Stand: 20.05.2019 11:52 Uhr

Orgelspiele: Start mit Gershwin und Chick Corea

von Karin Erichsen

Ein neues Musikfestival lädt in Mecklenburg-Vorpommern zu Entdeckungsreisen ein. Das Festival Orgelspiele möchte den Klangreichtum der historischen Orgeln in den Dorfkirchen des Landes vorstellen. Wie zeitgenössisch zum Beispiel eine romantische Orgel klingen kann, das haben drei junge Musiker am Wochenende in Lassahn mit Orgel, Schlagzeug und Jazz-Trompete gezeigt. Sie begeisterten nicht nur mit Werken von Bach, sondern auch mit Musik von Gershwin oder Chick Corea.

Noch in der vergangenen Woche fragten sich viele: Braucht Mecklenburg-Vorpommern noch ein Musikfestival? Das klare Fazit nach dem ersten Konzertwochenende der Orgelspiele: unbedingt! Das zeigten die gut gefüllten, liebevoll geschmückten Kirchen, das große Engagement vieler ehrenamtlicher Helfer, die lebendigen Konzerte und das begeisterte Publikum.

Orgelspiele in der Dorfkirche Lassahn

Orgeln müssen regelmäßig gespielt werden

In den vergangenen 30 Jahren seit der Wende sind nicht nur die meisten der rund tausend Kirchen und Kapellen in Mecklenburg-Vorpommern vor dem Verfall gerettet worden. Auch die überwiegende Zahl der wertvollen Orgeln konnte saniert werden - mit staatlichen, kommunalen und kirchlichen Mitteln, aber vor allem auch durch den enormen Einsatz von Bürgerinitiativen und privaten Stiftungen. "Die restaurierten Kirchen können nun wieder hundert Jahre unbeschadet überdauern, aber die Orgeln müssen regelmäßig gespielt werden", sagt der Kirchenmusiker und Orgelsachverständige der Nordkirche, Friedrich Drese. Und hier liegt das Problem. Gerade auf den Dörfern schweigen die Orgeln oft monatelang, weil Kirchenmusiker fehlen. Da kann die feine Mechanik schnell einrosten, das Leder verhärten, können sich sogar Mäuse einnisten.

Lassahn: Drei junge Musiker überraschen mit unerwarteten Klängen

Das Festival Orgelspiele sorgt nicht nur dafür, dass die Instrumente bespielt werden, es begeistert auch für die Vielfalt und den Klangreichtum der Orgeln. Die großartigen Künstler und die ungewöhnlichen Programme leisten dazu einen entscheidenden Beitrag. In der Dorfkirche Lassahn am Schalsee waren am Sonnabend zum Beispiel drei junge Musiker mit einer Performance zu Gast, die man in einer Dorfkirche bei einem Orgelfestival kaum erwartet hätte.

Die Studenten Lars Schwarze (Orgel), Hauke Rüter (Jazz-Trompete) und Ole Rüter (Schlagzeug) kombinierten bekannte Meisterwerke von Johann Sebastian Bach mit eigenen Arrangements über Jazz-Klassiker wie Gershwins "Summertime" oder Chick Coreas "Spain". Auch Corellis "Folia" und Bachs "Air" transformierten sie zu mitreißenden Jazz-Titeln. Der kleine, vollbesetzte Kirchenraum mit seinen Holzemporen unterstützte den Sound und entwickelte Schwingungen, die in keiner Lounge so zu erleben sind. Selbst Pastor Cornelius Wergin, der die Orgel aus Gottesdiensten gut kennt, und die Akustik seiner Kirche ansonsten für eher trocken hält, war überrascht von der Wirkung dieses Trios.

Großer Auftritt für die Orgel als Solistin

Aber die Orgel hatte auch als Solistin ihren großen Auftritt. Beeindruckend virtuos bewies Lars Schwarze, dass es bei Bachs "Fantasie und Fuge in g-Moll" nicht unbedingt auf die Größe des Instrumentes ankommt. Und mit einem Augenzwinkern präsentierten der Lübecker Orgelstudent und die Rüter-Brüder noch ihr Arrangement über beliebte Mailieder, bei dem sie daran erinnerten, dass auch die Drehorgeln auf der Kirmes mit den ehrwürdigen Königinnen der Kirchenmusik verwandt sind.

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Mit ähnlich spannenden Programmen setzen sich die Orgelspiele in zehn Konzerten bis zum 2. Juni fort. Am 24. Mai trifft beispielsweise das junge Klarinettentrio ClariNoir im Borwinheim Neustrelitz auf den Organisten Arvid Gast an der Grüneberg-Orgel. Mit Klassik, Jazz und Klezmer werden auch dort die Genre-Grenzen gesprengt. Und dass die Orgel durchaus auch einen gruseligen Sound erzeugen kann, weswegen sie auch gern in Horrorfilmen eingesetzt wird, das können die Besucher am Himmelfahrtstag (30. Mai) in der Klosterkirche Rühn erleben. Franz Danksagmüller spielt auf der Friese-Orgel und mit Live-Elektronik eine "Symphonie nach Edgar Allan Poe", der Schauspieler Ludwig-Christian Glockzin liest dazu schaurige Geschichten, unter anderem "Die Maske des roten Todes".

Schon die Anfahrt wird zum Ereignis

Wer die Konzerte besuchen will, sollte Zeit für die Anfahrt zu den idyllisch gelegenen Dorfkirchen mitbringen. Dann bereitet es viel Vergnügen auf den schmalen Landstraßen vorbei an blühenden Rapsfeldern oder durch Apfelbaum- und Kastanienalleen zu fahren. Und noch ein Tipp: Decken nicht vergessen! In den unbeheizten Kirchen wird es mitunter recht kühl.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 20.05.2019 | 19:00 Uhr

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