Stand: 22.09.2019 07:30 Uhr

Blog: So lief das Reeperbahn Festival 2019

von Matthes Köppinghoff

Zu Beginn ein kurzer Gedanke zur "Fridays For Future"-Bewegung: Wie steht es eigentlich um Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein in der Musik-Industrie? Mal angenommen, man möchte zum Beispiel eine Band wie Radiohead auf Welttournee schicken. Was kommen da durchschnittlich für Emissionen zusammen? Etwa 20 Trucks für die Bühnenshow, diverse Nightliner für die Crew, Flugzeuge und Shuttle-Services für die Band, zuzüglich Anreise des Publikums? Nichts gegen Radiohead - aber auch die Unterhaltungsbranche muss sich diese Fragen stellen. Hier die Überleitung: Als ich mit Schlafdefizit und latent schmerzenden Füßen an der Haltstelle St. Pauli aussteige, sehe ich einen Wagen weiter Thees Uhlmann stehen. Immerhin, am Vortag habe ich ihn verpasst, nun fährt er mit der U3 zu einer Autogrammstunde in die Innenstadt. Wenn der Rock’n’Roll die Öffis benutzt, dann bin ich glücklich. 

Schlafdefizit und schmerzende Füße

Am dritten und vorletzten Tag bin ich jedenfalls eins mit dem Reeperbahn Festival 2019 geworden. In Ruhe ausschlafen, das ist gefühlt eine Ewigkeit her, vielmehr prüfe ich alle zehn Minuten in der Festival-App, ob es sich nicht doch lohnt, eine weitere Band anzuschauen. Auch wenn ich mir für jeden Tag zumindest einen groben Plan mache - manchmal muss man diesen über den Haufen werfen. Sei es, wenn man mit einer Gruppe unterwegs ist oder neue Acts im Programm auftauchen. Wie zum Beispiel heute Deichkind: Die kündigen einen Guerilla-Auftritt im Millerntor-Stadion an. Dafür müsste ich aber die von mir sehr geschätzten Cari Cari ausfallen lassen. Darüber mache ich mir Gedanken, während ich bei NDR Blue Backstage an meinem Kaffee hänge und mir Taxi Kebab und Alyona Alyona ansehe.

Das Bild zeigt einen Künstler bei seinem Auftritt am Reeperbus © NDR / N-JOY Foto: NDR / N-JOY

Malik Harris - Welcome To The Rumble

Es reichen zwei Takte und die Stimme, der Soul, die Musik des Newcomers aus Oberbayern schlagen einen in ihren Bann. Malik Harris ist ein absolutes Ausnahmetalent. Anhören!

Von Kegelclubs und Junggesellenabschieden

Heute ist in Hamburg nicht nur "Fridays for Future", sondern auch Hauptanreisetag für Touristen aus aller Welt, die nicht unbedingt für das Reeperbahn Festival hier sind. Kegelclubs und Junggesellenabschiede mit zweifelhaften Kostümen verschmelzen mit dem Musikpublikum; beide Gruppen haben ihren jeweiligen Spaß, bleiben ab und an kichernd vor Sexshops stehen. Ein einzigartiges Bild, über das ich mich jedes Jahr aufs Neue freue. Doch zurück zum Programm: Auf Deichkind verzichte ich; mit meiner gefühlt zentnerschweren Kameratasche hätte man mich vermutlich am Einlass ohnehin erst ausgelacht und anschließend weit weggeschickt.

Ein Soundtrack zu einem Film (den es noch nicht gibt)

Lieber gehe ich zu Cari Cari in den Mojo Club. Letztes Jahr hatte ich diese Band mit circa 19 anderen Menschen beim Sziget Festival gesehen, ein paar Monate später dann bei der letzten Ausgabe des Reeperbahn Festivals. Dort hatte ich schon allen von dem Duo vorgeschwärmt, und in diesem Jahr mache ich weiter: Cari Cari klingen, als hätte eine The Black Keys- oder The White Stripes-Platte mit einem Tarantino-Soundtrack ein hinreißendes Kind gezeugt. Das Mojo ist auch gut gefüllt, alle freuen sich über die Show, während ich mit meinem Notizbuch und einem Kreativbier am Tresen sitze: Wie erwartet machen Cari Cari wieder viel Spaß, umso schöner, dass sie so langsam einem größeren Publikum bekannt werden.

Die nächste Weltkarriere?

