Stand: 02.08.2019 16:31 Uhr

Die Möwe ist der neue Wolf

Küstenorte wie Wismar und Warnemünde verbieten das Füttern von Möwen, weil die Tiere immer aggressiver werden. Die Tiere wurden - wie die Wölfe - zu lange romantisch verklärt, meint Verena Gonsch in ihrer Glosse und bittet auf ein Wort.

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Möwen sind nicht niedlich! Ein Missverständnis, wie bei den Wölfen, meint Verena Gonsch in ihrer Glosse.

Wer einmal diese bösartigen, fetten Viecher mit ihren stechenden Augen gesehen hat, wie sie in den Fußgängerzonen der Kurorte auf Kinder mit Fischbrötchen in der Hand lauern und dann wie ein Habicht auf sie herunterstürzen und die kleinen Geschöpfe bei diesem Angriff auch noch verletzen, der weiß: Möwen sind die neuen Wölfe. Es wird Zeit: Wir müssen unser Bild von ihnen schleunigst revidieren. Wir haben sie lange verniedlicht, sie als getöpferte Version in Nippes-Läden bewundert und ihnen sogar in Büchern wie "Die Möwe Jonathan" ein verklärendes Denkmal gesetzt. Die Möwen standen damals in den 70er-Jahren für den Aufbruch in die Freiheit. Jonathan wollte leben, um zu fliegen. Fast ein Synonym für eine ganze Generation im Aufbruch.

Sie sind uns näher als uns lieb ist

Aber das ist lange her. Fridays for Future haben eher den Eisbären im Sinn, der ist auch ein Raubtier, aber steht kurz vor dem Aussterben. Das kann man von den Möwen wahrlich nicht sagen. Sie sind Allesfresser und haben sich schnell an das Leben in Touristenorten gewöhnt. Für den Kampf gegen den Klimawandel lassen sie sich deshalb auch nicht vereinnahmen. Nein, diese Tiere haben sich den Menschen mehr angenähert als uns lieb ist.

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Ungefragt mischen sie sich in alles ein

Auch vom Charakter her: Fast scheint es, als würden sie mit ihren aggressiven, lauten Schreien in die aufgeregte, überreizte Stimmung in unserer Gesellschaft einstimmen. Laut sind sie, dominant, ungefragt mischen sie sich in alles ein. Auch nachts hat man vor ihnen keine Ruhe. Niedlich sind sie nicht, waren sie eigentlich noch nie. Damit teilen die Möwen auch hier das Schicksal der Wölfe. Auch sie haben wir in den letzten Jahrzehnten ordentlich verklärt. Geschützt wurden sie, extra Rettungswagen für sie angeschafft, damit sie auch ärztlich gut versorgt werden können, Tiere durften sie reißen. Aber jetzt, wo sie wie die Möwen im Begriff stehen, auch den Menschen zu nah zu kommen, ändert sich auch gegenüber ihnen die Stimmung. Jetzt erinnern wir uns an Märchen wie "Rotkäppchen und der Wolf". Da war ganz klar: Der Wolf ist der Böse.

Ächtung ja - aber bitte sozialverträglich

Eine gewisse Ironie liegt allerdings in der Geschichte, dass nun ausgerechnet die ostdeutschen Küstenorte Bußgelder verhängen gegen Menschen, die die Möwen füttern. Und zwar nicht zu knapp: Von 5.000  Euro ist die Rede. Hatte nicht erst Anfang der Woche Sachsens Ministerpräsident gesagt, die Politik sollte die Leute nicht mit immer mehr Kosten erschrecken? Das mache ihnen Angst? Eine Lösung muss her: Vielleicht kann man ja den Bußgeldkatalog um ein kleines Wörtchen ergänzen, um die aufgebrachten Seelen zu befrieden: sozialverträglich. Dann steht der Ächtung der Möwen in diesem Sommer nichts mehr im Wege.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 02.08.2019 | 17:25 Uhr

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