Stand: 24.02.2019 00:02 Uhr

Milliarden für die HSH: Trauerspiel in fünf Akten

"Der Rettungsanker ist geworfen: Die Landeskabinette von Hamburg und Schleswig-Holstein haben sich heute in Kiel auf ein Überlebenspaket für die stark angeschlagene HSH Nordbank verständigt." Judith Rakers im NDR Hamburg Journal, 24.02.2009

Es ist Dienstag, der 24. Februar 2009. Bei einer gemeinsamen Kabinettssitzung beschließen die Regierungen von Hamburg und Schleswig-Holstein im Steigenberger Hotel in Kiel ein milliardenschweres Rettungspaket für die gemeinsame Landesbank - die HSH Nordbank. Und das hat es in sich - vor allem viele Nullen: 3.000.000.000 Euro frisches Kapital und Bürgschaften für mögliche Verluste in Höhe von 10.000.000.000 Euro sagen die beiden Länder je zur Hälfte zu.

Es ist vor zehn Jahren der vorläufige Höhepunkt in einem Trauerspiel in fünf Akten. Das Debakel um die HSH Nordbank ist eine Geschichte voller großer Pläne und Hoffnungen, eine Geschichte voller Tricks und Intrigen und vor allem eine Geschichte von viel Geld - viel staatlichem Geld, das verbrannt wird, und viel Geld, das die Protagonisten des Debakels als Boni einheimsen, zum Entsetzen des sprachlosen Publikums. Dabei hatte alles so schön begonnen.

Erster Akt: Gründung und große Pläne

"Das stärkt hier den Bankenplatz im Norden, aber es stärkt auch die Wirtschaft hier im Norden. Und deswegen glaube ich, ist es für alle ein schöner Tag." Wolfgang Peiner, Hamburgs Finanzsenator, 16. Juni 2003

Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) und Hamburgs Finanzsenator Wolfgang Peiner (CDU) bitten am 16. Juni 2003 zur großen Sause in die eigens angemietete Arena am Volkspark. Höhepunkt der großen Gala zur Fusion der Landesbanken beider Länder ist ein Überraschungskonzert: Jon Bon Jovi spielt groß auf.

Groß mitspielen möchte auch die HSH Nordbank. Sie investiert in komplizierte Wertpapiere, vergibt Kredite für Schiffsbau und Immobilien auf der ganzen Welt und sammelt so die Risiken an, die den Steuerzahlern später um die Ohren fliegen werden. Zwischenzeitlich wird sie zum größten Schiffsfinanzierer der Welt. Die hochfliegenden Pläne der norddeutschen Bank legen durch die weltweite Finanzkrise seit dem Jahr 2007 eine zunehmend unsanftere Landung hin. Eigentlich hatten die HSH-Manager sogar einen Börsengang geplant, doch der muss im März 2008 wegen der niedrigen Bewertung von Bankaktien abgesagt werden. Zudem belasten die US-Immobilienkrise und der Zusammenbruch der New Yorker Bank Lehman Brothers die Bilanz.

Anspruch und Wirklichkeit gehen immer stärker auseinander: Der damalige Vorstandsvorsitzende Hans Berger rechnet noch im September 2008 mit einem Gewinn von 400 Millionen Euro für das Jahr. Zwei Monate später muss er bereits einen Verlust von 360 Millionen Euro verkünden. Zusätzlich fallen 1,3 Milliarden Euro an Abschreibungen an. Die HSH muss unter den von der Bundesregierung initiierten Rettungsschirm für Banken schlüpfen.

Zweiter Akt: Bürgschaft und Bürde

"Wir stehen zu unserer Bank. Wir wollen, dass diese Bank weiterarbeiten kann, erfolgreich wird und auch ihren Teil dazu beiträgt, dass wieder Vertrauen einkehrt in die Bankenlandschaft." Ole von Beust, Erster Bürgermeister Hamburg, 24.02.2009

Bankchef Berger tritt am 10. November 2008 zurück - und eine schillernde Figur mit stets streng zurückgegeltem Haar betritt die Bühne: Professor Dirk Jens Nonnenmacher, bisher Finanzvorstand, übernimmt den Chefposten. Doch die Zahlen werden immer schlechter: Am Ende steht für das Gesamtjahr ein Verlust von 2,8 Milliarden Euro, die Belastungen aus der Finanzkrise summieren sich auf 3,8 Milliarden Euro. Die Bank gibt den Abbau von 1.100 Stellen bekannt. Als der Rettungsschirm keine weiteren Finanzhilfen anbietet, schnüren Hamburg und Schleswig-Holstein ihr eigenes Rettungspaket mit der drei Milliarden Euro schweren Eigenkapitalspritze und der Zehn-Milliarden-Bürgschaft. Ansonsten hätte eine Insolvenz der Bank gedroht.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter-Harry Carstensen sagt zu dem Hilfspaket: "Wir haben heute eine schwere Entscheidung getroffen." Sein Hamburger Amtskollege Ole von Beust (beide CDU) gibt sich zuversichtlich, dass die HSH Nordbank mit den zugesagten Milliardenzuschüssen über die Runden kommen wird und der Staat mit plus minus null aus dem riskanten Engagement herauskommt. Ein krasses Fehlurteil, wie sich später herausstellt. Sein Finanzsenator Michael Freytag sieht es aus heutiger Sicht realistischer: "Es ist eine Belastung für beide Länder. Da gibt es gar kein Vertun." Ein kluger, weil vorausschauender Satz. Denn der Rettungsanker, der an diesem Tag vor zehn Jahren geworfen wird, bedeutet keinesfalls, dass die HSH Nordbank in ruhigeres Fahrwasser gelangt.

