Stand: 27.08.2019 00:01 Uhr

Chor-Porträt: "Choreos" aus Osnabrück

von Kathrin Matern

"Choreos" sind ein Projekt, das sich nicht ganz klar einordnen lässt: Chor oder Tanz? Es ist eine Verbindung von beidem. Die Ensemble-Mitglieder kommen aus Deutschland, Serbien, Ungarn, Italien, Irland und weiteren Ländern, sind ausgebildete Sänger oder lassen sich gerade dazu ausbilden und stehen zusammen auf dem Tanzboden. Kathrin Matern hat das Ensemble "Choreos" im Probenraum der Tanzkompanie in Neustrelitz an der Mecklenburgischen Seenplatte getroffen.

Neun Frauen und sieben Männer aus neun verschiedenen Ländern der Erde, alle barfuß und in Leggins und T-Shirt, lehnen aneinander oder liegen auf dem Tanzboden und singen. Ganz sachte erheben sich die Frauen, als ob sie erwachten. Dabei singen sie weiter.

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Das Ensemble "Choreos" probt im Saal der Deutschen Tanzkompanie Neustrelitz für ihre Produktion "The TYGER".

"Das ist das Besondere, dass wir wirklich klassische Chormusik, nicht Pop, nicht Jazz, sondern eben klassische zeitgenössische Chormusik aufführen und das in Verbindung mit choreografierter Bewegung", beschreibt Stephan Lutermann die Symbiose aus Gesang und Tanz.


Ein Ensemble für Gesang und Tanz

Drei Jahre lang hat der Kirchenmusiker von einem solchen Ensemble geträumt: Das nicht wöchentlich oder monatlich probt, sondern zwei oder drei Wochen lang eine Produktion einstudiert - und zwar Gesang und Tanz. Das Ensemble "Choreos" gibt es nun seit 2017. In Osnabrück ist ihr Zuhause, in Neustrelitz proben sie eine ganze Woche lang "The TYGER". Wer mitmachen will, muss nicht einfach nur gern singen:

DER CHOR-ATLAS-STECKBRIEF

CHOREOS

Eine Symbiose von klassischer Chormusik und szenischer Darstellung war die Vision, aus der das Ensemble entstand. 2017 wurde die Produktion "The TYGER" präsentiert. mehr

"Das sollte man unbedingt, weil wir die klangliche Qualität hochhalten wollen", sagt Lutermann. "Aber man muss vor allem die Lust und die Bereitschaft haben, als Darsteller auf der Bühne zu stehen. Und das natürlich in den verschiedensten Bewegungen. Tanz ist vielleicht schon zu viel gesagt, weil es kein Ballett oder Modern Dance oder so choreografierte Sachen sind, sondern es sind Bewegungen, wo die Gruppe sich als Ganzes bewegt, natürlich auch individuell. Es muss vor allem die Bereitschaft da sein, sich zu bewegen und sich als ganzheitliches Individuum auf der Bühne zu zeigen."

Auf dem Tanzboden steht auch die 21-jährige Martha-Luise Urbanek. Sie ist die einzige Neustrelitzerin im Ensemble, studiert Gesang an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock und ist erst seit kurzem dabei:

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Die Verbindung von klassischem Chorgesang und choreografierter Bewegung stellt höchste Ansprüche an die Darsteller*innen.

"Ich singe ja nun länger als ich tanze und klar, das sind wahnsinnig schwere Stücke. Ich dachte am Anfang: Wie soll ich mich dazu noch bewegen? Aber es verbindet sich mit der Zeit. Am Anfang ist die Kombination schwer, aber sie wird dann irgendwann leichter und dann geht es auch nicht mehr ohne. Ich finde das wahnsinnig gut, weil es genau das ist, worauf es im Theater ankommt. Und gerade bei solchen Chorgesängen kennt man das noch nicht. Ich finde, das ist total möglich und es ist auch wahnsinnig inspirierend."

