Stand: 14.10.2019 10:44 Uhr  - NDR 90,3

Lübeck: Kolumbus zwischen Himmel und Hölle

von Daniel Kaiser

Das Theater Lübeck hat sich an die äußert selten gespielte Oper "Christophe Colomb" von Darius Milhaud (1892-1974) gewagt. Regisseur Milo Pablo Momm hat aus der Abrechnung mit Kolumbus und den Folgen der Entdeckung Amerikas ein bildgewaltiges, manchmal aber etwas überfrachtetes Stück Musiktheater gemacht. Das Publikum spendete kräftigen Applaus. Eine Premierenkritik.

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Johan Hyunbong Choi stellt den Seefahrer "Christophe Colomb" beeindruckend dar.

Das muss man erstmal sacken lassen. Nach fast zweieinhalb Stunden schwirren einem Heiligenbilder, dramatische Töne und Revolutionsvideos im Kopf herum. Alles dreht sich um die Frage: Wer war Christoph Kolumbus? Ein Held? Oder ein Täter? Die etwas überdrehte Stimme von Erzähler Merten Schroedter scheppert aus den Theater-Lautsprechern und führt das Publikum wie bei einer Nummern-Revue durch die Geschichte der Entdeckung Amerikas. Dazu erklingt die schillernde, nicht immer einfache, aber manchmal sehr schwungvolle Musik mit der Thermik der 20er-Jahre.

"Christophe Colomb": Held oder Täter?

Die Drehbühne ist mal spanischer Königspalast, mal aztekischer Tempel oder Kolumbus’ Schiff. Der ausgezeichnete Chor darf besonders viele mitreißende Passagen singen. Mal tritt er als gegen Kolumbus meuternde Mannschaft, mal als ihn zur Rede stellende Nachwelt, mal als ihn mit weißen Palmenzweigen bejubelnde Masse auf. Es sind dichte, starke Momente, wenn sich in Jessica Nupens eindringlicher Choreografie der Chor ganz in Schwarz gekleidet, mit Zylindern und Masken wie eine zähe, anonyme, alles verschlingende Masse über die Bühne ergießt.

Lübecker Theater gerät an seine akustischen Grenzen

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Die Inszenierung von "Christoph Colomb" überzeugt mit ihren gewaltigen Bildern, akustisch gab es bei der Premiere jedoch vereinzelte Probleme.

Herausragend singt Daniel Jenz, der als abgewrackter Horror-Clown mit Halbglatze gleich mehrere Rollen verkörpert. Da sitzt jeder gereizte hohe Ton, jedes diabolische Lachen und jede dramatische Geste mit Monsterhänden. Johan Hyungbong Choi als Kolumbus gelingt es dagegen nicht immer, alle Töne und Zwischentöne über den Orchestergraben zu bringen.

Die Philharmoniker unter Andreas Wolf meistern die turbulente Sammlung verschiedenster Musikstile und Genres. Es trillert, rauscht und brodelt. Manchmal müsste Wolf seine Hände noch beschwichtigender in Richtung Orchester bewegen, denn akustisch geriet der Theatersaal bisweilen an seine Grenzen. Dass bei der Meuterei die Übertitelung ausfiel und das Publikum auf die Artikulation der Sängerinnen und Sänger angewiesen war, hatte zur Folge, dass einzig das Wort "Pökelfleisch" als Textfragment herüberwehte.

Video-Spaziergang durch die Lübecker Innenstadt

Bei der Uraufführung 1930 in Berlin waren die Film-Einspielungen auf der Bühne noch revolutionär. Heute gehören Videos in den Besteckkasten jeder Off-Bühne. Milo Pablo Momm nimmt die Tradition mit einem Video-Spaziergang durch die Lübecker Innenstadt auf - vom Theater bis zum Völkerkundemuseum, dessen Exponate zu einem neuen Blick auf die koloniale Vergangenheit anregen wollen. Filmausschnitte von bewaffneten Kämpfen der Zapatisten in Mexiko und immer wieder auch ausgeschnittene Papiergesichter flimmern - wie bei Monty Python - über die Leinwand.