Dritter Akt: "Dr. No" predigt Bescheidenheit - und kassiert

"Wir werden über die Gehaltstrukturen für die Mitarbeiter und natürlich auch für den Vorstand reden müssen. Ich denke, Bescheidenheit ist angesagt in diesen Zeiten." Dirk Jens Nonnenmacher, Februar 2009

Die Beruhigung bleibt aus, weil schon der Hauptdarsteller eine zu große Reizfigur ist: Dirk Jens Nonnenmacher - genannt "Dr. No" - und sein Gehaltsgebaren etwa erfolgt nach dem Motto, der von Arbeitsplatzabbau betroffenen Belegschaft Wasser zu predigen und sich selbst einen ordentlichen Verdienstzuschlag zu genehmigen. HSH-Aufsichtsrat Hilmar Kopper bestätigt im Juli 2009 eine Sonderzahlung in Höhe von 2,9 Millionen Euro für Nonnenmacher - und das, obwohl staatlich gestützte Banken eine Gehaltsobergrenze von 500.000 Euro einhalten müssen. Die Oppositionsparteien reagieren mit Kritik. Doch nur so habe man Nonnenmacher als Vorstandsvorsitzenden halten können, sagt Ole von Beust.

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Wie die HSH Nordbank die Öffentlichkeit verhöhnt

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Monatelang schweigt HSH Nordbank Chef Dirk Jens Nonnenmacher. Dabei gibt es drängende Fragen. Dann die Überraschung: Nonnenmacher tritt vor die Presse, die Fragen aber will er nicht beantworten. Video (07:52 min)

Derweil billigt nach der Hamburgischen Bürgerschaft und dem Kieler Landtag auch die EU-Kommission das Rettungspaket. Eine Insolvenz der HSH Nordbank hätte "wahrscheinlich zu einer beträchtlichen Störung des deutschen Finanzsektors geführt", heißt es in der Begründung. Nun wird das Kerngeschäft der Bank von faulen Krediten getrennt - und eine sogenannte Bad Bank gegründet. Der Verlust allein im ersten Halbjahr 2009: 530 Millionen Euro.

Dass die Verluste so hoch ausfallen, hängt auch mit einem fatalen Risikomanagement zusammen. Die Bank macht etwa im Jahr 2007 riskante Geschäfte, um die Bilanz zu verschönern - und verliert letztlich dabei. Prominentestes Beispiel ist der "Omega 55"-Deal, mit dem die HSH kurzfristig zum Bilanz-Stichtag Problemkredite auslagert, sich aber längerfristig an riskanten - und später verlustreichen Geschäften - beteiligt. 500 Millionen Euro müssen allein deswegen abgeschrieben werden. Entgegen früherer Angaben hat auch Nonnenmacher den umstrittenen Deal mit seiner Unterschrift bewilligt.

Vierter Akt: Bänker vor Gericht

"Ich glaube, wir sollten jetzt mal die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen und mit dem Blick nach vorne schauen." Dirk Jens Nonnenmacher, Oktober 2009

Bankchef Nonnenmacher möchte den Blick abwenden von derartigen Skandalen. Doch diesen Gefallen tun ihm die Medien und die Parlamentarier nicht. Schon im Juni 2009 setzen beide Länderparlamente einen Untersuchungsausschuss ein, vor dem auch Nonnenmacher wiederholt aussagen muss. 2010 räumt er Fehler ein. Die Bank sei zu schwach kapitalisiert gewesen und sei zu große Risiken eingegangen. Als Beispiel nennt er die umstrittenen "Omega"-Geschäfte. Nonnenmacher verteidigt diese jedoch auch als "üblich". Ende März 2011 tritt er als HSH-Chef ab - und erhält eine Abfindung von mehr als zwei Millionen Euro.

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Auch juristisch beginnt die Aufarbeitung. 2012 erhebt die Hamburger Staatsanwaltschaft Anklage gegen sechs frühere Vorstände der HSH Nordbank, darunter auch Nonnenmacher. Erstmals steht ein gesamter Vorstand vor Gericht. Die Vorwürfe: Untreue und Bilanzfälschung. Das Verfahren endet nach einem Jahr überraschend mit einem Freispruch für alle Beschuldigten. Die Richter erkennen zwar eine Pflichtverletzung - diese sei aber für eine Verurteilung nicht gravierend genug.