Später pendele ich zwischen den Clubs hin und her und schaue mir unter anderem die ersten Minuten von Alli Neumann an. Sie ist eine der wichtigsten Namen der Stunde in der deutschen Musikszene; leider kann ich nur anderthalb Songs bleiben, weil ich unbedingt Celeste sehen möchte. Ich lasse zwei Freunde als Spitzel im Gruenspan, die mir später berichten sollen (Fazit: Die muss man sich merken), während ich wieder zurück in den Mojo Club hetze.

Der Fußmarsch lohnt sich, den begeisterten Zuschauern vom Donnerstag kann ich mich nur anschließen: Die Sängerin aus Brighton hat das Zeug zum nächsten Weltstar und verbreitet eine gewisse Aura. Wie sie da in ihrem Glitzer-Jumpsuit singt, das Mojo sich zu eigen macht, das Publikum begeistert; da wünscht man sich, dass dieser Künstlerin eine große Karriere bevorsteht. Ihre Songs, irgendwo zwischen R’n’B, Pop und Soul, sind schlichtweg zeitlos schön.

Die schönsten Bilder vom Reeperbahn Festival 2019

Mein bisheriges Festival-Highlight

Wenig später geht es für mich ins Knust: Kurz vor dem nächsten Konzert freue ich mich über die weltbeste Bratwurst, die es ohne Zweifel nur im Knust gibt. (Sollte es irgendwo auf diesem Planeten doch eine noch bessere Bratwurst in Verbindung mit Live-Musik geben, ich hätte gern die Adresse). Beseelt von meinem Heißhunger-Snack und dem Celeste-Konzert freue ich mich auf den in Berlin lebenden Kanadier Sam Vance-Law. Sein Album "Homotopia" war 2018 eine meiner Lieblingsplatten, heute bin ich gespannt, wie der Künstler das live rüberbringen wird. Die Sexualität von Künstler*innen interessiert mich normalerweise gar nicht, in Sam Vance-Laws Musik ist seine Homosexualität aber ein zentrales Thema: Bei Songs aus dezidiert schwuler Perspektive wie "Gayby" oder "Prettyboy" gibt’s sowohl etliche Schmunzelmomente als auch Gesellschaftskritik. Noch dazu ist seine Musik sehr fein instrumentiert und obendrauf eingängig, Kammer-Queer-Indie-Pop könnte man es nennen.

Umso mehr freut es mich, dass sein hervorragendes Debütalbum auch auf der Bühne funktioniert, sogar noch besser rüberkommt und die Leute berührt. Wie er spitzbübisch lächelt, sympathisch mit dem Publikum agiert und sogar auch noch "Eisbär" von Grauzone covert; das ist ganz großes Entertainment und das für mich bisher beste Konzert des Festivals. Danach gehen alle mit einem Lächeln nach draußen - oder noch kurz zum Künstler, der mit den Gästen quatscht und ein paar Platten verkauft. Die habe ich ja schon zu Hause im Regal stehen; berauscht und zufrieden mache ich mich auf den Weg nach Hause.

Weitere Informationen

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Darauf freue ich mich am Sonnabend:

Der letzte Tag steht schon an - und tatsächlich: Es hat sich für mich noch eine Karte für Efterklang gefunden! Das sollte dann der krönende Abschluss des Reeperbahn Festivals 2019 in der Elbphilharmonie (22.30 Uhr) werden, falls ich danach nicht doch noch spontan einen Energieschub bekomme und etwas anderes sehen möchte. Hier meine weiteren Empfehlungen: Seed To Tree sind sowohl auf der Spielbude als auch beim N-JOY Reeperbus zu sehen. Machiavelli, der großartigen Podcast über Rap und Politik, kann live im Imperial Theater (18 Uhr) bestaunt werden. Auf Mia Morgan bin ich auch neugierig (Spielbude, 19.20 Uhr), überschneidet sich allerdings mit Low Island (Uebel & Gefährlich, 19.15 Uhr). The Screenshots (Terrace Hill, 20.10) werde ich verpassen, weil ich unbedingt The Japanese House (Spielbude, 20.40 Uhr) sehen möchte. Vermutlich passt es dann auch nicht mit Botschaft (Hanseplatte, 21.15 Uhr), weil ich dann vermutlich in der U3 in Richtung Elphi sitze. The Subways in der Großen Freiheit 36, 23.20 Uhr; ist eher unwahrscheinlich, das ich es rechtzeitig aus der Elphi bis dahin schaffe, aber mal schauen.

So dann: Noch einmal schlafen, und dann ist das Reeperbahn Festival 2019 auch schon wieder fast vorbei. Ich kratze die letzten Kraftreserven zusammen, und dann geht’s wieder durch die Clubs. Bis morgen!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 19.09.2018 | 00:05 Uhr

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