Stand: 08.10.2019 10:45 Uhr

Nur wenige Kinder profitieren von Teilhabepaket

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Für viele Eltern sind die Anträge auf Teilhabe zu kompliziert. (Symbolbild)

Die meisten Kinder und Jugendlichen aus Hartz-IV-Familien profitieren offenbar nicht vom Bildungs- und Teilhabepaket. Laut einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hat nur jeder siebte Heranwachsende bundesweit Geld aus dem Angebot bewilligt bekommen. Umgekehrt bedeutet das: 85 Prozent bekommen keine staatlichen Zuschüsse für Freizeit- und Bildungsaktivitäten. Dabei geht es zum Beispiel um Geld für Sportvereine, Mittagessen oder Klassenfahrten.

Schleswig-Holstein liegt vorne

Die Studie zeigt auch, dass es große regionale Unterschiede gibt: In Schleswig-Holstein profitieren die meisten Kinder und Jugendlichen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket - mit 46,6 Prozent deutlicher Spitzenreiter bundesweit. Dort böten die Behörden die zusätzlichen Leistungen gezielter an, meint Michael Saitner, Geschäftsführender Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Schleswig-Holstein. Mecklenburg-Vorpommern folgt mit 28,4 Prozent auf Rang zwei. Niedersachsen liegt im Mittelfeld (11,7 Prozent). Am seltensten profitieren Kinder und Jugendliche im Saarland. Für Hamburg liegen laut der Untersuchung keine validen Daten vor.

Große Unterschiede zwischen den Kreisen

Gleichzeitig zeigen sich große Unterschiede in den Landkreisen der Bundesländer. So liegt der Landkreis Rostock mit 13,5 Prozent (Stand Juli 2018) weit hinter Nordwestmecklenburg (62,8 Prozent). Im niedersächsischen Lüneburg erhalten nur 2,9 Prozent der berechtigten Kinder Mittel, in Verden mit 94,1 Prozent fast alle. Ähnlich hoch ist die Quote im schleswig-holsteinischen Nordfriesland (94,8 Prozent). Im hohen Norden liegt der Kreis Schleswig-Flensburg mit 9,1 Prozent am niedrigsten.

Komplizierte Verfahren und fehlende Angebote

Aus Sicht des Wohlfahrtsverbandes ist vor allem die Art des Antragsverfahrens entscheidend dafür, wie viele Kinder etwa von dem Geld haben. "In vielen Kommunen mit hohen Quoten haben die Behörden sehr unbürokratische Verfahren gewählt. Dort gibt es beispielsweise eine Karte, die alle Berechtigten bekommen", sagt Pressesprecherin Gwendolyn Stilling NDR.de. Landkreise mit geringen Quoten hingegen würden Anträge kompliziert gestalten: für jedes Angebot und jedes Geschwisterkind müssten neue Papiere ausgefüllt werden.

Was ist die Teilhabequote?

Die Teilhabequote gibt an, wie viele der Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 15 Jahren in Hartz-IV-Haushalten von dem Teilhabepaket theoretisch profitieren. Hierbei geht es allerdings nur um bewilligte Anträge für Zuschüsse zu Schulmaterial, Ausflüge und Mittagessen. Bewilligte Leistungsansprüche lassen jedoch keine Aussage darüber zu, in welchem Umfang die bewilligten Ansprüche tatsächlich in Anspruch genommen wurden.

Auch intensive Information sowie individuelle Unterstützung und Zusammenarbeit mit Vereinen helfen laut Studie, mehr Heranwachsende zu erreichen. "Eine These, die wir nicht flächendeckend überprüfen konnten, ist, dass es an einigen Orten auch wenig attraktiv ist, das Geld zu nutzen, da passende günstige Angebote fehlen", sagt Stilling.

Forderung: Pauschale direkt auszahlen

Der Paritätische erkennt an, dass das sogenannte Starke-Familien-Gesetz Leistungen erhöht und das Verfahren vereinfacht hat. "Inwieweit diese zu einer Verbesserung der tatsächlichen Bildungs- und Teilhabechancen beitragen werden, bleibt indes abzuwarten", schreiben die Autoren der Studie. Der Verband fordert die Abschaffung des Bildungs- und Teilhabepakets und stattdessen eine pauschale Auszahlung von 15 Euro pro Monat und Kind.

Michael Saitner, Geschäftsführender Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Schleswig-Holstein, bezeichnet das Bildungs- und Teilhabepaket als Stückwerk. "Es ist überholt. Wir brauchen einen echten größeren Wurf für eine unbürokratische und effiziente Kindergrundsicherung, die wirklich bei den Bedarfen und Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen ankommt."

Der Paritätische Wohlfahrtsverband

Der Paritätische Wohlfahrtsverband ist ein gemeinnütziger Dachverband von mehr als 10.000 eigenständigen Organisationen, Einrichtungen und Gruppierungen, die soziale Arbeit leisten. Wie bundesweit auch, engagieren sich zahlreiche Mitgliedsorganisationen in Norddeutschland in der Beratung in rechtlichen und sozialen Fragen, informieren und unterstützen in behördlichen Angelegenheiten, vermitteln Rechtshilfen, machen spezielle Angebote etwa für Mädchen und Frauen oder bieten Sprachkurse an. In allen norddeutschen Ländern sind Landesverbände aktiv.

Nur sehr geringe Steigerung zum Vorjahr

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat für die Studie Daten der Bundesagentur für Arbeit von August 2017 bis Juli 2018 ausgewertet. Bereits im Vorjahr hatte der Verband die gleiche Untersuchung veröffentlicht. Im Vergleich dazu haben Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern ihre Quote sehr leicht erhöht. Schleswig-Holstein konnte den Anteil der Jugendlichen, die vom Teilhabepaket profitieren, um drei Prozent steigern - so stark wie kein anderes Bundesland.

Bildungs- und Teilhabepaket soll arme Kinder fördern

Die Teilhabeleistungen waren vor acht Jahren eingeführt worden, um Kindern aus benachteiligten Familien einen besseren Zugang zum sozialen und kulturellen Leben zu ermöglichen. Dabei handelt es sich vorwiegend um Zuschüsse für Sportvereine, Musikschulen, Mittagessen, Schulmaterial oder Klassenfahrten und Ausflüge. Der Betrag wurde vor kurzem von 10 auf 15 Euro im Monat angehoben.

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