Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

Hundert Folgen Corona-Podcast: Drosten und Ciesek reden weiter

Stand: 12.10.2021 17:17 Uhr

Die Virologen Christian Drosten und Sandra Ciesek sind als Pandemie-Erklärer zu Leuchttürmen wissenschaftlich fundierter Information geworden. In der 100. Folge des Coronavirus-Update von NDR Info kündigen die Forscher Veränderungen im Podcast an. Außerdem geht es in der Jubiläumsausgabe um die Immunität von Genesenen und korrigierte Impfzahlen.

von Ines Bellinger

Mission erfüllt - so blicken der Chefvirologe der Berliner Charité und die Leiterin der Medizinischen Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am NDR Mikrofon auf die Zeit seit dem 26. Februar 2020 zurück, als das Coronavirus-Update zum ersten Mal auf Sendung ging. Aus Sicht der beiden Wissenschaftler hat die Wissenschaft seither alle wesentlichen Kernfragen gelöst. Die weitere, notwendige Erklärung könne daher nun primär von den Medien geleistet werden. "Ich möchte ja kein Journalist werden. Ich bin Wissenschaftler und bleibe das auch", bilanziert Christian Drosten nach fast 20 Monaten Podcast, der in dieser Zeit rund 117 Millionen Mal abgerufen wurde.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die Jubiläumsfolge: (100) Die Welle der Ungeimpften (76 Min)

Auch Sandra Ciesek sieht ihre Aufgabe als Kommunikatorin zum Stand der Covid-Forschung als weitgehend erledigt an: "Mir war immer wichtig, dass es ein wissenschaftlicher Podcast ist, und ich sehe es nicht als meine Aufgabe, das politische Handeln jede Woche zu kommentieren", sagt sie. "Die, die uns regelmäßig hören, sind kompetent und können die Situation einschätzen."

Podcast-Folgen werden kürzer

Beide wollen sich künftig auf ihre eigentlichen Jobs in Forschung und Lehre konzentrieren. Damit Podcast-Hörer und -Hörerinnen aber nicht ganz auf Einordnung und wissenschaftliche Leitplanken verzichten müssen, werden die beiden Forscher noch ein bisschen weiter über die Pandemie sprechen, nur kürzer und mit einem weniger detaillierten Blick in die Forschungsliteratur. Alle 14 Tage wechseln sich Christian Drosten und Sandra Ciesek im Podcast ab. Die Folgen werden künftig sehr viel kompakter gestaltet und hauptsächlich auf Fragen zum Corona-Infektionsgeschehen oder herausragende Studien eingehen.

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Die Coronavirus-Pandemie ist nicht vorbei

Denn auch wenn der Umgang mit Masken und die Kontrollen der Maßnahmen mancherorts laxer werden - die Pandemie ist noch nicht vorbei. "Mich erinnert das ein bisschen an letztes Jahr", sagt Sandra Ciesek, "auch wenn die Bedingungen ohne Impfstoff noch ganz andere waren." Die Virologin verweist auf niedrige Impfquoten in vielen Ländern weltweit und die wieder in die Höhe geschnellten Hospitalisierungszahlen in England oder den USA, ungeimpfte Kinder und die kalte Jahreshälfte, in der sich wieder mehr in Innenräumen abspielen wird. "Und wir wissen noch nicht alles über die Dauer der Immunität."

Immunschutz von Genesenen ähnlich wie bei Geimpften

Das betrifft vor allem Covid-19-Genesene. Die Gesellschaft für Virologie (GfV), in deren Vorstand Sandra Ciesek sitzt, hat auf der Grundlage neuer Studienergebnisse jüngst empfohlen, Genesene bei offiziellen Regelungen wie der Testpflicht den Geimpften für mindestens ein Jahr gleichzustellen. Solange könne man, zumindest bei PCR-bestätigten, in der Regel symptomatischen Infektionen von einem Schutz ausgehen, "vor einem schweren Verlauf allemal", sagt Drosten. Aber: Bei asymptomatischen Infektionen bestehe weiter eine Unsicherheit, wie lange die Immunität anhält. Drosten rät Menschen, die die Krankheit überstanden haben, dennoch zur Sicherheit nach einem halben Jahr eine einzelne Impfdosis zu nehmen.

Herdenimmunität: "Impfung ist die bessere Antwort"

Was das Erreichen einer Herdenimmunität in Deutschland angeht, müsse man sich im weiteren Verlauf der Pandemie gesellschaftlich überlegen, ob man alle Impflücken schließen wolle oder das Schließen dieser Lücken dem Virus überlassen wolle. Klare Meinung der beiden Virologen: "Die Impfung ist die bessere Antwort."

