Stand: 15.01.2020 13:35 Uhr

Der Kampf gegen das "Schwimmbad-Sterben"

Etwa alle vier Tage schließt in Deutschland ein Hallen- oder Freibad für immer - 80 pro Jahr sind es, so die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Das ist ein Grund dafür, warum in Deutschland immer weniger Kinder schwimmen können - es fehlen schlicht die Bäder, wo sie das lernen könnten. Die DLRG hat deshalb im vergangenen Jahr etwa 120.000 Unterschriften für den Erhalt der kommunalen Schwimmbäder gesammelt. Investitionen vom Bund müssten her, denn die unter finanziellem Druck stehenden Kommunen sind mit den Kosten für die Schwimmbäder oft überfordert - auch in Norddeutschland.

von Michael Latz, NDR Info

Unkraut am Beckenrand, schlammige Pfützen unter dem Drei-Meter-Turm und apathische Badegäste, die im vermoosten Schwimmbecken ins Leere starren. Mit diesem Schock-Video hat die DLRG im vergangenen Jahr ihre Unterschriftenaktion begleitet. Gedreht wurde das Video im Freibad Borssum im ostfriesischen Emden. Seit mehreren Jahren ist das dortige Bad geschlossen, die Schwimmbecken aus dem Jahr 1975 sind ein Sanierungsfall.

Bisher fehlte der Stadt das dafür nötige Geld, aber nun bekommt man eine zweite Chance: Der Bund zahlt 938.000 Euro dazu, um das Freibad wieder in Betrieb nehmen zu können. Die Stadt selbst hätte nur ungefähr 600.000 Euro für die Sanierung zusammenbekommen, so Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos): "Man hätte nicht davon ausgehen können, dass man damit über einen Zeitraum von fünf bis sieben Jahren in der Lage ist, das Freibad so zu sanieren, dass es danach über einen längeren Zeitraum genutzt werden kann." Durch die Fördermittel vom Bund habe das Bad nun aber eine Zukunft.

"Das ist gut investiertes Geld"

Überzeugt hat die Stadt Emden mit einem Konzept, das stark auf das Engagement der Bürgerinnen und Bürger setzt. So soll ein Förderverein zum Beispiel dafür sorgen, dass es Personal für die Kasse oder den Imbiss-Kiosk gibt.

Schon vor seiner Wahl zum Bürgermeister hat sich Kruithoff für den Erhalt des Borssumer Freibads eingesetzt. Nun muss er das Bad aus dem städtischen Haushalt finanzieren. Das sei zwar keine leichte, aber eine notwendige Aufgabe: "Natürlich kann man in Zeiten wie diesen darüber diskutieren, ob das eine Ausgabe ist, die man rechtfertigen kann. Ich glaube aber, dass das im Gesamtkonzept gut investiertes Geld ist." Es sei auch wichtig, Sozialstrukturen aufrecht zu erhalten.

Startblöcke im Freibad Finkenwerder © Jacqueline Heemann Foto: Jacqueline Heemann

Wie lässt sich das "Schwimmbad-Sterben" stoppen?

Dass viele Kinder und Jugendliche nicht schwimmen können, liegt auch daran, dass es immer weniger Schwimmbäder gibt. Nun beschäftigt sich die Politik mit diesem Thema.

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Duderstadt hat großzügigen Schwimmbad-Sponsor

In Duderstadt im Südosten Niedersachsens geht es um die Frage: sanieren oder neu bauen? Seit dem vergangenen Mai ist in der Stadt die 45 Jahre alte Schwimmhalle geschlossen. Eine Sanierung würde zwischen sechs und sieben Millionen Euro kosten, ein Neubau wäre kaum teurer.

Die Stadt ist dabei in der komfortablen Situation, dass ein Unternehmen zehn Millionen spenden will, damit man in Duderstadt wieder Schwimmen gehen kann. Ohne diese Hilfe oder ohne öffentliche Fördergelder würden die 20.000 Einwohner auf dem Trockenen sitzen bleiben, ist sich Bürgermeister Thorsten Feike (FDP) sicher - egal ob man das Bad sanieren oder neu bauen wollte: "Man darf ja nicht nur die hohen Investitionskosten sehen, die man stemmen muss, sondern auch die laufenden Kosten. Und wenn man sich das anguckt, dann liegt man noch mal bei 600.000 Euro, mit denen man jährlich den Haushalt belastet." Ohne Hilfe von außen sehe er kaum Möglichkeiten im ländlichen Raum, ein Hallenbad zu sanieren oder neu zu bauen.

