Stand: 07.01.2020 16:12 Uhr

FNG-Nachhaltigkeits-Siegel in der Kritik

Wer nachhaltige Finanzprodukte sucht, bekommt bei den Banken nicht immer eine gute Beratung - deshalb vertrauen viele Verbraucher bei der Suche auf geprüfte Siegel. Das bekannteste ist das FNG-Siegel für nachhaltige Investmentfonds. Doch das ist nicht unumstritten.

von Verena von Ondarza, Wirtschaftsredaktion

Eine kleine Pflanze wächst durch Fünf-Euro-Scheine. © Colourbox Foto:  graja
Fonds mit FNG-Siegel können bis zu einem gewissen Prozentsatz an klimaschädlichen Unternehmen beteiligt sein.

Einmal im Jahr ist Showtime - dann vergibt das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) sein Siegel. Genauso wie der Markt für nachhaltige Anlagen im Allgemeinen hat auch das Siegel im vergangenen Jahr ein enormes Wachstum hingelegt. Im November haben 104 Investment-Fonds das Siegel erhalten. Um die Auszeichnung beworben hatten sich 105 Kandidaten. Allein das findet Thomas Küchenmeister von der Organisation Facing Finance, die sich damit beschäftigt, ob Banken die Gelder ihrer Kunden nachhaltig - also nicht in Waffen oder umweltschädliche Technologien - investieren, verdächtig: "Man läuft nur eine geringe Gefahr, abgelehnt zu werden und das Siegel nicht zu bekommen, wenn man sich einmal dafür beworben und die Gebühr dafür bezahlt hat."

Geschäftsführer kann Kritik nicht nachvollziehen

Wer das Siegel haben will, muss für den Zertifizierungs-Prozess zahlen. Das Forum Nachhaltige Geldanlagen ist ein Zusammenschluss von Banken, Versicherungen, Investmentgesellschaften und Ratingagenturen. Geprüft wird die Siegel-Auszeichnung von der Uni Hamburg. Roland Kölsch spricht für das FNG und kann die Kritik, dass fast alle Bewerber ein Siegel bekommen haben, nicht nachvollziehen: "Die Bewerber haben im Grunde ihre Hausaufgaben schon gemacht. Und die Zahlen, wer durchgefallen ist und wer nicht, sind für mich kein Gradmesser. Für die, die durchfallen, ist es in der Regel Dummheit, weil die es nicht geschafft haben, den Kohlebergbau rauszuhauen."

"FNG unterläuft seine eigenen Regeln"

Antje Schneeweiß von der Entwicklungsorganisation Südwind © Südwind e.V. Foto: Südwind e.V.
Antje Schneeweiß von der Entwicklungsorganisation Südwind findet immer wieder Fonds, die gegen Siegelkriterien verstoßen.

Laut offiziellen Kriterien des FNG sind Investitionen in den Kohlebergbau weitgehend tabu - bis zu einer Umsatzgrenze von fünf Prozent. Das Gleiche gilt für Atomkraft und Waffen. Kontroverse Waffen wie Atombomben oder Streumunition sind komplett ausgeschlossen. Kohleverstromung ist bis zu einer Umsatzgrenze von 30 Prozent toleriert. Doch das FNG halte sich nicht an seine eigenen Regeln, sagt Antje Schneeweiß von der Entwicklungsorganisation Südwind: "Besonders intensiv sehe ich mir Emerging-Markets-Fonds an. Das sind Fonds, die in Entwicklungs- und Schwellenländern investieren. Dort ist es natürlich besonders wichtig, Nachhaltigkeit voranzubringen. Aber das ist oft auch sehr schwierig, weil die großen Unternehmen dort oft große Nachhaltigkeitsprobleme haben."

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Einige Fonds sind auffällig

Dabei hat Antje Schneeweiß das FNG-Siegel vor acht Jahren selbst mitentwickelt. Ihre Organisation Südwind ist Mitglied im FNG. Als sie den aktuellen Halbjahresbericht eines größeren Fonds, der in Schwellenländer investiert, prüft, wird sie jedoch stutzig. Nicht nur, dass der Fonds Anteile zahlreicher Öl- und Gasfirmen sowie etlicher Unternehmen mit Sitz in Steueroasen enthält: "Weiter fielen mir zwei Titel auf, die tatsächlich gegen Siegelkriterien verstoßen, zum einen ein indonesisches Unternehmen, das Kohlebergbau betreibt, das geht eindeutig aus der Website hervor."

Unternehmen im Kohlebergbau tätig

Auf der Internetseite von Indika Energy - so der Name der indonesischen Firma - sind dicke schwarze Kohlebrocken zu sehen, auf denen ein Arbeiter mit der Landes-Flagge steht. Eine Grafik zeigt, dass Indika Energy in Indonesien die gesamte Wertschöpfungskette rund um Kohle abdeckt. Der Kohlebergbau ist Kerngeschäft - andere Geschäftsfelder würden gerade erschlossen - heißt es in der Bilanz. Und eine weitere Beteiligung hält Antje Schneeweiß für nicht akzeptabel: "Zum zweiten fiel mir ein Unternehmen aus Dubai auf: der größte Hafenbetreiber der Welt. Dort gibt es massive Probleme mit Gewerkschaften. Das Unternehmen sagt, dass es nicht mit Gewerkschaften zusammenarbeite. Dort gibt es eine ganz schwere Missachtung von Gewerkschaftsrecht und internationalem Arbeitsrecht."

"Keinerlei Hinweise auf umstrittene Beteiligungen"

Der FNG hat sich eigentlich den Nachhaltigkeitskriterien der Vereinten Nationen verpflichtet. Die Verletzung von internationalem Arbeitsrecht ist da tabu. Roland Kölsch sagt, der kritisierte Schwellenländer-Fonds habe die umstrittenen Beteiligungen inzwischen verkauft. Überprüfen lässt sich das momentan nicht, da noch kein neuer Halbjahresbericht vorgelegt wurde. Dass der Fonds trotz dieser Beteiligungen vom FNG mit zwei Sternen prämiert wurde - dem zweitbesten Ergebnis - verteidigt Kölsch dennoch: "In unseren Augen sind die Titel damals nicht durchgerutscht, weil es keinerlei Hinweise gab. Was aber nicht heißt, dass dies aus Sicht anderer Stakeholder, NGOs oder anderen mit einer roten Ampel zu bewerten ist. Das kann eine Grauzone sein und die wird immer streitbar bleiben."

Aus dem harten Ausschlusskriterium Kohlebergbau wird so also eine Grauzone. Antje Schneeweiß reicht das nicht: "Das muss sich ändern. Nächstes Jahr will ich nicht wieder eine Vergabe an einen solchen Fonds mit Kohlebergbau und massiven Menschenrechtsproblemen und auch nicht mit so viel Öl und so viel Steueroasen sehen. Das ist ja nicht das, was der Anleger oder die Anlegerin sich unter einem nachhaltigen Fonds vorstellt."

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir einen Kritiker des FNG-Siegels zitiert, wonach in einem der zuletzt mit dem Siegel ausgezeichneten Fonds Beteiligungen an RWE und EnBW zu finden seien. Diese Aussage lässt sich nicht erhärten. Wir haben den Artikel entsprechend korrigiert.

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NDR Info | Wirtschaft | 08.01.2020 | 07:41 Uhr

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