Eine Intensivpflegekraft kümmert sich in einem Krankenhaus um eine an Covid-19 erkrankte Patientin. © dpa Foto: Kay Nietfeld

Hospitalisierungsrate unterschätzt Patientenzahlen dramatisch

Stand: 22.09.2021 12:34 Uhr

Die Hospitalisierungsrate hat die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen als wichtigste Messgröße in der Corona-Pandemie abgelöst. Aber die zugrunde liegenden RKI-Daten sind viel zu niedrig und vermitteln ein falsches Bild.

Von Ciara Cesaro-Tadic und Marvin Milatz

Die Schutzmaßnahmen in der Corona-Pandemie orientieren sich seit circa zwei Wochen vor allem an der Zahl der Menschen, die wegen ihrer Covid-19-Infektion ins Krankenhaus kommen. Am 10. September löste die sogenannte Hospitalisierungsrate auf Beschluss des Bundesrates die Sieben-Tage-Inzidenz als wichtigste Größe in der Pandemie ab. Dabei ist bereits seit Anfang August bekannt, dass die Hospitalisierungsrate, die das Robert Koch-Institut (RKI) angibt, die Zahl der Menschen in Krankenhäusern unterschätzt. Dieser Zustand hat sich nicht verbessert, obwohl die Hospitalisierungsrate seit dem 10. September im Infektionsschutzgesetz verankert ist.

Dunkelziffer zum Teil bei mehr als 40 Prozent

Hospitalisierungsrate

Die Hospitalisierungsrate gibt die Zahl der Corona-Neuaufnahmen in Krankenhäusern binnen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnern an. Konkret: Wenn die Hospitalisierungsrate beispielsweise bei zwei liegt, sind zwei Personen von 100.000 innerhalb von sieben Tagen "mit" oder "wegen" Corona hospitalisiert worden. Die Hospitalisierung ist seit Mitte September der neue Leitindikator zur Bewertung der Pandemiesituation. Von den Nordbundesländern veröffentlichen bisher Niedersachsen, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein Hospitalisierungsraten, teilweise übernehmen sie den Wert vom Robert Koch-Institut, teilweise ermitteln sie eigene Werte.

Der Fehler liegt im System: Wenn das RKI die Hospitalisierungszahlen erstmals veröffentlicht, ist bei Tausenden Fällen - teilweise bei über 40 Prozent der positiv Getesteten - gar nicht bekannt, ob sie im Krankenhaus liegen oder nicht. Die Angaben liegen schlicht nicht vor. Nach NDR Auswertungen der RKI-Rohdaten korrigiert die Infektionsschutzbehörde die jüngst gemeldete Zahl der Hospitalisierten in den Folgewochen wieder und wieder nach oben.

Die verantwortlichen Politiker orientieren sich jedoch am aktuellsten Wert, um etwaige Corona-Einschränkungen oder -Öffnungen zu beschließen. Damit fällen sie ihre Entscheidungen auf der Basis stark unvollständiger Daten. Dies stellt nicht nur den Sinn eventueller Corona-Maßnahmen in Frage, die tatsächliche Belastung in den Krankenhäusern wird ebenfalls dramatisch unterschätzt.

Rund 50 Prozent mehr Kranke als ursprünglich bekannt

Pflegekräfte in Schutzkleidung bei der Arbeit im Krankenhaus.
Die tatsächlich Belastung der Krankenhäuser wird massiv unterschätzt.

Wie stark dieser Effekt ist, zeigt ein Beispiel von Anfang August: Als das RKI die Zahl der Hospitalisierten für die Meldewoche 31 erstmals veröffentlichte, lag der Wert in der RKI-Tabelle „Klinische Aspekte“ bei 613. Über den Verlauf der folgenden fünf Wochen korrigierte das RKI diesen Wert wieder und wieder nach oben – und gab in seinem jüngsten Bericht an, dass in der 31. Meldewoche 964 Menschen mit Covid-19-Symptomen in ein Krankenhaus eingewiesen werden mussten und nicht - wie ursprünglich berichtet - 613.