"Christophe Colomb": Ein katholisches Bilderbuch

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Die rätselhaften Anspielungen an Jesus und das Neue Testament sorgen eher für Verwirrung.

Das Libretto des sehr frommen Katholiken Paul Claudel lädt die Geschichte mit viel Heiligen-Kult und katholischer Mystik auf. Regisseur Milo Pablo Momms folgt ihm so gewissenhaft dabei, dass man, um alles zu verstehen, keinen Opernführer konsultieren, sondern ein theologisches Proseminar besuchen müsste. Ständig fliegen Tauben als Anspielung auf den Namen Kolumbus über die Video-Leinwand - auf Italienisch heißt "colomba" Taube. Wie Jesus auf dem Esel reitet Kolumbus auf einem Spielzeugpferd über die Bühne. Die Revue wird zum Mysterienspiel. Am Ende öffnet sich ein lebendiger Altar mit einem von Pfeilen durchbohrten Heiligen Sebastian und einem mit Muscheln dekorierten Sankt Jakob. Blutgetränkte Lilien werden dagegen geschlagen. Schließlich fährt der verarmte Kolumbus, der sich nicht mal eine Übernachtung in einer Herberge leisten kann, als Gekreuzigter in den Bühnenhimmel.

Rätselhafter Satz als Anklage

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"Ma C’ubah than": Der Satz, der so viel wie "Ich verstehe euch nicht" bedeutet, ist Sinnbild für das Verhältnis der Azteken zu den Europäern.

Langweilig ist es keine Sekunde und man verfolgt neugierig die rätselhaften Bilder und Anspielungen. Die Darstellung verstellt allerdings manchmal den scharfen postkolonialen Blick auf die Vergangenheit, der sicherheitshalber buchstäblich ausbuchstabiert wird. "Ma C’ubah than" schreiben die Azteken wie Graffiti an ihre Tempelmauern. Es ist der Satz eines Ureinwohners, den die spanischen Eroberer damals als Ortsnamen verstanden und daraus "Yucatan" gemacht haben. Dabei bedeuten die Worte: "Ich verstehe euch nicht." Dieser Satz wird am Ende auf Pappschildern als Anklage dem Publikum entgegengehalten. Dass dieses eigentümliche Stück Musikgeschichte von Darius Milhaud nun plötzlich ein Dauerbrenner auf deutschen Opernbühnen wird, ist eher unwahrscheinlich. Das Lübecker Theater hat mit diesem ambitionierten, politischen Projekt allerdings wieder einmal gezeigt, dass es bei den großen Bühnen mitspielen will und kann.

Lübeck: Kolumbus zwischen Himmel und Hölle

Das Lübecker Theater hat sich an die selten gespielte Oper "Christophe Colomb" gewagt. Die Premiere am Sonnabend war bild- und stimmgewaltig, aber auch etwas überfrachtet.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Theater Lübeck
Beckergrube 16
23552  Lübeck
Telefon:
(0451) 7 08 80
Preis:
ab 15 bis 52 Euro
Kartenverkauf:
Kartenverkauf unter: www.theaterluebeck.de
Hinweis:
Musikalische Leitung: Andreas Wolf
Inszenierung: Milo Pablo Momm
Wissenschaftliche Beratung: Dr. Dagmar Täube, Dr. Antje-Britt Mählmann, Dr. Lars Frühsorge
Bühne: Erika Hoppe
Kostüme: Sebastian Helminger
Choreographie: Jessica Nupen
Video: Martin Lechner
Licht: Falk Hampel
Chor: Jan-Michael Krüger
Dramaturgie: Carsten Jenß
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 14.10.2019 | 19:00 Uhr

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