Vom Erreichen einer Herdenimmunität ist Deutschland noch ein gutes Stück entfernt, auch wenn das Robert Koch-Institut (RKI) in einem Bericht von Anfang Oktober davon ausgeht, dass die Impfquote bei einmal und vollständig Geimpften ab 18 Jahren bis zu 5 Prozentpunkte höher liegen dürfte, als es das eigene digitale Impfquotenmonitoring aussagt. Als Grund wird ein Meldeverzug bei den Daten angenommen, vor allem im Bereich der niedergelassenen Ärzte. Entdeckt wurde die Unschärfe bei einer Telefonumfrage des RKI unter mehr als tausend Bürgerinnen und Bürgern.

Drosten: Aufregung um Impfquote "totaler Klamauk"

Den Wirbel, der in der Öffentlichkeit darum entstanden ist, hält Drosten für "totalen Klamauk". Umso mehr als das RKI frühzeitig kommuniziert habe, dass es bei dieser Art der Datenerhebung zu Verzerrungen kommen könne. Der Fehler im Meldesystem sei dem RKI nicht anzulasten. Wenn man zudem berücksichtige, dass die Telefonumfrage vermutlich eine zu hohe Impfquote suggeriert, weil sie Menschen, die sich nicht beteiligen wollten, ausblendet, sei der Unterschied bei der Impfquote wenig relevant für die Bewertung der Gesamtlage. Derzeit liegt die offizielle Impfquote in Deutschland bei 65,3 Prozent (Stand 12.10.2021). Bereinigt komme man vermutlich auf etwas über 67 Prozent, nimmt Drosten an: "Die Aufregung ist umsonst, die Situation hat sich überhaupt nicht geändert."

Influenza-Impfrate im Osten deutlich besser

Die Gesamtzahl der Menschen, die bereits eine Auffrischungsimpfung bekommen haben, gibt das RKI mit etwas über eine Million an. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt den "Booster", der den Immunschutz verstärken soll, mittlerweile für alle ab 70 Jahren. Die Auffrischungsimpfung kann laut Stiko auch parallel zu einer jetzt anstehenden Influenza-Impfung verabreicht werden, möglichst sollten aber nicht beide in denselben Arm gespritzt werden.

"Die Risikogruppen für schwere Verläufe sind sehr ähnlich bei Covid und Influenza", sagt Sandra Ciesek. "Die Impfrate für Influenza ist in Deutschland allerdings miserabel." In der Saison 2019/2020 ließen sich laut RKI in den westlichen Bundesländern nur 34,8 Prozent der über 60-Jährigen impfen. In den östlichen Bundesländern, von denen vier im Ranking der Corona-Impfungen die letzten Plätze belegen, liegt die Impfquote bei der Grippe mit 57,1 Prozent deutlich höher als im Westen. Bislang sehe man nur Einzelfälle von Influenza-Nachweisen in Deutschland, aber die Saison beginne auch erst, sagt Ciesek.

Medikament Molnupiravir von Merck: Starke Zwischenergebnisse

Mit einem optimistischen Blick auf eine neue Behandlungsoption beendeten Christian Drosten und Sandra Ciesek die 100. Folge Coronavirus-Update. Das Pharmaunternehmen Merck hat für das antivirale Medikament Molnupiravir in den USA die Notfallzulassung beantragt. Der Wirkstoff, der in Tablettenform verabreicht werden kann, hat so gute Zwischenergebnisse gezeigt, dass die Studie vorzeitig beendet werden konnte.

"Das ist das erste Mal ein Medikament, bei dem man wirklich einen klinischen Nutzen sieht, weil es direkt auf das Virus wirkt", sagt Drosten. Nach bisher vorliegenden Daten wurde die Zahl schwerer Verläufe etwa halbiert. "Das Interessante ist die orale Gabe, man kann die Packung mit nach Hause nehmen", ergänzt Ciesek. "Das ist eleganter, als wenn man für eine Antikörpertherapie ins Krankenhaus muss, und auch preiswerter." Niemand dürfe allerdings glauben, dass es keine schweren Verläufe mehr geben werde, sobald das Medikament auf den Markt kommt, so die Virologen unisono: "Das Medikament ist keine Alternative für die Impfung."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 12.10.2021 | 17:00 Uhr

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