Im Oktober 2016 hebt der Bundesgerichtshof das Urteil des Landgerichts Hamburg zum "Omega55"-Deal auf. Das Verfahren gegen die sechs ehemaligen HSH-Vorstände wird in diesem Sommer neu aufgerollt. Vom 16. August an sind nun erneut 42 Verhandlungstage vor dem Hamburger Landgericht angesetzt.

Fünfter Akt: Der Verkauf - und weiterhin Verluste

"Wir erzielen einen positiven Kaufpreis, ohne dass die Länder weitere Risiken aus dem Altgeschäft der Bank zurückbehalten. Das haben viele noch vor kurzer Zeit für völlig unmöglich gehalten." Olaf Scholz, Erster Bürgermeister Hamburg, 28.02.2018

Erfolgsmeldungen von der HSH klingen jahrelang in etwa so: "HSH Nordbank macht 'nur' 679 Millionen Euro Miese". Nachdem 2010 ein operativer Gewinn von 48 Millionen Euro erwirtschaftet und 2011 der Banken-Stresstest der EU bestanden wird, macht die Bank in den Folgejahren wieder hohe Verluste. Als Auflage der EU muss sie weiter Personal abbauen, bis zu 1.200 Stellen sollen wegfallen.

Für die Länder gilt weiterhin: mitgehangen, mitgefangen. Ende 2012 gibt die HSH bekannt, dass Hamburg und Schleswig-Holstein ab 2019 damit rechnen müssten, der Bank 1,3 Milliarden Euro aus den Bürgschaften zur Verfügung zu stellen. Die Bank nennt ausfallende Schiffskredite als Grund für die erneute Schieflage. Die zwischenzeitlich auf sieben Milliarden Euro abgespeckte Garantiesumme wird in der Folge wieder auf zehn Miliarden Euro erhöht.

Weil die EU-Kommission die Garantien als staatliche Beihilfe bewertet, die den Markt verzerren, macht sie 2016 den Ländern zur Auflage, die Bank zu privatisieren. Ansonsten müsste sie abgewickelt werden. Für den Verkauf darf die Bank sich schick machen: Ein erneuter Rettungsplan der Länder sieht vor, dass die Bank Schrottpapiere im Wert von acht Milliarden Euro verkauft - Hamburg und Schleswig-Holstein kündigen an, Papiere im Wert von bis zu 6,2 Milliarden Euro zu übernehmen. Es geht dabei vor allem um Schiffskredite.

In den mehr als ein Jahr andauernden Verkaufsverhandlungen findet sich keine Bank, die das marode Geldhaus übernehmen möchte. Schließlich kommen Ende Februar 2018 die New Yorker Investmentgesellschaft Cerberus und der US-Investor J. C. Flowers zum Zuge. Sie übernehmen rund 80 Prozent des Instituts. Kleinere Anteile gehen an die amerikanische Gesellschaft GoldenTree und an Centaurus Capital aus London. Zusammen zahlen sie rund eine Milliarde Euro für die HSH. "Wir wollen die unrühmliche und das Vermögen der Länder hoch belastende Geschichte der HSH als öffentliche Landesbank damit endgültig abschließen", sagt Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Er spricht von einem sehr guten Ergebnis der Verkaufsverhandlungen.

Epilog: Außer Spesen nichts gewesen

"Das ist der geringste Schaden, den wir erreichen konnten." Peter Tschentscher, damals noch Hamburger Finanzsenator, 28.02.2018

Wurde die Gründung noch mit Bon Jovi zelebriert, verlässt die HSH am Ende sang- und klanglos die Bühne der Finanzwelt. Die neuen Eigentümer benennen sie um - in Hamburg Commercial Bank. Zudem dünnen sie die bereits auf 1.700 Mitarbeiter gesunkene Belegschaft weiter aus - um fast die Hälfte. Vor allem der Standort Kiel ist mit einem Abbau von 500 der 700 verbliebenen Stellen betroffen. Als Randnotiz vermögen noch einmal die mehr als 300 Millionen Euro, die Treuhänder, Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater mit den Verkaufsverhandlungen verdienen, das Publikum zu irritieren.

Und dann ist die HSH Nordbank Geschichte, nach gut 15 Jahren. Außer Spesen nichts gewesen: Auch im Jahr ihres Verkaufs verhagelt die Bank ihren bisherigen Eigentümern noch einmal gehörig die Haushaltsbilanz: In Hamburg etwa steigen die Staatsschulden wegen fällig werdender Garantieleistungen für die HSH um gut 1,5 Milliarden Euro. Die Gesamtverluste für die beiden Länderhaushalte zusammen bewegen sich im zweistelligen Milliardenbereich. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) beziffert das finanzielle Risiko für sein Land auf maximal sieben Milliarden Euro. Peter Tschentscher (SPD) nennt dieselbe Summe auch für Hamburg. Am Ende kostet der Ausflug in die große weite Finanzwelt also 14 Milliarden Euro - in Zahlen: 14.000.000.000! Das sind fast 18 Elbphilharmonien.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.02.2019 | 19:30 Uhr