Stand: 07.03.2019 14:29 Uhr

Serebrennikovs "Nabucco": Die Hinterzimmer der Macht

Das kommt nicht allzu oft vor, dass alle Aufführungen einer Neuproduktion an der Staatsoper Hamburg schon vor der Premiere ausverkauft sind. Jetzt aber werden vorzeitig sogar schon Karten für den Herbst verkauft. Giuseppe Verdis "Nabucco" feiert am Sonntag in Hamburg Premiere - der eigentliche Star des Abends darf nicht dabei sein. Es ist der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, der nach wie vor in Moskau unter Hausarrest steht. NDR Kultur Opernredakteurin Sabine Lange hat sich die Proben zu Nabucco angeschaut.

Nabucco - Impressionen von der Probe

Frau Lange, Sie bereiten ja gerade die Live-Übertragung der "Nabucco"-Premiere für NDR Kultur vor und waren auch in einigen Proben, gestern auch in der Generalprobe. Wie geht das: Ein Regisseur sitzt 2.000 km entfernt vom Geschehen, darf kein Internet benutzen, inszeniert aber in Hamburg?

Sabine Lange: Das ist natürlich für alle Beteiligten nicht leicht. Da müssen viele Umwege gegangen werden. Videomaterial hier aufgenommen, wurde per USB-Stick über Serebrennikows Anwalt an ihn weitergeleitet. Serebrennikow hat dann auf demselben Weg zurück wieder darauf geantwortet. Ich finde das ein sehr starkes Zeichen von allen, die an dieser Produktion beteiligt sind, dass sie auf diese Weise Serebrennikow ermöglichen, trotz seiner bedrängten Situation weiter zu arbeiten. Intendant Georges Delnon hat Serebrennikow schon vor Jahren engagiert, als er noch frei war. Aber er bekennt sich jetzt auch dazu, dass die Oper in Deutschland als öffentliche Kulturinstitution die Aufgabe, die Pflicht habe, durch Theaterarbeit, durch solche Produktionen, für Werte, auf denen unsere Gesellschaft fußt, deutlich einzustehen. Dann hat hier vor Ort Serebrennikows Co-Regisseur Evgeny Kulagin die Proben geleitet. Und der ehemalige Chefdramaturg der Staatsoper Stuttgart, Sergio Morabito, der ist auch hier, als unterstützender Dramaturg, er arbeitet ja auch schon seit Jahren mit Serebrennikow zusammen, und er schätzt ihn als einen der wichtigsten Regisseure unserer Zeit, der viel zu sagen hat.

Der Regisseur

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Dass die Aufführungen schon ausverkauft sind, hat sicher mit der großen Neugier auf Serebrennikows Sicht auf "Nabucco" zu tun. Es geht in der Oper ja um einen größenwahnsinnigen Herrscher, Nebukadnezar, und um ein gefangenes Volk, die Hebräer. Nun darf man zwar nach altem Brauch vor der Premiere nicht die Inszenierung verraten, aber ein paar Stichpunkte können Sie uns ja vielleicht schon einmal geben?

Lange: Über das Setting hat das Regieteam selber schon öffentlich gesprochen: Die Inszenierung ist im 21. Jahrhundert, also heute, angesiedelt, bei den Vereinten Nationen in New York. Es geht Serebrennikow nicht mehr um den historisch-biblischen Konflikt zwischen der babylonischen Götterwelt und der jüdischen Religion, sondern es geht ihm um die real in unserer heutigen Welt existierenden großen Konflikte - um die Frage, um die ja wieder viel gerungen wird, wie viel Nationalstaatsdenken die Welt verträgt. Die Figur des babylonischen Machthabers Nabucco, der sich in der Verdi-Oper selbst zum Gott erklärt und daraufhin dem Wahnsinn verfällt, drängt Assoziationen u.a. an einen amerikanischen Präsidenten auf, dem von Beobachtern gern eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung attestiert wird.

Da gibt es ja noch mehr umstrittene Machthaber in unserer Welt, über die viel diskutiert wird...

Lange: Das ist die eine Seite, die Serebrennikow zeigt, er öffnet den Blick in die Hinterzimmer der Macht, hier der Vereinten Nationen. Und ganz zentral bringt er dann die andere Seite auf die Bühne: die Flüchtlingsthematik. Real sind derzeit so viele Menschen auf der Flucht wie seit sehr langer Zeit nicht. Da zeigt er eindrucksvolle Bilder, die unter die Haut gehen, wie ich finde. Er kontrastiert auch Verdis Musik mit nahöstlicher Musik. Da verzahnt sich sehr viel auf eine eindringliche Weise. Davon kann man kaum unberührt bleiben. Das ist keine platte Aktualisierung, sondern diese Inszenierung trifft unser Lebensgefühl, unseren Lebensnerv.

NDR Kultur überträgt die Premiere live, am 10. März ab 17.45 Uhr.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Opernkonzert | 10.03.2019 | 17:45 Uhr

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