Stand: 09.08.2019 16:35 Uhr

"Der Sternenhimmel ist besonders schützenswert"

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Lichtverschmutzung hat Folgen für Gesundheit und Umwelt, sagt Astronom Andreas Hänel.

Künstliches Licht, Tag und Nacht. In den Städten wird der Blick zu den Sternen regelrecht verschleiert. Das macht sich besonders bei außergewöhnlichen Phänomenen wie den Perseiden bemerkbar. NDR.de hat mit Astronom Andreas Hänel, der bis vor Kurzem das Planetarium Osnabrück leitete und an der Universität Osnabrück lehrte, darüber gesprochen, welche Auswirkungen die sogenannte Lichtverschmutzung auf unsere Gesundheit und die Umwelt hat.

Was versteht man unter Lichtverschmutzung?

Andreas Hänel: Mit Lichtverschmutzung ist die schädliche Einwirkung von künstlichem Licht gemeint. Zu viel von diesem Licht hellt den Himmel zusätzlich auf. Es wird nach oben gestrahlt und dort in der Atmosphäre gestreut. Von oben wird es wiederum reflektiert und legt sich dann wie ein Schleier über den Himmel. Das hat zur Folge, dass man zum Beispiel Sterne schlechter sieht.

Wo in Norddeutschland gibt es besonders viel Lichtverschmutzung?

Hänel: Ballungsräume und Großstädte sind besonders betroffen. Dort gibt es häufig große Industriegebiete oder auch Häfen und Flughäfen, die auch nachts beleuchtet werden. Aber auch in Kurorten, beispielsweise an der Küste, findet man viele künstliche Lichtquellen. Ein weiteres großes Problem sind große Gewächshäuser, die rund um die Uhr beleuchtet werden.

Wie wirkt sich künstliches Licht auf den Menschen aus?

Hänel: Künstliches Licht, gerade kaltweißes Licht, kann erhebliche Auswirkungen auf den menschlichen Organismus haben. Nicht umsonst wird solches Licht auch als Foltermittel eingesetzt. Der hohe Blauanteil in kaltweißem Licht ist beispielsweise dafür verantwortlich, dass die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin gehemmt wird. Wenn man also eine Straßenlaterne vor dem Schlafzimmerfenster stehen hat, kann die den Schlaf massiv stören. Das kann weitere Folgen wie Übergewicht, Stoffwechselerkrankungen und ein erhöhtes Krebsrisiko haben.

Spüren auch Tiere und Pflanzen die Lichtverschmutzung?

Hänel: Ja, auch die Flora und Fauna wird durch zu viel künstliches Licht gestört. Auch hier macht der hohe Blauanteil einen großen Teil des Problems aus. Inzwischen wissen wir durch Studien: Auch die Lichtverschmutzung trägt zum Insektensterben bei. Die Tiere werden durch dieses Licht besonders angezogen und verlieren dann die Orientierung. An den Lampen versterben sie dann häufig an Erschöpfung oder weil sie durch andere Tiere gefressen werden. Das beeinflusst die komplette Nahrungskette. Aber auch Vögel und nachtaktive Tiere wie Fledermäuse werden durch das künstliche Licht gestört. Zugvögel kommen zum Beispiel von ihren Flugrouten ab, weil sie durch die zusätzlichen Lichter irritiert werden. Bei Vögeln in der Stadt lässt sich beobachten, dass sie früher wach werden und länger singen, weil ihr kompletter Tag-Nacht-Rhythmus durch das Licht massiv gestört wird. Bei Pflanzen bringt die permanente Helligkeit die Photosynthese durcheinander.

Gibt es ein Umdenken?

Hänel: In Europa wird das Interesse an Schutzgebieten größer, auch in Deutschland steigt die Nachfrage. Das Bewusstsein für den Schutz von dunklen Gebieten wächst. Wir brauchen einen verantwortungsbewussteren Umgang mit dem Licht. Wir müssen uns fragen, wie viel Licht brauchen wir und in welcher Qualität? Manche Lampen leuchten zum Beispiel die ganze Nacht, obwohl nur stundenweise am Tag Bedarf ist. Die Dosierung müsste generell angepasst werden, also auch Helligkeit und Dauer. Ähnlich wie zu Hause auch: Wenn ich das Wohnzimmer verlasse, mache ich das Licht aus.

Welche Bedeutung haben Sternenparks in diesem Zusammenhang?

Hänel: Sternenparks sind Regionen mit besonders dunklem Himmel. In der Rhön und der Eifel gibt es zum Beispiel schon Sternenparks. Aber auch im Norden gibt es Bewerber. Im Rennen sind zum Beispiel der Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide, außerdem die Inseln Pellworm und Spiekeroog. Hier hat man erkannt: Der Sternenhimmel ist besonders schützenswert. Erste Messungen vor Ort haben gezeigt, dass beide Inseln gute Voraussetzungen mitbringen: Dunkler Himmel und gedimmte Beleuchtung. Ob die beiden Inseln alle Voraussetzungen erfüllen, um von der internationalen Dark Sky Association ausgezeichnet zu werden, wird sich zeigen.

Das Interview führte Christine Heinz.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 08.08.2019 | 19:30 Uhr