Drosten: Ohne Lockdown geht es wohl nicht
In der neuen Folge des NDR Info Podcasts Coronavirus-Update erklärt der Virologe Christian Drosten, warum die "Holzhammer"-Methode immer noch als Gebot der Stunde erscheint. Die Nachweisquote für die britische Virusvariante erreicht über 90 Prozent.
Lockdown und Lockerungen, Notbremsen und Modellprojekte. Inmitten der dritten Welle der Coronavirus-Pandemie droht vielen Menschen die Orientierung verloren zu gehen. Fakt ist: Die Zahl der Neuinfektionen steigt, die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner erreichte am Dienstag nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) bundesweit 135,2 Fälle. Wie aber geht es weiter nach dem Osterruhe-Fiasko bei den Bund-Länder-Beratungen? "Natürlich können wir die dritte Welle aufhalten - die Frage ist, mit welchen Maßnahmen und zu welchem Preis", sagt Drosten in der neuen Podcast-Folge. "Ich glaube, es wird nicht ohne einen neuen Lockdown gehen, um die Dynamik noch einmal zu verzögern."
"Man kann nicht die Zukunft einpreisen bei einer Pandemie"
Das Mittel eines Lockdowns - strenger Corona-Regeln mit weitreichenden Schließungen und Kontakteinschränkungen - bezeichnete Drosten als "Holzhammer"-Methode, die wir immer noch bräuchten, weil in einer Mixtur aus irreführenden Debatten mit sich "immer weiter von wissenschaftlichen Befunden entfernenden Argumenten" und einer "schier undurchdringlichen Bürokratie bei der Umsetzung von Maßnahmen" wertvolle Zeit vergeudet worden sei. Zeit, in der bessere Werkzeuge für die Pandemiebekämpfung hätten entwickelt werden können. Die Impfung größerer Bevölkerungsanteile und die effiziente Anwendung von Tests zählt der Wissenschaftler dazu. Jedoch müssten diese zunächst ihre Wirksamkeit entfalten und dürften nicht "eingepreist" werden wie Gewinnerwartungen bei Investoren an der Börse. "Man kann nicht die Zukunft einpreisen bei einer Pandemie", sagte Drosten. "Man muss eigentlich auf der Basis dessen agieren, was man vor ein paar Wochen erreicht hat - und vor ein paar Wochen hatten wir noch nicht viel erreicht."
"Man kann nicht die Zukunft einpreisen bei einer Pandemie." Christian Drosten
Die Mehrheit lehnt die Maßnahmen nicht ab
Ein Punkt, an dem sich die gesellschaftliche Debatte derzeit entflamme, sei die Wahrnehmung von Entwicklungen in der Pandemie. Es werde häufig, auch von Politikern, damit argumentiert, dass die Zustimmung für die Corona-Maßnahmen abnehme. Das entspreche jedoch nicht den Umfragewerten. So sagen die aktuellen Daten der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF-Politbarometer, dass 26 Prozent der Befragten die geltenden Corona-Maßnahmen für übertrieben halten, 31 Prozent halten sie für gerade richtig, für 36 Prozent müssten die Maßnahmen sogar härter ausfallen. Drosten kritisiert, dass nach der Veröffentlichung dieser Erhebung zunächst der Fokus darauf gelegt worden sei, dass die "gerade richtig"-Gruppe im Vergleich zum vorangegangenen Umfrage-Zeitraum 24 Prozentpunkte verloren hat, nicht aber, dass 18 Prozentpunkte davon sich der Meinung "Maßnahmen müssten härter ausfallen" angeschlossen haben.
Es gebe in der Präsentation der Pandemie-Entwicklung - sei es in Medien, in der Politik oder in bestimmten sozialen Gruppen -, Tendenzen, in denen er Grundmotive der Wissenschaftsleugnung erkenne, sagte Drosten. Diese Strategie heißt PLURV (Pseudoexperten, Logikfehler, unerfüllbare Erwartungen, Rosinenpickerei, Verschwörungsmythen) und ist im Zusammenhang mit der Leugnung des Klimawandels untersucht worden. Argumente fern jeglicher Wissenschaft verzerrten die Wahrnehmung und erzeugten Druck, vor allem auf die Politik.
Verzerren Modellprojekte die Wahrnehmung?
Druck, der womöglich mit dazu geführt hat, dass nach der Ministerpräsidentenkonferenz vom 22. März im ganzen Land Modellprojekte und -versuche nach dem Vorbild von Tübingen und Rostock vorangetrieben werden. Drosten sieht daher mitten in der dritten Welle die Gefahr, dass die Bevölkerung eine falsche Vorstellung davon bekomme, was die Optionen im Umgang mit der Pandemie seien. "Keines der Modellprojekte hat bis jetzt bewiesen, dass das funktioniert." Positive Effekte könnten sein, dass man eine gewisse Testfrequenz realisieren oder wirtschaftliche Effekte durch vorsichtige Öffnungen erzielen könnte. Dafür müsse man Erfolgs- und Abbruchkriterien definieren und Kontrollregionen heranziehen, die im gleichen Zeitraum auf Lockerungen verzichten, sowie Evaluations- und Anschlusspläne vorlegen, wie man mit den Ergebnissen umgehen wolle.
Indische Variante - kein Grund zur Beunruhigung
Für das Infektionsgeschehen sagt Drosten einen weiteren Anstieg der Inzidenzwerte in den kommenden Wochen voraus. Die dritte Welle habe sogar früher begonnen, als Modellierungen das berechnet hatten. Daher dürfe man auch hier nicht die Zukunft einpreisen und schon mit steigenden Impfquoten argumentieren. Nach wie vor gebe es nun mal Probleme mit der Verfügbarkeit von Impfstoffen.
In Berichten über eine in Indien grassierende, sogenannte Doppel-Mutation sieht Drosten keinen Grund zur Beunruhigung. Die Variante trage keine Kreuzung zweier Mutationen, wie mitunter behauptet, sondern zwei gemeinsam auftretende Mutationsmerkmale. Andere Varianten haben sogar drei oder vier solcher Merkmale. "Es ist relativ wahrscheinlich, dass auch dieses eine Mutante mit einem leichten Immun-Escape ist", sagte Drosten. Einen solchen Selektionsdruck wie in Indien gebe es in Deutschland aber derzeit nicht. Mit der nächsten Impfstoff-Generation könne man vermutlich mit wenig Aufwand die meisten Immun-Escape-Mutanten, die weltweit entstehen, erfassen. Drosten rechnet damit, dass bereits im Herbst Update-Impfstoffe auf den Markt kommen, mit denen man vor allem Risikopatienten nachimmunisieren könnte.
Nachweis für britische Virusvariante bei über 90 Prozent
Sorgen bereitet Virologen und Epidemiologen nach wie vor die Virusvariante B.1.1.7. In Deutschland werde die als ansteckender geltende britische Variante inzwischen in über 90 Prozent der im Labor untersuchten Infektionsfälle nachgewiesen. Auch eine erhöhte krankmachende Wirkung ist für B.1.1.7 eindeutig nachgewiesen worden. "Wer diagnostiziert wird mit diesem Virus, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, ins Krankenhaus zu müssen und auch zu versterben", sagte Drosten.
Anmerkung der Redaktion: Die Podcast-Folge wurde vor der Nachricht aufgezeichnet, dass AstraZeneca nur noch für Menschen ab 60 eingesetzt werden soll.