Man könnte meinen, dass so mit einer Verzögerung von Wochen bekannt wird, dass die tatsächliche Zahl der Hospitalisierten um rund 50 Prozent höher lag, als ursprünglich vom RKI angegeben. Tatsächlich ist es noch etwas komplizierter, denn eine Entscheidung des RKI macht die Daten letztlich unbrauchbar.

Durch Nachmeldungen fallen Hospitalisierte durchs Raster

Erklärung für dieses Problem dürfte eine starke statistische Verzerrung sein, die durch die Art entsteht, wie die Daten erhoben werden. Wie der SWR bereits Anfang August aufdeckte - und Modellrechnungen von "Zeit Online" und "Spiegel" später bestätigten - nutzt das RKI nicht das Datum, an dem ein Erkrankter hospitalisiert wurde, sondern das Datum, an dem ein Gesundheitsamt vor Ort einen Erkrankten erstmals registriert hat. Dabei wird teilweise erst mehrere Tage später klar, ob eine Person nach positivem Test doch noch ins Krankenhaus musste.

Wenn diese Information das RKI irgendwann erreicht, wird der Kranke zwar noch in die Statistik aufgenommen - wie oben erläutert - , aber der Fokus der Politik liegt dann schon wieder auf den aktuellen Zahlen. Da es bei der Pandemiebekämpfung aber darum geht, aktuell möglichst zuverlässige Zahlen zu haben, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, dürfte klar sein: Die Erhebungsmethode verfehlt ihre Wirkung.

RKI-Angaben zur Datenlage nur begrenzt korrekt

Das RKI veröffentlicht also regelmäßig Daten zur Hospitalisierung, bevor diese in ausreichender Menge vorliegen. Auf Anfrage teilt die RKI-Pressestelle mit, dass gemessen an allen wöchentlich gemeldeten Corona-Fällen "die Anzahl der Fälle mit Angaben zur Hospitalisierung in der Regel bei über 80 Prozent" liege. "Das wird aus RKI-Sicht nicht als gering bewertet", so die Pressestelle.

Für Monate zurückliegende Meldezeitpunkte ist diese Aussage auch richtig. Bei Erstveröffentlichung liegt diese Rücklaufquote für die aktuellste Woche jedoch deutlich niedriger, in der jeweils jüngsten Meldewoche bei nur 57 Prozent. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass bei 43 Prozent der Corona-Erkrankten gar keine Daten vorliegen. In Zahlen ausgedrückt: Bei diesen 30.541 Erkrankten in der zweiten Septemberwoche ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht dokumentiert, ob bisher eine Krankenhauseinweisung erfolgte oder nicht.

80-Prozent-Marke auch nach fünf Wochen nicht erreicht

Kein Einzelfall, wie Stichproben in den historischen Ausgaben der Tabelle "Klinische Aspekte" ergeben. So lag zum Beispiel der Anteil der Fälle mit Angaben zur Hospitalisierung, der für die Meldewoche 31 erstmals veröffentlicht wurde, bei nur 62 Prozent. Fünf Wochen später hat der Wert die 80 Prozent-Marke immer noch nicht überschritten. Ob das RKI auch diesen Rücklauf weiterhin als "nicht gering" bewertet, bleibt offen: Auf Nachfragen des NDR antwortete das RKI bisher nicht.

Täglich korrigierte Werte erst seit wenigen Tagen verfügbar

Etwas bessere Daten zur Hospitalisierungs-Inzidenz finden sich seit wenigen Tagen in einem neuen RKI-Dashboard namens "COVID-19-Trends". Dieses hat den Vorteil, dass es von montags bis freitags aktualisiert wird, Nachmeldungen also schneller durchschlagen. Allerdings - wie Stichproben bestätigen - für in der Regel weit zurückliegende Tage. Der tagesaktuelle Wert bleibt weiterhin von einer langen Verzögerung betroffen und wirkt daher stets niedriger als er ist.

Immerhin versieht das RKI dieses Dashboard mit einen Warnhinweis: "Unterschätzung der aktuellen Inzidenzen, da Hospitalisierung ggf. erst im Verlauf mehrere Tage nach dem Meldedatum auftritt". Die Folgen dieses Verzugs für politische Entscheidungen, thematisiert das RKI hingegen nicht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 22.09.2021 | 13:15 Uhr

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