Stand: 04.11.2019 15:32 Uhr  - NDR 90,3

"IchundIch": "Unspielbares" Theaterstück als Oper

von Peter Helling

Die Dichterin Else Lasker-Schüler gilt als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie hat aber auch drei Theaterstücke geschrieben. Das letzte heißt "IchundIch". Es galt lange als unspielbar und uninszenierbar. Geschrieben hat sie es etwa drei Jahre vor ihrem Tod 1945. Komponist Johannes Harneit hat das Stück nun als Oper vertont. "IchundIch" wurde am Sonntag in der Opera Stabile der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt. Ein Bericht.

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Regisseur Chrsitian von Treskow inszeniert die Oper mit Maskentheater und einer Spur Jahrmarkt und 20er-Jahre Stummfilmästhetik.

"Gott ist da" - sagt die Dichterin Else Lasker-Schüler in ihrem Stück zum Schluss. Ein starkes Bekenntnis, der Hölle zum Trotz. Bei aller Schwere des Themas war sie beinahe leicht, transparent. Das liegt an der Musik Johannes Harneits und an der Regie Christian von Treskows. Eine Spur Jahrmarkt und Maskentheater, ein bisschen 20er-Jahre Stummfilm: Faust trifft mal wieder auf Mephisto, während die echte, menschliche Hölle des Nationalsozialismus losbricht.

Das Publikum sitzt quasi in einem Rundum-Kino

Seiten eines Kalenders © Fotolia_80740401_Igor Negovelov

Porträt der Lyrikerin Elske Lasker-Schüler

Am 11. Februar 1869 wird die Dichterin Else Lasker-Schüler geboren. Ihre expressionistische Lyrik war ihre Parallelwelt und für viele Gutbürgerliche ein Aufreger.

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Regisseur von Treskow versetzt sein Publikum in ein Rundum-Kino. Man sitzt im Kreis, blickt auf eine zentrale Spielfläche, sitzt hautnah an den Sängern, hört jede Note, jede Nuance. Auf der riesigen Leinwand ringsum sind zu sehen: Videos mit verwaschenen Bildern aus Konzentrationslagern, fast zu deutlich zu sehen. Else Lasker-Schüler hat diese Hölle aus der Ferne, im damaligen Palästina, mitverfolgt. Fast prophetisch hat sie das industrielle Morden an den Juden vorausgesehen. Ihr Stück "IchundIch" ist ein Stück im Stück: Sie, die Dichterin, lädt das Publikum in eine Generalprobe ein. Bei ihr sind Faust und Mephisto Zitate aus der Mottenkiste. Das ist beabsichtigt, in dieser Welt sind die Klassiker längst tot. Eine neue, beängstigende Welt beginnt.

"Ichundich" ist hochpolitisch

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Der Clou des Stückes: Satan verbündet sich mit Faust gegen die Nazis, um die Welt zu versöhnen.

Hitler, Goebbels, Göring und von Schirach sind Gäste des Teufels. Der Clou des Stücks? Satan persönlich verbündet sich mit Faust gegen die Nazis, um die Welt wieder zu versöhnen. Ein monströser Gedanke. Das Stück ist hochpolitisch, ohne tagespolitisch zu sein. Else Lasker-Schüler wollte kein Rachestück an den Nazis schreiben - auch wenn die am Ende alle buchstäblich zur Hölle fahren. Nazis sind hier böse Puppen, sie stehen für das Verneinende, Zerstörerische an sich.

Das Böse wird nicht verharmlost. Es wird in ein musikalisches Welttheater gegossen - ein Theater der Gegensätze, die den Menschen zerreißen. Das Publikum reißt es am Ende von den Hockern. Hier wurde ein wunder Nerv getroffen. Ein bewegter Zuschauer sagt danach: "Man sollte öfter Opern-Uraufführungen machen, nicht immer nur A, B, C."

"IchundIch": "Unspielbares" Theaterstück als Oper

Am Sonntag hat die Oper "IchundIch" nach Else Lasker-Schüler in Hamburg Uraufführung gefeiert. Das politische Stück ist ein zweistündiger Höllenritt mit etwas Maskentheater.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Hamburgische Staatsoper, Probebühne 1
Kleine Theaterstraße 1
20354  Hamburg
Telefon:
(040) 35 68 68
Preis:
28 Euro, Ermäßigter Preis für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre: 10 Euro
Kartenverkauf:
Kartenservice: Große Theaterstraße 25, 20354 Hamburg
Öffnungszeiten: montags - sonnabends 10 - 18.30 Uhr
Besonderheit:
Freie Platzwahl
Hinweis:
Musikalische Leitung: Johannes Harneit
Inszenierung: Christian von Treskow
Bühnenbild, Kostüme: Dorien Thomsen
Dramaturgie: Johannes Blum
Dichterin: Ks Gabriele Rossmanith
Faust: Daniel Kluge
Mephisto 1/ Martin Summer
Mephisto 2: Jóhann Kristinsson
Göbbels: Hiroshi Amako
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 04.11.2019 | 19:00 Uhr

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