"The TYGER" stellt die menschliche Zerrissenheit dar

"The TYGER", das auf Texten des britischen Dichters William Blake beruht, hat keine fortlaufende Handlung. Es erzählt anhand des Dualismus zwischen Tiger und Lamm davon, wie Gott so verschiedene Wesen schaffen kann: Böse und gefährlich das eine, unschuldig und zart das andere. Der Choreograf und Tänzer Lars Scheibner, der in Neustrelitz künstlerischer Leiter der Tanzkompanie ist, korrigiert die Figuren und Szenen, während die "Choreos"-Mitglieder sich langsam bewegen:

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Der künstlerische Leiter der Tanzkompanie Neustrelitz, Lars Scheibner, arbeitet mit den Ensemble-Mitgliedern an den Bewegungsabläufen.

"Der Mensch hat ja auch diese zwei Gesichter: Er kann so unglaublich zart, schöpferisch und zärtlich sein, aber auch so unglaublich brutal, grausam und rücksichtslos. Das Stück ist eine Meditation über den Menschen: Eine Sehnsucht nach einer Ganzheitlichkeit, um die Zerrissenheit aufzuheben und sie zu umarmen und den Menschen als Ganzes zu sehen."

Anderthalb Jahre Vorbereitung stecken in dieser Produktion. Finanziell getragen wird sie von der Felicitas und Werner Egerland-Stiftung, um junge Talente zu fördern. Was es mit dem Namen "Choreos" auf sich hat, erklärt der musikalische Leiter Stephan Lutermann: "Man hört schon das Wort Choreografie daran, aber viel wichtiger - und das ist eben der Bezug zur Antike - ist das Wort Chorus. Chorus war in der griechischen Antike der Tanzplatz, wo ritualisierte Tänze und Gesänge aufgeführt wurden. Und in der Antike war es immer so, dass Musik, Poesie und Tanz eine Einheit bildeten."

Intensive Probenarbeit für ein anspruchsvolles Programm

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Wenige Tage vor der Aufführung ist die Stimmung im Ensemble "positiv angespannt".

Nur noch wenige Tage bleiben bis zur Aufführung in Neustrelitz. Die Stimmung, heißt es im Ensemble, sei positiv angespannt. Tag und Nacht verbringen die jungen Leute zusammen: Proben, Essen, Proben, Schlafen. Um ein Ganzes zu werden, sagt Choreograf Lars Scheibner:

"The TYGER"-Aufführungen 2019

  • 29. August 2019, 20 Uhr: Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz
  • 30. August 2019, 20 Uhr: Ballhaus Osnabrück
  • 31. August 2019, 11 Uhr: Ballhaus Osnabrück
  • 13. September 2019, 22 Uhr: Christuskirche Hannover, Konzert im Rahmen der chor.com 2019
  • 14. September 2019, 11 Uhr Workshop zu "The TYGER" im Rahmen der chor.com 2019

"Das musikalische Programm, das wir für 'The TYGER' zusammengestellt haben, ist sehr anspruchsvoll. Ein Chor, der das gut singen kann, ist schon ein sehr guter Chor. Und jetzt haben wir dieses Programm auswendig lernen lassen und dazu kommt noch die Bewegung. Es gibt Szenen, wo die Sänger den Dirigenten nicht sehen. Aber sie müssen synchron sein und sich spüren - mit einem Atem agieren, so dass sie immer wissen, wo sie in der Musik sind. Das muss so verinnerlicht sein, als würden die Sänger in dem Moment die Musik selbst kreieren. Und das ist fast die höchste Stufe des Darstellens auf der Bühne."

Tanz und Gesang, die beiden wichtigsten und universellsten Mutter-Sprachen der Menschen, werden bei "Choreos" in kongenialer Weise zusammengeführt. Oder, wie Choreograf Scheibner sagt: "Es ist unglaublich zu sehen, wie der Tanz den Gesang verstärkt und der Gesang den Tanz noch klarer leuchten lässt."

Die Mitglieder des Ensembles "Choreos" proben im Saal der Deutschen Tanzkompanie Neustrelitz für ihre Produktion "The TYGER". © NDR Foto: Kathrin Matern

Chor-Porträt: "Choreos" aus Osnabrück

NDR Kultur - Klassisch unterwegs -

"Choreos" bringen eine einzigartige Verbindung von klassischem Chorgesang und choreografierter Bewegung auf die Bühne. Kathrin Matern hat das Ensemble in Neustrelitz getroffen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 27.08.2019 | 16:20 Uhr

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