Eine Tribüne mit zahlreichen Zuschauern. © NDR Foto: Thorsten Philipps

Eutiner Festspiele: Schlank durch die Pandemie

Stand: 08.07.2021 18:41 Uhr

Umbruch bei den Eutiner Festspielen: Geschäftsführer Falk Herzog investiert in die Tribüne sowie mehr in leichte Operetten und Musicals denn in schwere Opern.

von Thorsten Philipps

Während das Schleswig-Holstein Musikfestival im vergangenen Jahr doch das eine oder andere Konzert auf die Bühne brachte, fielen die Eutiner Festspiele komplett aus. Deshalb haben sich die Programmmacher in diesem Jahr mit einer extra Slim-Oper ("La Bohème") und einer Musicalversion mit kleinem Ensemble ("Cabaret") adäquat vorbereitet, um der Pandemie zu trotzen.

Tägliche Testungen eine Erleichterung

Schauspielerin Patricia Hodell, die in "Cabaret" das Fräulein Kost darstellt, empfindet die täglichen Testungen vor den Proben eher als Erleichterung denn als Zumutung. Sie schätzt die familiäre Atmosphäre. "Ich bin einfach nur froh, dass wir endlich spielen können", erzählt Hodell. "Inzwischen werde ich auch nur noch einmal pro Woche getestet, weil ich geimpft bin." Die gebürtige Bernerin, die schon mal bei den Eutiner Festspielen dabei war, wurde von der neuen Produktionsleiterin Anna-Luise Hoffmann engagiert. Als zweite Geschäftsführerin neben Falk Herzog ist sie jetzt verantwortlich für die Produktionen, die sie vorher nur betreute.

Maskenbildnerin Marlene Girolla-Krause macht Patricia Hodell die Haare. © NDR Foto: Thorsten Philipps
In der Maske geht's auch ohne Maske: Patricia Hodell schlüpft in ihre Rolle.

Hoffmann bereut trotz der entspannten Corona-Lage nicht, dass sie statt der opulenten "West Side Story" und des "Freischütz'" auf die Oper "La Bohème" und das Musical "Cabaret" umgeschwenkt war. "Es ist immer noch undenkbar, mit einem Riesen-Ensemble wie bei 'West Side Story' oder einem XXL-Chor wie beim 'Freischütz' aufzutreten", sagt Hoffmann. "Unsere jetzigen Produktionen lassen sich coronalike auf die Bühne bringen, ohne dass wir Abstriche bei der Qualität der Aufführung machen müssen."

Anna-Luise Hoffmann: Eigengewächs mit Verantwortung

Hoffmann ist ein Eigengewächs der Eutiner Festspiele. Nun hat sie auch als Geschäftsführerin den Wirtschaftsplan für die Produktionen zu verantworten, kann das Budget für Kostüme oder Schauspielergagen festlegen und die Gehaltsverhandlungen mit den Sängerinnen autonomer führen als bisher.

Geschäftsführer Herzog ist überzeugt von Hoffmann: "Sie ist lange dabei und kennt die Eutiner Festspiele aus dem FF. Für mich ist es wichtig, dass ich jemanden an meiner Seite habe, der sich mit Musiktheater auskennt."

Mit dem Musical "Cabaret", das das Berlin zwischen den Weltkriegen zeigt, will Regisseur Tobias Materna die Kontraste der Zeit herausarbeiten: arm und reich, feige und mutig, neugierig und nostalgisch, demokratisch und autoritär. "Wir haben im Bühnenbild gedeckte Farben, wo die Schwarz-Weiß-Kontraste gut herausstechen", erzählt Materna.

"Cabaret": Eintauchen ins Berlin der 20er-Jahre

Regisseur Tobias Materna zieht sich ein Sakko über. © NDR Foto: Thorsten Philipps
Regisseur Tobias Materna wirft sich ebenfalls für die Premiere von "Cabaret" in Schale.

Die ockerfarbene Treppe und die drei großen, schwarz-weiß gestreiften Kreise als Eingang auf die Bühne des fiktiven Berliner Kit-Kat-Clubs mit dem silbernen Vorhang sorgen für eine Atmosphäre, die die Zuschauer eintauchen lässt in das Berlin der 20er- und 30er-Jahre. Die Choreographien der lasziv auftretenden Künstlerinnen und Künstler des Cabarets ziehen im Zusammenspiel mit toller Musik und guten Stimmen Frauen wie Männer gleichermaßen in ihren Bann.

