich auch in Deutschland immer weiter aus. Was muss jetzt beachtet werden, um eine Ansteckung zu verhindern? Hier finden Sie Antworten auf viele Fragen. mehr

Die NDR Info Kommentare

Redakteure und Korrespondenten äußern auf NDR Info regelmäßig ihre Meinung zu aktuellen Themen und Sachverhalten. Stimmen Sie zu? Sind Sie anderer Meinung? Schreiben Sie uns! mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 03.02.2020 | 17:08 Uhr

Mehr Nachrichten

02:27
Schleswig-Holstein Magazin
02:16
Hallo Niedersachsen
02:06
Hamburg Journal