Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin. © picture alliance / dpa Foto: Kay Nietfeld

Streit über Corona-Ursprung: Hamburger Gericht gibt Drosten Recht

Stand: 20.05.2022 20:06 Uhr

Über die Frage nach dem Ursprung des Coronavirus sind zwei Wissenschaftler aneinander geraten. Der Hamburger Physiker Roland Wiesendanger wirft dem Berliner Virologen Christian Drosten Täuschung vor. Das darf Wiesendanger nicht, hat das Landgericht Hamburg entschieden.

Für den Physiker Wiesendanger ist der Ursprung der Pandemie nicht weniger als eine der entscheidendsten Fragen der Menschheit der vergangenen hundert Jahre. Die ganze Welt würde auf diesen Prozess blicken, sagt er. Er glaubt, dass das Coronavirus in einem chinesischen Labor entstanden ist. Diese Theorie hatten 27 Virologen vor zwei Jahren aber als Verschwörungstheorie bezeichnet, darunter der Berliner Virologe Christian Drosten.

Wiesendanger darf Drosten keine Täuschung vorwerfen

Wiesendanger warf Drosten daraufhin eine gezielte Täuschung der Öffentlichkeit vor. Das darf er nun nicht mehr. Der Vorsitzende Richter betont, dass seine Zivilkammer nicht darüber zu entscheiden habe, welche Ursprungsthese richtig sei. Es gehe nur darum, wer was sagen dürfe oder eben nicht. Und dafür, dass Drosten die Öffentlichkeit wider besseren Wissens getäuscht hatte, gebe es keinen Anhaltspunkt.

Die Kammer bestätigt damit eine frühere Eilentscheidung. In anderen Punkten bekam Wiesendanger dort recht. Er durfte Drosten eine Desinformationskampagne und Unwahrheiten vorwerfen.

Ursprung des Corona-Virus bleibt unbeantwortet

Hintergrund des Streits sind Äußerungen Wiesendangers in einem Interview des Magazins "Cicero", das am 2. Februar dieses Jahres unter der Überschrift: "Stammt das Coronavirus aus dem Labor? - 'Herr Drosten hat Politik und Medien in die Irre geführt'" erschienen war. Wiesendanger warf darin dem Direktor des Instituts für Virologie an der Charité vor, die Gesellschaft über den Ursprung der Corona-Pandemie gezielt zu täuschen.

Auch anderen internationalen Virologinnen und Virologen, die von einem Ursprung des Virus aus dem Tierreich ausgehen, warf er bewusste Irreführung und Vertuschung vor. Dabei bezog er sich vor allem auf einen offenen Brief, den 27 Virologinnen und Virologen am 19. Februar 2020 in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht hatten. Darin wiesen sie die Behauptung, das Virus habe keinen natürlichen Ursprung, als Verschwörungstheorie zurück.

Widerspruch gegen einstweilige Verfügung

Nach Erscheinen des "Cicero"-Interviews hatte Drosten Wiesendanger abgemahnt und am 14. März dieses Jahres eine einstweilige Verfügung beim Landgericht Hamburg erwirkt, wie ein Sprecher des Gerichts sagte. So dürfe der Nanowissenschaftler etwa die Behauptung, dass Drosten die Öffentlichkeit gezielt getäuscht habe, nicht wiederholen. Wiesendanger hat gegen die Verfügung Widerspruch eingelegt.

Wiesendanger geht von Corona-Ursprung in Labor aus

Nach seiner Überzeugung sprechen viele Indizien dafür, dass Sars-CoV-2 durch einen Laborunfall am virologischen Institut in der chinesischen Stadt Wuhan entstanden ist. Deshalb wurde die Auseinandersetzung der beiden Wissenschaftler am Freitag vor Gericht ausgetragen.

Charité: Vielzahl unzutreffender Tatsachenbehauptungen

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin. © picture alliance / dpa Foto: Kay Nietfeld
Der Virologe Drosten hatte eine einstweilige Verfügung gegen Wiesendanger erwirkt.

Eine Sprecherin der Berliner Charité hatte Anfang März mitgeteilt: "Das von 'Cicero' veröffentlichte Interview mit Herrn Wiesendanger enthält eine Vielzahl von unzutreffenden Tatsachenbehauptungen, durch die die Persönlichkeitsrechte von Professor Drosten verletzt werden." Das Magazin und der Wissenschaftler seien daher "insbesondere aufgefordert worden, falsche Behauptungen zu unterlassen, dass Professor Drosten die Öffentlichkeit über den Ursprung des Virus getäuscht und sich an angeblichen Vertuschungsaktionen beteiligt habe".

Nach Erscheinen des Interviews hatte Drosten seinen Kontrahenten auf Twitter als "Extremcharakter" bezeichnet. Das Interview ist derzeit online nicht abrufbar. Das Magazin hat stattdessen eine Erklärung veröffentlicht, wonach man die einzelnen Punkte derzeit juristisch prüfe und die inhaltlichen Ergebnisse der Auseinandersetzung zwischen Drosten und Wiesendanger abwarte.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.05.2022 | 19:30 Uhr

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