Stand: 28.01.2020 15:41 Uhr

Weiter großes Missbrauchs-Risiko in Deutschland

Am 28. Januar 2010 machte Klaus Mertes, der Leiter des katholischen Canisius-Kollegs in Berlin, den jahrelangen systematischen Missbrauch von Schülern durch Lehrer öffentlich. Seitdem arbeitet die katholische Kirche an ihrer Reputation, wird aber für ihren Umgang mit dem Skandal kritisiert.

Ein Kommentar von Florian Breitmeier

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Es reiche nicht aus, Präventionskonzepte zu erstellen, meint Florian Breitmeier.

Auch vor 2010 haben Betroffene sexualisierter Gewalt über die Verbrechen gesprochen, die ihnen angetan wurden - in der katholischen und evangelischen Kirche, in den Sportvereinen oder in der eigenen Familie. Aber sie wurden viel zu selten gehört.

Zu lange weggeschaut

Die Kirchen, die Politik, wir als Gesellschaft insgesamt haben viel zu lange weggeschaut bei einem Thema, das man im Zweifelsfall doch lieber in der Tabuzone beließ, weil es bequemer war. Es ist das Verdienst vieler von sexualisierter Gewalt Betroffener, sich mit diesem Skandal nicht abgefunden zu haben.

Den Opfern wird keine Genugtuung verschafft

Die Kirchen und ihre Repräsentanten zum Beispiel hätten allein niemals die Kraft aufgebracht, sich ihrer Verantwortung zu stellen. Sie tun dies strenggenommen bis heute nicht mit aller Konsequenz. Dies würde nämlich bedeuten, den Opfern ein Mindestmaß an Genugtuung zu verschaffen - nicht allein in finanzieller Hinsicht, aber selbstverständlich auch das.

Es geht nicht darum mit Geld etwas wiedergutmachen zu wollen, was nicht wieder gut zu machen ist. Aber dass eine Entschädigungszahlung in Form einer Art Opferrente etwas anderes ist als eine symbolische Anerkennung des erlittenen Leids in Höhe von ein paar Tausend Euro, dürfte auch klar sein.

Missbrauch bleibt ein Risiko für Kinder

Die Liste der Missbrauchstaten in der katholischen und evangelischen Kirche ist lang: Kloster Ettal, Berliner Canisius-Kolleg, die evangelische Brüdergemeinde Korntal, Ahrensburg, um nur einige Orte zu nennen. Nicht nur diese Fälle offenbaren, was bis heute leider gilt: Missbrauch bleibt ein großes Risiko einer Kindheit in Deutschland. In jeder Schulkasse sitzen statistisch gesehen zwei Kinder beziehungsweise Jugendliche, die sexualisierte Gewalt erlitten haben. Kirche und Gesellschaft sind nach wie vor gefordert.

Ein paar Leuchtturmprojekte, PR-Termine, reumütige "Wir-haben-verstanden"-Botschaften, hier eine Studie, dort ein Arbeitskreis helfen alleine nicht weiter.

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Es ist viel passiert, aber ...

Ohne Zweifel ist seit 2010 viel passiert. Die katholische Kirche hat zum Beispiel Präventionskonzepte für sämtliche haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgesetzt, die vielen Institutionen im Land eigentlich ein Beispiel geben müssten. Doch eine ehrliche Aufarbeitung vergangenen Unrechts endet nicht mit einer lobenswerten Präventionsarbeit.

Wer als katholischer Bischof oder Kardinal den Anspruch erhebt, schonungslos aufklären zu wollen, der muss der Öffentlichkeit auch konkret sagen, wer wo wie warum handelte, wissentlich vertuschte oder einfach wegsah, weil er es gar nicht genau wissen wollte.

Keine Rücktritte der Verantwortlichen

Und wer echte Aufklärung will, der darf auch vor Konsequenzen nicht zurückschrecken. Dass ein katholischer Bischof, Weihbischof, Generalvikar oder Personalchef infolge des Missbrauchsskandals persönlich Verantwortung für sein Fehlverhalten übernimmt und zurücktritt, das steht in Deutschland noch aus.

Für die katholische Kirche bleibt das ein Problem. Nicht weil es um Bauernopfer oder Sündenböcke geht, sondern weil die Glaubwürdigkeit von Institutionen nun einmal immer zuallererst an Personen hängt.

Aufklärung steht am Anfang

Zehn Jahre nach Bekanntwerden des Skandals am Berliner Canisius-Kolleg steht eine umfassende Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs in Kirche und Gesellschaft erst am Anfang. Die Zeit aber drängt, weil die Gefahr für Kinder hoch bleibt und die betroffenen Erwachsenen keine Geduld mehr haben.

Nötig ist deshalb eine unabhängige zentrale Aufarbeitungskommission, ausgestattet mit einem robusten Mandat des Bundestags. Ein staatlich eingesetztes Gremium, das für Klarheit und Genugtuung für die Opfer sorgt. Eben weil die Kirchen, die Sportverbände und andere Institutionen es allein nicht schaffen. Das haben die vergangenen zehn Jahre schmerzhaft gezeigt. Abfinden sollten wir uns damit nicht mehr.

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NDR Info | Kommentar | 28.01.2020 | 17:08 Uhr

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