Kommunen brauchen Hilfe bei Finanzierung

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In Deutschland gibt es zurzeit insgesamt noch gut 5.000 Hallen- und Freibäder. Tendenz: weiter sinkend.

Besonders die kleineren Städte und Gemeinden kämpfen verzweifelt um den Erhalt ihrer teils schon sehr alten Bäder. Das Geld dafür sei knapp, weil es an anderer Stelle gebraucht werde, erklärt Thorsten Bullerdiek vom Städte- und Gemeindebund in Niedersachsen.

Die Kommunen müssten immer mehr Aufgaben übernehmen - zum Beispiel im sozialen Bereich: "Gerade der Bereich der Kinderbetreuung kostet viel Geld. Das machen wir gerne, aber wir bekommen da oft nicht die Finanzausstattung, die wir eigentlich bräuchten. Und dann kommen die Sachen, die man freiwillig macht, ins Wanken. Da stauen sich dann die Sanierungsbedarfe auf. Dazu gehören auch Schwimmbäder."

Bullerdiek hofft, dass die Debatte über die Schwimmbäder zu einem Investitionsprogramm führen wird, dass den Kommunen hilft, Schwimmbäder, Sportanlagen oder Schulen instand zu setzen.

Noch keine Lösung in Helmstedt

Orten wie Helmstedt würde das helfen. Im vergangenen Frühjahr musste dort die in die Jahre gekommene Schwimmhalle im Ortsteil Büddenstedt schließen. Ortsbürgermeister Dirk Zogbaum (SPD) versuchte daraufhin, das Bad mithilfe eines Fördervereins zu retten, hatte damit aber keinen Erfolg. "Wir hatten es geschafft, ein Konzept aufzustellen, was unserer Meinung nach auch zusammen mit der Stadt tragfähig gewesen wäre. Leider ist es daran gescheitert, dass wir keine Person gefunden haben, die bereit ist, in einem Trägerverein oder einer gemeinnützigen Gesellschaft den Hut aufzusetzen, um dann die Verantwortung für dieses Schwimmbad zu übernehmen."

Zogbaum würde nun am liebsten auf Zeit spielen: Das geschlossene Schwimmbad vorerst nicht abreißen, in der Hoffnung, dass irgendwann das nötige Geld aufgetrieben wird.

Kein Schwimmunterricht an vielen Grundschulen

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Oft müssen Kinder lange warten, bevor sie einen freien Platz im Schwimmkurs bekommen können.

Der Bäderatlas der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen (DGfdB) listet für ganz Deutschland zurzeit 5.273 Hallen- und Freibäder auf - 39 davon werden demnach im Moment umgebaut. In Niedersachsen gibt es 665 Bäder, in Schleswig-Holstein 202, in Mecklenburg-Vorpommern 70 und in Hamburg 42. Alleine in Schleswig-Holstein mussten in den vergangenen Jahren mehr als 20 Bäder schließen. Die Landesregierung in Kiel stellte 2019 etwa dreieinhalb Millionen Euro zur Verfügung, mit denen mehr als 30 kommunale Schwimmbäder gefördert wurden.

Nach Erhebungen aus dem Jahr 2017 können von den Schülerinnen und Schülern, die die Grundschulen verlassen, etwa 60 Prozent nicht sicher schwimmen. An jeder vierten Grundschule im Land wird kein Schwimmunterricht angeboten.

Um dieses Problem zu lösen, fordert die DLRG einen Masterplan - sprich: ein Investitionsprogramm - des Bundes und der Länder für Hallen- und Freibäder. Der Grund: Alleine um alle bestehenden Bäder zukunftsfähig zu machen, kämen auf die Kommunen ansonsten Kosten in Höhe von 4,5 Milliarden Euro zu. Mit der DLRG-Petition beschäftigt sich nun der Sportausschuss des Bundestages.

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Drochtersen bekommt ein neues Hallenbad

In Drochtersen soll ein neues Hallenbad für 9,4 Millionen Euro gebaut werden. Das hat der Gemeinderat beschlossen. Geplant sind ein Schwimmer- und ein Nichtschwimmerbecken. mehr

Zu wenige Bäder: Kinder können nicht mehr schwimmen

Zahlen aus Schleswig-Holstein dienen als mahnendes Beispiel: Die DLRG hat den Bundestag aufgefordert, weitere Schwimmbad-Schließungen zu verhindern. 120.000 Unterschriften untermauern die Forderung. mehr

Link

Der Bäderatlas für Deutschland

Wo gibt es in Deutschland Schwimmbäder? Welche sind geschlossen? Welche werden saniert? Einen Überblick gibt der Bäderatlas der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen e.V.. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 15.01.2020 | 07:20 Uhr