Stand: 01.10.2019 17:36 Uhr

"Jessye Normans Wärme traf einen direkt ins Herz"

Mit ihrer schillernden Sopranstimme verzückte Jessye Norman über Jahrzehnte Opernfreunde in aller Welt. Ihre Karriere startete die auch als Jazzsängerin erfolgreiche Musikerin in Deutschland. Nun ist sie mit 74 Jahren in New York gestorben. Friederike Westerhaus hat sie vor einigen Jahren getroffen.

NDR Kultur: Wie war das, dieser großen Künstlerin zu begegnen?

Friederike Westerhaus: Ich hab damals Jessye Norman in einem noblen Hotel in Leipzig getroffen, sie war 64 Jahre. Und ich weiß noch, wie sie in die Lobby kam und mit ihrer Präsenz alles in den Schatten stellte. Ich fand das extrem beeindruckend, was für eine Aura sie hatte, das war so stark, als wenn sie eine Bühne betreten würde - ob das nun bewusst oder unbewusst war -  aber das war ihre Welt, die Bühne. Und diese Präsenz blieb auch im Gespräch, aber dazu kam eine Warmherzigkeit und eine Zugewandheit. Es war nicht so als würde sie da irgendwas abspulen, sondern sie hat sich richtig eingelassen auf das Gespräch. Wir haben gelacht. Wir waren aber auch sehr ernsthaft. Sie wirkte ganz authentisch in diesem Spektrum der Emotionen. Ihr haftete ja der Ruf einer Diva an, ich hab sie da er eher als Grande Dame erlebt.

Was war damals der Anlass für dieses Gespräch?

Westerhaus: Das Gespräch, das war vor zehn Jahren. Sie trat damals am 10. Dezember 2009 in der Hamburger Laeiszhalle auf und brachte auch grad ein neues Album "Roots - My Life, My Song" heraus. Das war für sie ein ganz persönliches Album. Das hat sie nämlich an ihre musikalischen Anfänge zurückgeführt: die Gospels, die Spirituals. Die hat sie schon zu Hause ganz früh gesungen. Das war die Musik ihrer Kindheit. Mit der sie ihre eigene Stimme entdeckt hat. Und sie hat mit einem leuchten in den Augen darüber erzählt. Wie sehr sie diese Musik liebt.

Was hat Jessye Normen zu so einer großen Künstlerin gemacht, was hat sie ausgezeichnet?

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Friederike Westerhaus hat Jessye Norman 2009 in Leipzig getroffen.

Westerhaus: Da kommt vieles zusammen. Das eine war ihre unglaublich große Ausdruckspalette und Tiefe. Man hatte das Gefühl, es kommt aus ihrem Innersten wenn sie sang. Jedes Wort hatte da Bedeutung. Vielleicht mag das mit ihrer Herkunft zu tun haben: die Spirituals – da geht es um Leid, da geht es um Existenzielles. Und für Sie war es ganz natürlich, diese tiefen Gefühle auch durch die Musik auszufüllen. Ihre Stimme hatte diese unglaubliche Strahlkraft und gleichzeitig eine Wärme, das traf einen direkt in Herz, ob sie ein Lied sang oder Oper. Unvergessen bleibt auch ihre Mahler-Interpretation. Und ich finde es auch enorm beeindruckend, wie diese Frau in ihrer Zeit ihren Weg an die Weltspitze gegangen ist, als Schwarze, als Frau – da war sie eine echte Vorreiterin.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 01.10.2019 | 07:40 Uhr

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