Stand: 18.06.2020 17:45 Uhr  - NDR Kultur

Wie geht es den kleineren Klassik-Festivals?

von Anina Pommerenke

Sie sind Perlen der norddeutschen Kulturlandschaft und haben viele treue Fans: die etwas kleineren Klassik-Festivals. Teilweise von Ehrenamtlichen engagiert, stechen sie durch ganz außergewöhnliche Angebote hervor. Wie so oft in diesem Kulturjahr, mussten die meisten Konzerte abgesagt werden. Wie geht es den kleineren Klassik-Festivals im Norden? Und wie geht es mit ihnen weiter?

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Das Chopin-Festival Hamburg wird aufs nächste Jahr verschoben.

Rolf Nerlich von der Chopin-Gesellschaft Hamburg-Sachsenwald sitzt auf seiner Terrasse mit Blick ins Grüne. Vor ihm auf dem Holztisch liegen Zettel mit dem neuen, alternativen Jahres-Programm. Eigentlich hätte jetzt im Juni zum dritten Mal das Chopin-Festival in Hamburg stattfinden sollen: Ende März haben die Vorstandsmitglieder entschieden, das Festival auf nächstes Jahr zu verschieben. Alle Künstlerinnen und Künstler werden zu den gleichen Konditionen auftreten. "Das war ein Zeitpunkt, wo wir zwar schon viel investiert hatten", berichtet Rolf Nerlich. "Man denkt nur an Programmhefte, Werbung, Anzeigen und diese Dinge - da geht schon viel Geld weg. Wir hatten aber noch keine Karten verkauft und darüber waren wir auch ganz froh."

Das Besondere an dem Festival: Werke von Chopin und seinen Zeitgenossen werden zunächst auf historischen und dann auf modernen Instrumenten gespielt, zum Beispiel in der Sammlung für alte Instrumente des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Bei fünf Konzerten können bis zu 120 Zuhörerinnen und Zuhörer kommen. In diesem Jahr hätte zum ersten Mal auch ein Konzert im kleinen Saal der Elbphilharmonie stattfinden sollen. Die Arbeit für die Chopin-Gesellschaft ist für Rolf Nerlich und fünf andere Vorstandsmitglieder ein Ehrenamt. "Wir wären im Grunde pleite, wenn der Hauptsponsor nicht gesagt hätte, wir machen das zusammen, auf jeden Fall im nächsten Jahr. Und wenn wir nicht aktuell eine kleine Unterstützung über diese Corona-Hilfe bekommen hätten", resümiert er.

Corona-Hilfen stehen zum Teil noch aus

Hierbei hat der Verein vom Standort Schleswig-Holstein profitiert. Utz Köster von denInternationalen Fredener Musiktagen in Niedersachsen hatte zum Zeitpunkt des Interviews noch keine Corona-Hilfe auf dem Konto. Ausgerechnet die 30. Jubiläums-Ausgabe musste nun ins nächste Jahr verschoben werden. Das Festival profitiert in der Krise davon, dass durch das viele ehrenamtliche Engagement kaum Fixkosten anfallen: "Die Förderer lassen uns nicht hängen", sagt Köster. "Ich habe schon die Zusage von einigen, dass wir dann am Ende des Jahres mal gucken, wie es aussieht und ob wir das dann auf viele Schultern verteilen - dann geht es um 500 bis 1000 Euro pro Förderer, also ich denke, dass wir da schon so über die Runden kommen."

Besorgt ist der hauptberufliche Musiker vor allem um die Menschen, die am Festival mit "dranhängen". Er bemüht sich deshalb um faire Lösungen wie Ausfall- oder Organisationshonorare, damit es nächstes Jahr weiter gehen kann: "Wir haben einen Klavierbauer, der uns seit über 20 Jahren die Flügel leiht - ich habe ihm geschrieben, dass wir eben dieses Jahr vielleicht schon einen kleinen Teil der Miete, von der er eigentlich wirklich lebt, zahlen könnten."

Festivals sind verschoben - das Risiko bleibt

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Der Kirchenmusiker Christoph Minke organisiert das Festival Raritäten der Klaviermusik in Husum.

Auch das Festival Raritäten der Klaviermusik in Husum hat es ähnlich gelöst und schon die Hälfte der Honorare ausgezahlt. Das Festival ist komplett auf das nächste Jahr verschoben. Das gleiche gilt für den Schönberger Musiksommer. Laut Christoph Minke, Kirchenmusikdirektor und Organisator des Festivals, die einzig praktikable Lösung: "Was nutzt es, wenn wir heute ein Ausfallhonorar zahlen, wenn dann nächstes Jahr keine Engagements mehr kommen, weil keiner mehr kann. Das Verschieben ist wahrscheinlich für alle Beteiligten die beste Variante, auch wenn wir dann noch ein Restrisiko haben."

Ohne Rettungsschirm und Unterstützung durch öffentliche Geldgeber wie den Landkreis und das Land Mecklenburg-Vorpommern hätte das Festival es nicht geschafft, die Krise zu bewältigen. Nun bietet Minke sogar ein kleines Alternativprogramm an: Immer dienstags wird es ab Ende Juni im Rahmen der Möglichkeiten kleine Konzerte geben. Auch das Martha Argerich Festival will mit einigen Livestreams der argentinischen Pianistin ein wenig Festival-Stimmung ist Netz bringen.

Online-Streams können die Konzerte nicht ersetzen

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Der Intendant der Hamburger Symphoniker Daniel Kühnel ist besorgt.

Doch für Daniel Kühnel, den Intendanten der Symphoniker Hamburg, ist diese Notlösung alles andere als erfreulich: "Wir sind dafür da, uns besondere Programme auszudenken und auf diese besondere Art und Weise mit der Musik mit der Welt zu kommunzieren. Wenn wir das seit so vielen Monaten nicht tun können, nicht tun dürfen, dann ist jedes Wort, was wir dafür verwenden können, eigentlich zu klein. Aber wir werden uns davon natürlich nicht entmutigen lassen und machen weiter."

Das gilt auch für das Martha Argerich Festival: Trotz schmerzhafter Absagen in diesem Jahr - wie etwa der ersten Begegnung von Anne Sophie Mutter und Argerich, ein mit Spannung erwartetes und komplett ausverkauftes Konzert -, soll das Festival im nächsten Jahr weitergeführt und sogar noch größer werden. Ein kleines Trostpflaster für Festival-Fans gibt es: So erscheinen der Krise zum Trotz die Festivals-CDs vom letzten Jahr, z.B. vom Chopin-Festival und den Raritäten der Klaviermusik. Und bei allem Bedauern: Immerhin sieht es im Moment so aus, als ob der Norden im nächsten Jahr nicht auf eines der Klassik-Festivals verzichten müsste.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 20.06.2020 | 16:20 Uhr

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