Stand: 22.09.2019 07:30 Uhr

Blog: So lief das Reeperbahn Festival 2019

von Matthes Köppinghoff

Es hätte so schön sein können, doch vier Stunden Schlaf mussten reichen: Um 4 Uhr morgens hatte ich den Laptop zugeklappt, war ins Bett gekrabbelt - das wiederum ist den Bauarbeitern vor meiner Haustür um 8 Uhr herzlich egal. Herumwälzen, umziehen in ein anderes Zimmer, meditieren, ein Hörbuch hören; an Einschlafen ist trotzdem nicht mehr zu denken. Irgendwann gebe ich auf, mache mich fertig, bewundere das neue Loch in meiner Straße, fahre zum Kiez und esse zum Frühstück eine Bratwurst. Auch das ist St. Pauli und das Reeperbahn Festival.

Ganz schönes Gedränge auf dem Spielbudenplatz

Als ich meinen ersten Kontrollrundgang über den Spielbudenplatz mache, bewaffnet mit einem dringend notwendigen Kaffee, fällt mir auf: Es ist ganz schön voll geworden. Schon am Mittwoch war das Festival gut besucht, an diesem Donnerstag wirkt das Gedränge aber noch größer im Vergleich zu den Vorjahren. Am N-JOY Reeperbus bei Foreign Diplomats (großartig übrigens, die Songs "Charger" und "Tender Night" sind Hymnen) stehen nachmittags schon viele Leute. Auch bei den Koreanern von Say Sue Me (bis dahin meine Entdeckung des Tages: verträumter Indie-Rock zum Dahinschmelzen) ist die Spielbude gerappelt voll. Kurz schaue ich bei dem Panel "Rap Ist Kampfsport" vorbei, Falk Schacht und Niko Hüls betreiben hier ganz großen Nerdtalk - ist aber wirklich interessant, unterhaltsam und dabei nicht überheblich.

"Hier spielt gleich jemand für lau"

Meinen Tipp Say Yes Dog sehe ich schon nachmittags auf der Viva Con Agua Hangout Bühne. Das ist soweit auch okay und gut, vielleicht noch etwas verschlafen; die Band aus Berlin und Luxemburg sollte ich mir lieber noch mal in einem Club ansehen, um mir ein dezidiertes Urteil bilden zu können.

Während am ersten Tag auf dem Festival noch die Szene-Insider die Oberhand hatten, kommt heute immer mehr Laufpublikum vorbei. So schnappe ich Sätze wie "Ach, schau mal, hier spielt gleich jemand für lau" auf, aber auch von Eingeweihten "Boah, geil, die habe ich schon mal in Berlin gesehen, echt gut". Währenddessen ist ein paar Meter dahinter die Schlange zu Ray's Reeperbahn Revue gefühlt auch länger als sonst. Wer weiß, vielleicht wird auch in diesem Jahr beim Reeperbahn Festival ein neuer Zuschauerrekord angestrebt ...

5k HD aus Wien machen Lust auf mehr

Eine kurze Verschnaufpause gibt's bei der NDR Blue Backstage, wo ich mir die Londonerin und One-Woman-Show Georgia anschaue. Ist schon beeindruckend, wie sie auf diversen Becken und Pads trommelt und singt.

Schnell ziehe ich weiter, weil ich 5k HD aus Wien im Indra ansehen will: Zwar wirkt die Band anfangs etwas schwerfällig und sperrig, doch nach und nach öffnet sich der Sound und die Songs den Zuschauern: Irgendwo zwischen Nu Jazz und Trip-Hop wie Portishead macht das schon Lust auf mehr. Doch ich habe eine gewisse Vorahnung und ziehe in den Kaiserkeller, also praktischerweise ein paar Hausnummern weiter auf der Großen Freiheit.

Mein Tageshighlight: Sparkling

Bild vergrößern
Für Matthes Köppinghoff war das Sparkling-Konzert im Kaiserkeller ein echtes Erlebnis!

Mal angenommen, man fragt ein Dutzend Leute, was sie sich so bei einem Reeperbahn Festival anschauen - am Ende hat man sehr wahrscheinlich den Eindruck, sie hätten zwölf verschiedene Festivals besucht. Das reichhaltige Angebot, die verschiedenen Möglichkeiten; eine klare Antwort, die Universalwahrheit, welche Band oder welche Künstlerin/welcher Künstler wirklich das absolute Highlight ist, die gibt es nicht. Für mich sind es an diesem Abend Sparkling aus Köln: Ihr Indie-Elektro-Rock-Pop klingt frisch; gesungen wird mal auf Deutsch, mal auf Englisch, manchmal beides im selben Song. "Die tollste britische Kölner Band", habe ich irgendwo mal aufgeschnappt - und das passt auch. Ich für meinen Teil küre Sparkling im Kaiserkeller feierlich zu meinem Tageshighlight.

Ein Promo-Gig sorgt für große Aufregung

Das hat aber auch seinen Preis: Rikas aus Stuttgart beim NDR 2 Abend im Docks verpasse ich leider; man sagt mir aber, sie seien sehr gut gewesen. Außerdem bin ich zu spät dran, um bei Überraschungsgast Thees Uhlmann noch eine realistische Chance in der Schlange zu haben. Fazit: Das Konzert des Ex-Tomte-Sängers im Bahnhof St. Pauli findet ebenfalls ohne mich statt, später bekomme ich aber gesagt, dass es auch sehr gut gewesen sein soll. Ein schwacher Trost.

