Auf einem Tisch liegen mehrere Bücher über die Sängerin Jenny Lind: Eines ist aufgeschlagen und zeigt ein Portät von ihr, ein anderes hat den Titel "The Lost Letters of Jenny Lind". © NDR Foto: Agnes Bührig

Hannover: Verloren geglaubte Briefe von Jenny Lind

Stand: 28.12.2020 17:00 Uhr

Das Forschungszentrum Musik und Gender der Musikhochschule Hannover konnte verloren geglaubte Briefe der als "schwedische Nachtigall" bekannten Sängerin Jenny Lind erwerben.

von Agnes Bührig

Die Musikwissenschaftlerin Maren Bagge aus Hannover hält einen Brief der Sängerin Jenny Lind in den Händen. © NDR Foto: Agnes Bührig
Die Musikwissenschaftlerin Maren Bagge hält einen der Briefe von Jenny Lind in den Händen.

Die Musikwissenschaftlerin Maren Bagge hat sich einen Karton in die Bibliothek des Forschungszentrums Musik und Gender geholt und zieht einen Brief vom 30. April 1861 vorsichtig aus einer Klarsichthülle. Acht Seiten, eng beschrieben, sogar den Rand der Vorderseite hat die Absenderin noch benutzt, um ihrer mütterlichen Freundin Amalie Wichmann in Berlin von den neusten Entwicklungen in London zu berichten. Darin geht es um den drittgeborenen Sohn und um ein Gemälde:

Professor Magnus hat die Copie von meinem Bilde hergeschickt - und es ist ihm, dem guten Manne ausserordentlich gelungen! Ich kann nicht läugnen dass es mir eine innige Freude war gerade von dem Bilde eine Copie für die Kinder zu besitzen. Ich bin da die Künstlerin die für ihnen - den Kindern - gearbeitet - und ihre Unabhängigkeit erarbeitet und dann war es die einzig glückliche, sorgenlose Zeit meines Lebens da ich bei Euch in der Hasenhägerstrasse lebte! Jenny Lind

Jenny Lind bei Amalie Wichmann in Berlin

Auf einem Tisch liegen mehrere Bücher über die Sängerin Jenny Lind: Eines ist aufgeschlagen und zeigt ein Portät von ihr, ein anderes hat den Titel "The Lost Letters of Jenny Lind". © NDR Foto: Agnes Bührig
Die Korrespondenzen zwischen Jenny Lind und Amalie Wichmann galten lange als verloren.

Bereits mit 17 Jahren debütiert die aus einfachen Verhältnissen stammende Jenny Lind als Agathe im Freischütz am Königlichen Theater Stockholm. Nach umjubelten Auftritten in der Heimat holt Giacomo Meyerbeer die Sängerin mit Mitte 20 nach Berlin. Sie besucht den Salon von Amalie Wichmann, in dem die wichtigen Literaten, Künstler und Musiker wie etwa Felix Mendelssohn Bartholdy ein- und ausgehen. Die Gastgeberin wird zur engen Vertrauten, sagt Maren Bagge:

"Sie haben sich in den 1840er-Jahren kennengelernt, 1844/45 wird berichtet, und standen seitdem in engem Austausch. Es gibt eben dieses große Briefkonvolut, in dem sie sich auch wirklich intim austauschen. Jenny Lind bezeichnet sie an einer Stelle als ihre wahre Mutter, also wirklich auch eine enge Beziehung. Sie berichtet von ihren familiären Sorgen, sie berichtet von ihren Konzertreisen. Da scheint wirklich ein intensiver Austausch stattgefunden zu haben."

Die Frau hinter der populären Künstlerin

Die 34 Briefe aus den 50er- bis 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts, die jetzt nach Hannover gekommen sind, sind bereits als "Lost Letters" in die Forschung eingegangen. In den 1960er-Jahren erschienen sie in einer englischen Übersetzung, jedoch nicht vollständig und zum Teil sehr frei übersetzt. Die genauere Analyse könnte nun das Bild verfeinern, wie Jenny Lind ihre Rolle als Ehefrau und Mutter mit der der Künstlerin vereinbaren konnte.

Auf einem Tisch liegen mehrere Porträts der Sängerin Jenny Lind, sowie ein Buch und ein Brief. © NDR Foto: Agnes Bührig
Musikwissenschaftlerin Maren Bagge erhofft sich neue Erkenntnisse über das Selbstbild der Sängerin aus der Zeit ihrer großen Popularität.

"Es ist nicht nur eine biographische Forschung, die man daran exemplarisch vornehmen kann", sagt Maren Bagge, "sondern auch eine musikhistoriographische Forschung: Was hat eigentlich dazu beigetragen, dass Jenny Lind diesen Status erreicht hat, diese Popularisierungsprozesse, die auch in den Briefen erkennbar sind? Welches Selbstbild beschreibt sie da eigentlich, welches Rollenverständnis tritt auch darin hervor?"

Interpretationen volkstümlicher Lieder wie "Herdegossen" ihres Gesangslehrers Isak Berg könnten dazu beigetragen haben, dass Jenny Lind als "schwedische Nachtigall" in die Musikgeschichte eingegangen ist, sagt Maren Bagge. Die Analyse der Briefe hingegen dürfte das Bild vertiefen, dass der Vogel mit der schönen Stimme nur eine, wenn auch eine sehr bekannte Wahrnehmung ihrer vielseitigen Persönlichkeit war.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 01.01.2021 | 16:20 Uhr

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