Szene aus Charlotte Sprengers Inszenierung von Wolgang Lotz' "Die Politiker" am Thalia Theater in der Gaußstraße. © Thalia Theater/ Emma Szabó Foto: Emma Szabó

Nach Lockdown: So läuft der Neustart an den Hamburger Bühnen

Stand: 28.05.2021 08:58 Uhr

Hamburgs Bühnen starten wieder nach dem Lockdown. Wie setzt man einen schweren Theatertanker so kurzfristig wieder in Fahrt? Drei Hamburger Theaterleiter erzählen vom mühevollen Wiederanfang ihrer Betriebe.

von Peter Helling

Los geht es am Abend in der Hamburgischen Staatsoper mit Händels "Agrippina". NDR Kultur überträgt die Premiere live. Auch die Plaza der Elbphilharmonie öffnet. Morgen feiert das Ballett "Beethoven-Projekt II" von John Neumeier unter der Leitung von Generalmusikdirektor Kent Nagano Premiere. Ebenfalls am Sonnabend wird der Abend "Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten" von Christoph Marthaler im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses gezeigt, und ab 6. Juni kann man die große Barbara Nüsse als Pippi Langstrumpf auf der Bühne des Thalia Theaters erleben. Der große Konzertsaal der Elbphilharmonie wird ebenso wie die Laeiszhalle am 31. Mai eröffnet. Die anderen Theater in Hamburg werden in den kommenden Tagen ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen.

Staatsoper Hamburg öffnet nach sieben Monaten Zwangspause

"Einerseits verspreche ich mir natürlich sehr viel und denke: Das ist ein sehr kräftiger Auftakt, ein starkes Lebenszeichen, es ist ein großartiger Händel", freut sich Georges Delnon, der Intendant der Hamburgischen Staatsoper. Mit Händels "Agrippina" eröffnet er sein Haus- nach fast sieben Monaten Zwangspause. "Dieser zeitlose Biss, diese Gesellschaft in einer Situation, wo der neue Kaiser sozusagen ausgerufen werden soll! Nicht dass es mit unserer Bundeskanzlerwahl etwas zu tun hätte, aber es ist einfach eine spannende Situation!"

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"Agrippina" wurde 299 Jahre lang nicht am Gänsemarkt aufgeführt

Ganze 299 Jahre nach ihrer letzten Aufführung in der Oper am Gänsemarkt kann man diese Oper jetzt wieder hier erleben. "Das Bühnenbild verwandelt sich fast von selbst", so Delnon. Die Sänger und Sängerinnen dürften praktisch alles machen: "Das hat natürlich damit zu tun, dass die Testung sehr eng getaktet ist, damit man da auch kein Risiko eingeht."

Unter strengen Testauflagen läutet Barry Koskys Inszenierung das Ende der Corona-Saison 20/21 ein, einer Saison, wie es so noch keine gab. Georges Delnon findet es gut, "dass wir doch eine Saison begonnen haben am 5. September letzten Jahres und jetzt die Saison zu Ende bringen. Es gibt doch irgendwie eine Idee einer Struktur."

Deutsches Schauspielhaus mit Inszenierung von Christoph Marthaler

Bendix Dethleffsen, Josefine Israel, Sasha Rau, Lars Rudolph, Samuel Weiss, Martin Zeller im Stück "Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten" © Matthias Horn
Am Schauspielhaus wird Christoph Marthalers Iszenierung von "Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten" aufgeführt.

Dennoch: Der kurzfristige Neustart ist ein großer Kraftakt für alle. Dass auch das Deutsche Schauspielhaus am Wochenende wieder loslegt, mit einer Inszenierung der Theaterlegende Christoph Marthaler, freut den Kaufmännischen Geschäftsführer des Hauses, Peter Raddatz, sehr. Auch wenn er lange Zweifel hatte, den Betrieb für die wenigen Wochen bis zur Sommerpause hochzufahren: "Betriebswirtschaftlich macht das sowieso keinen Sinn. Ich habe durchaus überlegt, ob wir überhaupt diese Spielzeit noch spielen sollen."

Ausschlaggebend war auch das psychologische Moment. Zeigen, dass sie wieder da sind. Und alle aus einer gewissen Corona-Müdigkeit herausreißen. Dafür war einiges nötig. "Wir haben in der Bühnentechnik die ganze Zeit 50 Prozent Kurzarbeit gehabt, die werden sukzessive aufgestockt. Wir hoffen, dass wir zum Sommer hin die Kurzarbeit wieder beenden können", so Raddatz. Das Vorderhaus sei zum Teil bei 100 Prozent Kurzarbeit gewesen. "Die waren jetzt monatelang komplett zuhause und werden jetzt zurückgeholt."

Zugang zum Theater nur mit negativem Corona-Nachweis

Das Personal wurde extra geschult, schließlich muss ab jetzt im Vorderhaus nicht nur das Ticket, sondern auch der negative Corona-Nachweis kontrolliert werden. Da in den letzten Monaten geprobt werden durfte, hat sich ein regelrechter "Stau" mit fertigen Stücken gebildet. Joachim Lux, der Intendant des Thalia Theaters, will deshalb sogar sechs Premieren noch bis zum Sommer zeigen. "Wir haben so viel, was wir zeigen können, wollen, müssen, dürfen. Wenn wir jetzt nicht versuchen, das eine oder andere schon mal einzuspeisen, dann schaffen wir das nicht", so Intendant Lux.

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Nämlich die nächste Saison mit möglichst viel Freiraum zu starten. Deshalb geht es los mit einem Klassiker für alle Generationen: "Wir fangen an mit Pippi Langstrumpf. Spunk für alle. Das ist die Losung!"

Peter Raddatz: "Die Segel sind schon lange gehisst"

Sie wollten der Stadt etwas zurückgegeben, sagt Lux. Die größte Herausforderung der letzten Zeit bestand für den Intendanten darin, die Proben zu koordinieren, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiten und die Teams unter den Corona-Bedingungen klug einzusetzen. "Es ist ein Mount Everest an Aufgaben", seufzt Lux. Dennoch sei die Stimmung im Haus gut: "Man ist einerseits grundmüde, und auf der anderen Seite habe ich den Eindruck, dass man innerbetrieblich enger zusammengerückt ist."

Die Staatsoper macht also den Anfang. Bei aller Mühe, ihre Theatertanker in Bewegung zu setzen, ist Peter Raddatz überzeugt: "Im Großen und Ganzen ist unsere Maschinerie geölt, und die Segel sind schon lange gehisst. Wir warten jetzt nur, dass wir die Anker lichten können, und dann starten wir wieder in See."

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NDR Info | Kultur | 28.05.2021 | 06:55 Uhr

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