Anschließend bekomme ich den wohl größten Promo-Gig des Festivals mit. Hinter der Imbissbude Lucullus (Ecke Davidstraße/Reeperbahn) hält um kurz nach 23 Uhr ein Laster, es strömen Menschenmassen heran und jubeln: Grund dafür ist Felix Kummer, alias Felix Brummer, alias der Sänger von Kraftklub. Passenderweise bringt er in ein paar Wochen ein Solo-Album raus. Der Laster wird zu Kummers Bühne; als er schließlich aufs Dach klettert und scheinbar anfängt zu singen, hört man allerdings so gut wie nichts. Zwei der vier Fahrspuren der Reeperbahn sind dennoch lahm gelegt; das habe ich ehrlich gesagt bisher nur nach dem Fußball-WM-Sieg 2014 und bei Silvester erlebt. Vermutlich hat Felix neue Songs präsentiert, beweisen kann ich das allerdings nicht, da ich kein Wort verstanden habe.

Mitternachtsshopping an der Feldstraße

Das Gewusel und Gewese nervt mich ohnehin, daher mache ich mich auf den Weg ins Imperial Theater. Hier würde ich gern Celeste anschauen, allerdings ist auch hier Einlassstop. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, ernsthaft genervt sein, zucke jedoch mit den Achseln und latsche zur Feldstraße. Ziel: Das Hauptquartier von Grand Hotel van Cleef. Bei Facebook hatte ich mitbekommen, dass es einen Mitternachtsverkauf des neuen Thees-Uhlmann-Albums "Junkies und Scientologen" geben wird. Als ich vor den Räumlichkeiten des Labels ankomme, ist der Bürgersteig auch proppevoll mit Fans; es laufen Uhlmann-Songs, es gibt Freibier, auf das ich dann aber doch schon etwas geschwächt verzichte. Der Künstler selbst lässt sich zumindest um kurz nach Mitternacht nicht blicken, als ich zwei Platten erstehe (eine für einen Freund, eine für mich). Ich laufe noch mal zurück zur Reeperbahn, da ich aber nichts wirklich Interessantes mehr sehe und auch wirklich platt bin, trete ich endgültig den Rückzug an.

Voller Terminkalender auch am Freitag

Straßenbau gehört nicht unbedingt zu meiner Expertise, dennoch sieht das Loch vor meiner Haustür einigermaßen ausgebessert und verkehrstüchtig aus, als ich wieder daheim bin. Daher baue ich auf einen ruhigen Schlaf - und den brauche ich auch angesichts des Programms am vorletzten Reeperbahn-Festival-Tag: Cari Cari sind wieder da! Letztes Jahr hatte ich die schon angepriesen, daher freue ich mich auf das österreichische Duo im Mojo Club um 20 Uhr. Vielleicht klappt es ja am Freitag auch mit Celeste (Mojo Club, 21.50 Uhr). JNR Williams (Pop/R’n’B/Soul; 22 Uhr, St. Pauli-Kirche) wurde mir zum einen empfohlen, zum anderen ist die Location immer einen Besuch wert. Bei ClickClickDecker (Gruenspan, 23.10 Uhr) und Sam Vance-Law (Knust, 23.15 Uhr) muss ich schauen, ob ich von beiden je die Hälfte sehen kann - eigentlich will ich weder die einen noch den anderen verpassen. Die Kerzen (Terrace Hill, 23.50 Uhr) werde ich vermutlich nicht schaffen. Wie die junge Band aus Ludwigslust live ist, weiß ich zwar nicht, ihr Debütalbum "True Love" ist aber zumindest großartig und eine meiner Platten 2019. Wenn ich dann noch nicht auseinander gefallen bin, schaue ich mir noch BILK (Molotow, 00.10 Uhr) oder Frittenbude (Große Freiheit 36, 00.20 Uhr) an.

Und schon feiert der Reeperbahn Festival Blog 2019 Bergfest - als Belohnung gönne ich mir jetzt eine Mütze voll Schlaf. Bis Morgen!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 19.09.2018 | 00:05 Uhr

Alle Infos zum Reeperbahn Festival 2019

Hamburg ist an vier Tagen wieder Treffpunkt der internationalen Musikszene gewesen. Beim Reeperbahn Festival waren auch in diesem Jahr wieder Hunderte internationale Bands und Künstler dabei. mehr

On-The-Go aus Russland: Festival als Neustart

Beim Reeperbahn Festival treten Bands aus aller Welt auf. NDR.de hat mit der russischen Band On-The-Go gesprochen, die das Hamburger Clubfestival als Sprungbrett nutzen möchte. mehr

Der NDR beim Reeperbahn Festival

Beim Reeperbahn Festival in Hamburg gibt es vier Tage Musik. Der NDR ist als Medienpartner des Clubfestivals auch im 14. Jahr wieder dabei und präsentiert zahlreiche Konzerte. mehr

N-JOY

"Keychange": Mehr Frauen auf die Festival-Bühne!

N-JOY

Weniger Auftritte, weniger Jobs, weniger Geld: Frauen haben es im Musikbusiness noch immer schwer. Das Hamburger Reeperbahn Festival und die Initiative Keychange wollen das ändern. mehr

34 Bilder

Die ungewöhnlichsten, schönsten und kultigsten Bühnen

Kirche, Theater, Museum, Barkasse oder Bunker: Die Konzerte des Reeperbahn Festivals finden teilweise an ungewöhnlichen Locations statt. Die wohl schönsten Bühnen: Michel und Elbphilharmonie. Bildergalerie

Mehr Kultur

34:51
NDR 90,3
88:09
Tatort
04:04
Hallo Niedersachsen