Stand: 10.08.2018 07:59 Uhr

Zu Besuch bei Simon Rattle in London

von Elisabeth Richter

Seit September 2017 ist Simon Rattle Chefdirigent des London Symphony Orchestra, zeitgleich leitete er noch die Berliner Philharmoniker in seiner letzten Saison als Chefdirigent. Jetzt hat er in Berlin seinen Abschied genommen und widmet sich ganz seinem neuen Orchester. Eines seiner ersten Projekte ist die CD-Veröffentlichung von Bernsteins Musical"Wonderful Town" anlässlich des 100. Geburtstages des legendären Dirigenten und Komponisten. Aber es gibt noch viele weitere Pläne. NDR Kultur hat Simon Rattle in London getroffen.

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Simon Rattle dirigiert am 1. Juli 2018 das London Symphony Orchestra am Trafalgar Square.

Wenn Simon Rattle über Leonard Bernstein spricht, gerät er ins Schwärmen: "Er konnte in so vielen verschiedenen Musikstilen komponieren. Südamerikanische Musik: Ja! Neueste Jazzmusik: Klar doch! Eine einfache kleine Melodie? Kein Problem! Und immer klingt seine Musik frisch und munter."

Wonderful Town

Das ein wenig durch die legendäre "West Side Story" vergessene Musical "Wonderful Town" hat es Simon Rattle angetan. Immer wieder hat er sich mit dem Stück beschäftigt, es stand an Schaltstellen seiner Karriere. Es war eines der ersten Projekte, als er 2002 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker wurde. Jetzt ist es die erste CD, die Rattle mit seinem neuen Ensemble, dem London Symphony Orchestra, veröffentlicht.

Bernstein im Spaziergang

Rattle erinnert sich, dass es ziemlich schwierig war, Bernsteins Stil den Berliner Philharmonikern näherzubringen: "Sie spielten das wahnsinnig gern, aber es fiel ihnen nicht leicht. In London dagegen war es ein Spaziergang. Sie haben sowieso eine Menge Jazz- und Filmmusik im Repertoire, und ein paar Musiker spielen aktiv Jazz, also mit Bernsteins Stil hatten wir überhaupt kein Problem."

Wunderbar tiefer Klang

Da könnten sicher manche deutsche Orchester von den Briten etwas lernen. Umgekehrt wird Simon Rattle aber nicht müde zu betonen, dass er dem London Symphony Orchestra den wunderbar tiefen, dunklen Klang der Berliner Philharmoniker näher bringen möchte.

Wenn er die Londoner und die Berliner vergleicht, wird Simon Rattle gern zum Gourmet. Das London Symphony wäre der exquisiteste Weißwein, den man sich vorstellen könnte. Die Berliner Philharmoniker dagegen ein großer, schwerer Rotwein. "Und übrigens ist es viel schwerer, etwas mehr Tiefe und Gewicht in einen Orchesterklang zu bringen, als ihn leichter zu machen", erzählt der Dirigent.

Die Zukunft der Musik

Vier Monate pro Saison ist Simon Rattle in London bei seinem Orchester. Er will die Musiker herausfordern, mit zeitgenössischer und alter Musik, britischen Komponisten und den in den letzten Jahren vernachlässigten Klassikern. Eines der größten Projekte wird aber ein langersehnter neuer Konzertsaal für London sein, ein kulturelles Zentrum mit Bildungsprojekten soll es werden. Von der Brexit-absorbierten Regierung kommt da nicht viel Unterstützung. Rattle und sein London Symphony Orchestra setzen hier auf die Stadt und Sponsoren. Für Rattle geht es um die Zukunft der Musik: "Wenn wir nicht auf diese Kunstform aufpassen, wird sie verschwinden. Wir brauchen diese neuen Begegnungszentren als Leitstern, damit wir mit der Musik Menschen zusammen bringen können. So müssen Konzertsäle der Zukunft sein. Um das zu ermöglichen, muss man alles Menschenmögliche tun."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.08.2018 | 06:40 Uhr

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