Stand: 18.08.2020 18:15 Uhr

Mental Health für Musiker in Corona-Zeiten

von Anina Pommerenke

Während langsam erste Veranstaltungen stattfinden, ist die Corona-Krise für viele Akteurinnen und Akteure aus der Musikbranche noch lange nicht überwunden. Musiker und Produzentinnen stehen vor ganz unterschiedlichen Problemen. Viele haben finanzielle Sorgen, aber auch in sozialer und psychischer Hinsicht ist dies für die Branche keine leichte Zeit. Der noch junge Verband "Mental Health in Music" in Berlin hat sich des Themas angenommen und zeigt Betroffenen Lösungsansätze auf.

Franziska Koletzki-Lauter und Anne Löhr bei einem Workshop im Musikclub Molotow © NDR.de Foto: Anina Pommerenke
Anne Löhr (li.) und Franziska Koletzki-Lauter (re.) geben Einblicke in den Umgang mit Problemen in der Corona-Krise.

Bei einem Workshop im Musikclub Molotow in Hamburg stellen die beiden Psychologinnen Franziska Koletzki-Lauter und Anne Löhr vom MiM-Verband die große Frage "Wie umgehen mit Stressfaktoren und Zukunftsängsten?". Denn die sind in der Szene auch jenseits von Corona allgegenwärtig. "Das Thema Burnout ist in der Musikbranche recht groß," erzählt Anne Löhr. "Für viele ist das Motto: Mein Beruf ist mein Leben."

Die Psychologin und ihre Kollegin Franziska Koletzki-Lauter sind selbst Musikerinnen und gut in der Szene vernetzt. Sie wissen also, worüber sie sprechen und können Erkenntnisse der Psychologie auf Augenhöhe und mit Beispielen aus der Praxis vermitteln: "Man macht unglaublich viel, wenn man jung ist. Zudem hängt viel von Glück und einem Netzwerk ab - man lebt mit einer großen Unsicherheit. Und Unsicherheit sorgt oft dafür, dass man über Grenzen geht, weil man in ängstliche Zustände oder Überarbeitungszustände gerät."

Besonderes Potenzial die Corona-Krise zu meistern

Franziska Koletzki-Lauter und Anne Löhr bei einem Workshop im Musikclub Molotow © NDR.de Foto: Anina Pommerenke
Die Psychologinnen während ihres Workshops im Hamburger Musikclub Molotow.

Ziel der Psychologinnen ist es, direkter Ansprechpartner für Musikschaffende zu werden und auch praktische Tipps aufzuzeigen, wie man aus einer Krise herauskommt. Dafür nutzen sie das Bild eines Tunnels, in das sich die Teilnehmer selbst einzeichnen und so eine andere Perspektive auf sich und ihre Ressourcen bekommen. Schritt für Schritt definieren sie kleine Zwischenziele. Die Idee ist unter anderem, sich mehr auf Dinge zu konzentrieren, die man selbst beeinflussen kann und die einem selbst gut tun.

Aus psychologischer Sicht tragen kreative Menschen eine besondere Eigenschaft in sich, die sie krisenresistenter macht: Offenheit. "Wenn ich kreativ bin und offen, dann kann ich besser als andere Leute mit Dingen umgehen, die neu sind. Weil ich Dinge anders denken kann, anders zusammensetzen kann. Den Leuten aus der Kreativbranche noch mal klar zu machen: Ihr seid besonders betroffen, aber ihr habt auch besonders Potenzial diese Krise zu meistern!"

Aktiv die Krise meistern

Für den Workshop hatten sich rund 30 Teilnehmer angemeldet: Darunter Sängerinnen, Producer und Clubbesitzer der Hamburger Szene. So wie Hauke Horeis, der in der Band Odewill spielt. Er war eigentlich zum Netzwerken zu der Veranstaltung gekommen. Der Musiker hat aus dem lösungsorientierten Ansatz aber auch Anknüpfungspunkte für die eigene Arbeit gefunden: "Schauen, was gerade die nächsten Steps sind, die wir machen können. Jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken und sagen: 'Ohhh, jetzt können wir die nächsten Jahre nicht mehr auf Tour gehen' und auch fragen: Ist eine Musiklandschaft, wie wir sie vorher hatten, überhaupt nachhaltig, so wie das in den letzten Jahren gelaufen ist?" Er hat sich zum Beispiel mit anderen Clubs zusammengeschlossen und einen Podcast zur Lage der Clubbranche ins Leben gerufen. Außerdem legen er und seine Kollegen nun mit den ersten Konzerten im Freien los.

Anne Löhr ist es auch wichtig, dass sich die Akteure der Branche auf solchen Veranstaltungen begegnen - um schambesetzte Hürden zum Thema psychische Erkrankungen abzubauen: "Wir sorgen mit so einem Workshop auch für Aufmerksamkeit. Auch dass Leute da hingehen und merken, ich bin nicht der einzige in dem Bereich, dem es so geht. Man kann sich untereinander austauschen und da gegenseitig Ressourcen nutzen."

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 19.08.2020 | 07:20 Uhr

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