Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance

Ausblick auf das Jahr 2022 aus muslimischer Sicht

Stand: 05.01.2022 16:00 Uhr

In ihrem Gastkommentar schaut die Publizistin Canan Topçu aus muslimischer Perspektive auf das vergangene Jahr und wagt einen Ausblick auf mögliche Debatten, die den öffentlichen Diskurs in den kommenden Monaten prägen könnten.

Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance
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von Canan Topçu

Was war gut? Was hätte besser laufen können? Der Jahreswechsel bietet auch mir einen Anlass zum Bilanzieren - persönlich und im Bezug auf Politisches. Zu Letzterem ist mir vor allem die hitzige Debatte um den Muezzin-Ruf in Erinnerung geblieben. Den hatte im Herbst der gut gemeinte, aber nicht gut durchdachte und daher überflüssige Vorstoß der Kölner Oberbürgermeisterin nach sich gezogen.

Auch Druck und Überforderung an vielen Schulen

Derzeit beschäftigt mich die "Bestandsaufnahme konfrontativer Religionsbekundungen in Neukölln". Dabei handelt es sich um eine qualitative Befragung von Lehrkräften an zehn Schulen des Berliner Bezirks. Die Ergebnisse lauten kurz zusammengefasst so: Schüler aus muslimisch geprägten Familien werden von anderen muslimischen Schülern unter Druck gesetzt, sich an islamische Gebote und Verbote zu halten. Eltern wollen nicht, dass ihre Töchter am Sportunterricht teilnehmen; muslimische Schüler und Schülerinnen verlangen einen Gebetsraum. Die Ergebnisse dieser Erhebung enthalten im Grunde nicht wirklich Neues, über Vorkommnisse dieser Art an Schulen in der Republik sickern immer wieder mal Berichte in die Medien durch.

Über die Erhebung des Vereins DeVi (Demokratie und Vielfalt) habe ich in den letzten Tagen des Jahres in mehreren Medien Kommentare gelesen und dabei festgestellt, dass die Ergebnisse sehr unterschiedlich bewertet werden - und zwar je nach politischer Einstellung und Parteizugehörigkeit als besorgniserregend oder als muslimfeindlich.

Diese Probleme müssen thematisiert werden

Aus Gesprächen mit Lehrkräften und Akteuren aus Ministerien weiß ich auch jenseits von Medienberichten von den Konflikten an Schulen. Lehrkräfte fühlen sich oftmals überfordert und alleingelassen mit den Problemen - trotzdem wollen sie aber nicht, dass diese an die Öffentlichkeit gelangen, um den Hass auf Muslime nicht zu befeuern.

Was ist das größere Problem? Die religiös motivierten beziehungsweise begründeten Konfrontationen an Schulen oder diese nicht als Problem zu thematisieren, um die negative Einstellung gegen Muslime nicht zu bestärken?

Es geht darum, Konflikte zu klären, ohne zu polarisieren. Wie aber wollen wir Probleme lösen, wenn wir sie, so klein sie auch sein mögen, nicht ernst nehmen und sie aus politischen oder ideologischen Gründen als muslimfeindlich oder gar als antimuslimischen Rassismus labeln?

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Gefühlte Wahrheiten gelten immer mehr als Argumente

Im vergangenen Jahr haben die Pandemie und Identitätspolitik die öffentlichen Debatten bestimmt; ich habe die Sorge, dass es in diesem Jahr nicht anders sein wird. Weil Gefühle und gefühlte Wahrheiten mehr und mehr als Argumente gelten und empirische Forschung vernachlässigt und bestehende Befunde ignoriert werden. So verhält es sich nicht nur im Bezug auf Corona, sondern auch bei Problemen kulturellen, religiösen und ethnischen Ursprungs. Wer diese erforscht und unerwünschte Ergebnisse zu Tage fördert, wird als Populist diskreditiert - wie beispielsweise der Sozialwissenschaftler Ruud Koopmans, der am Wissenschaftszentrum Berlin die Abteilung Migration, Integration, Transnationalisierung leitet. Koopmans forscht insbesondere zum radikalen Islam. Ich teile seine Kritik, dass vor allem Forschung gefördert wird, die politisch gewünscht ist.

Wer Probleme benennt, die es in der multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft zweifelsohne gibt, macht sich keine Freunde. Und wer Probleme anspricht, deren Ursachen in der extremistischen Islamauslegung verortbar sind, wird schnell als Hetzer oder Rassist disqualifiziert. Ein Dilemma, das sich nicht ohne Weiteres auflösen lässt, wenn selbst Muslime in diesem Land, die sich von den Extremisten distanzieren, als Islamhasser abgekanzelt werden.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Kultur | Freitagsforum | 07.01.2022 | 15:20 Uhr

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