Stand: 18.06.2020 07:56 Uhr  - NDR Kultur

Konfliktlösung mit Aha-Moment

von Miriam Stolzenwald

Eine Mediation ist ein Verfahren, um Konflikte zu lösen. Es geht dabei darum, eine konstruktive Lösung zu finden: Alle Konfliktparteien sind in diesen Prozess eingebunden und dürfen ihre Bedürfnisse und Interessen äußern. Der Mediator bzw. die Mediatorin begleitet den Prozess und versucht mit den zerstrittenen Parteien einen Weg zu finden, der sich am Ende für alle gut anfühlt. Am 18. Juni ist der "Tag der Mediation", an dem NDR Kultur auf die Mediation mit Orchestern blickt.

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Entsteht ein Konflikt im Orchester, beeinflusst das nicht nur einzelne Musikerinnen und Musiker, sondern das ganze System.

Wo Menschen arbeiten, entstehen Konflikte - so auch in Orchestern. Je größer ein Streit, desto mehr beeinflusst er nicht nur die Einzelpersonen, sondern das ganze System, in diesem Fall das Orchester. Angelika Kutz ist Mediatorin und arbeitet mit zerstrittenen Orchestermusikern. Sie weiß, wie sich Konflikte äußern: "Es fängt an mit Verstimmungen, dann fangen sie an zu diskutieren, dann gibt es irgendwann einen Kontaktabbruch und irgendwann auch Taten statt Worte. Das geht dann so weit, dass tatsächlich auch Sachbeschädigungen stattfinden."

"Irgendwann folgen Taten statt Worte."

Auch starke Stresssymptome können sich bei Konflikten bemerkbar machen. Im Orchester treffen Menschen aufeinander, die zu Solisten ausgebildet wurden und auf einmal in einem Team funktionieren müssen. Ralf Pegelhoff ist Klarinettist im Staatsorchester Hannover und ebenfalls Mediator.

Erste Vorproben zu Rigoletto mit der NDR Radiophilharmonie © NDR / Nele Haller Foto: Nele Haller

Mediation in Orchestern

NDR Kultur - Matinee -

Eine Mediation ist ein Verfahren, um Konflikte zu lösen. Alle Konfliktparteien dürfen darin ihre Bedürfnisse und Interessen äußern. Wie kann so etwas in Orchestern aussehen?

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Vor allem häufige Krankmeldungen und Kritikäußerungen führen in Orchestern wiederkehrend zu Konflikten, sagt Pegelhoff und nennt ein Beispiel: "In dem Konflikt war es so, dass sich der Chefdirigent sehr dafür eingesetzt hat, dass der Kollege nach einer längeren Abwesenheit - ungefähr ein Jahr - wieder reintegriert wird, aber die Probleme, die sich instrumental aus der Krankheit ergeben haben, waren nicht weg. Die Kollegen waren eine Zeitlang bereit das mitzutragen," so der Mediator, "aber nach einem halben Jahr hat es da massive Probleme gegeben. Auch Auseinandersetzungen, wo der eine sagt: 'Ja, aber ich arbeite doch dran und ich bin doch wieder auf dem Weg.' Und die anderen sagen: 'Das reicht uns nicht. Jeder Einsatz ist verwackelt, die Intonation stimmt nicht und das schmälert die Leistung des gesamten Satzes.'"

Mediation setzt ein, wenn Konflikte eskalieren

Im Orchester sei das Problem, dass es kein System für Kritik und den Umgang damit gibt, sagt Pegelhoff. Außerdem seien in den Dienstplänen der Orchestermusiker nur Spielzeiten, aber keine Gesprächszeiten für Orchester-Teamsitzungen eingeplant, wo Konflikte besprochen werden.

Wenn Konflikte eskalieren, macht Angelika Kutz mit den betroffenen Musikerinnen und Musikern eine Mediation. Das Wichtigste dabei: Alle nehmen freiwillig teil. Je nachdem, wie viele daran beteiligt sind, arbeitet Angelika Kutz mal mit zwei, mal mit mehr als zehn Personen gleichzeitig. In bestimmten Fällen darf sogar das ganze Orchester zuhören.

"Da geht's in die sogenannte Beziehungsebene."

Im ersten Schritt dürfen die Beteiligten in der Mediation von ihrer Situation im Konflikt erzählen. Wichtig sei dabei, sagt Kutz, dass alle einzeln gehört werden. Und schließlich geht es um die Interessen der Konfliktparteien: "Das ist das Herzstück einer Mediation. Sie gucken dort wirklich hinein: Was ist dem Einzelnen wichtig an diesem Thema, was braucht die Person? Da geht’s praktisch in die sogenannte Beziehungsebene."

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Durch Mediation können Musikerinnen und Musiker eines Orchesters wieder zusammenfinden.

Kutz' Aufgabe als Mediatorin ist dabei, allen eine Plattform zu bieten und zu vermitteln. Aber auch, die Konfliktpartner in die Selbstverantwortung zu führen: "Das handeln die Beteiligten schon im ersten Schritt aus: 'Wer fängt denn an?' Das ist schließlich die Vorbereitung für die Verhandlung am Ende. Dann machen die Beteiligten die Lernerfahrung: 'Aha, ich habe die Selbstverantwortung hier etwas zu verhandeln. Das macht gar kein Dritter für mich.'"

Endlich wieder miteinander gelacht

Eine Mediation kann das Klima im Orchester verändern, sagt auch Ralf Pegelhoff: "Ich habe tatsächlich - auch von Chefdirigentinnen und -dirigenten, die davon wussten, dass eine Mediation stattfindet - nach Mediationen den Hinweis bekommen: Die lachen ja wieder miteinander, die reden ja wieder miteinander, das ist ja ganz toll!"

Auch wenn nicht jede Mediation erfolgreich ist, so ist das Ergebnis bei gelungenen Mediationen deutlich spürbar: "Ich habe einfach die Erfahrung gemacht, dass Musik ganz anders klingt, wenn es zwischenmenschlich harmoniert," sagt Angelika Kutz. "Ich habe tatsächlich zwei Aufnahmen vor einer Mediation und eine hinter der Mediation gehabt und die Musik ist dann einfach ganz anders ausdrucksstark. Sie ist kraftvoll und homogen. Das Orchester hört plötzlich, dass es wirklich zusammen spielt - und rennt auf ein gemeinsames Ziel zu."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 18.06.2020 | 11:20 Uhr

03:20
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Mediation in Orchestern

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Eine Mediation ist ein Verfahren, um Konflikte zu lösen. Alle Konfliktparteien dürfen darin ihre Bedürfnisse und Interessen äußern. Wie kann so etwas in Orchestern aussehen? Audio (03:20 min)