Jasmin Eberl, die die Sally Bowles spielt, findet, dass die Aufführung gerade deshalb eine große Herausforderung für Publikum und Künstler sei, weil ja eigentlich immer noch Abstand geboten ist und sie doch auf Tuchfühlung gehen müssen - ein weiterer Kontrast. Die Schauspielerin ist glücklich, dass täglich getestet werde und die Inzidenzwerte sehr niedrig seien. "Und es ist großartig, endlich wieder mit Berührungen proben und spielen zu können", freut sich Eberl.

"La Bohème" im Grünen

Puccinis Oper "La Bohème" wird am 30. Juli seine Premiere bei den Eutiner Festspielen feiern. Regisseur Igor Folwill will die Zuschauer nicht in die Stadt der Liebe versetzen und kündigt ein Bühnenbild an, wofür das Publikum eine Portion Fantasie mitbringen muss: "Das pittoreske Bohème-Paris ist auf der Bühne im Grünen natürlich nicht herzustellen", so Folwill. "Ich setze ganz auf die Kraft der Imagination. Für den Zirkus des Lebens, das Erleben von Freud und Leid, Liebe und Tod, für diese Grundsituationen der Bohème zeigen wir keine Abbilder, sondern Sinnbilder."

Welche Bilder das sein sollen, lässt Folwill offen, es sei ja noch Zeit und die Proben haben erst in dieser Woche begonnen. Der Regisseur stellt die Frage: "Was ist Liebe eigentlich in einer Welt, in der es fast unmöglich ist, seinen Platz zu finden?" Das gelte für die jungen Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts ebenso wie für die von heute.

VIDEO: Vorbereitungen für Eutiner Festspiele (stumm) (1 Min)

Die Krux mit dem Wetter

Die Eutiner Festspiele leiden finanziell stark unter der Wetterabhängigkeit, weil dadurch die Planungen schwierig sind: Man weiß nie, wie viele Vorstellungen durch Regen ausfallen. "Deshalb müssen wir nachhaltig Rücklagen bilden und das bindet wiederum Kapital, das wir nicht für die Spielzeit verwenden können", erklärt der Geschäftsführer Herzog.

Auch deshalb soll eine neue Tribüne für neun Millionen Euro mit Überdachung gebaut werden, damit man in Zukunft etwas unabhängiger vom Wetter ist und dem Publikum mehr Komfort bieten kann. Die Finanzierung ist noch nicht ganz geklärt. "Wir sind da auf einem guten Weg", lässt sich der Chef der Festspiele nicht in die Karten schauen.

"Sind gutes Investment für Hansebelt-Region"

Von der Öffentlichkeit, sprich, mit Steuergeldern, werden die Eutiner Festspiele Herzogs Ansicht nach seit Jahren nur rudimentär gefördert. Immerhin hat es in den letzten zehn Jahren eine Verdoppelung gegeben - gerade durch die Steigerung der Zuschüsse des Landes. Insgesamt sind es inzwischen 250.000 Euro von Land, Kreis und Stadt sowie der Kultur-Stiftung - gemessen am Gesamtvolumen sind dies fünf Prozent.

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Tanzgruppe auf der Bühne des Musicals "Cabaret" © Eutiner Festspiele Foto: Christoph Landerer

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"Darauf sind wir auch stolz, dass wir uns mit so wenigen Zuschüssen finanzieren", sagt Herzog. "Wobei ich sagen muss, dass es auch ein bisschen Sicherheit und Selbstvertrauen gibt, wenn man weiß, dass unsere Kulturleistung auch honoriert wird." Und schließlich: "Wir sind eine gute Investition für die Tourismusbranche der ganzen Hansebelt-Region, denn das Publikum kommt aus ganz Deutschland."

Der große Rest des Etats muss eingespielt werden durch Kartenverkauf und Catering. Im aktuellen Corona-Jahr, wo nur knapp 1.000 (statt der üblichen 1.800) Zuschauerinnen und Zuschauer die 26 Vorstellungen von "La Bohème" und "Cabaret" sehen können, hat Herzog rund eine Million Euro weniger ausgegeben - nicht zuletzt durch weniger Ausgaben für das Marketing, aber auch für die schlankeren Produktionen.

Die Eutiner Festspiele zeigen "Cabaret" noch bis zum 22. August, "La Bohème" vom 30. Juli bis zum 21. August.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 02.07.2021 | 07:20 Uhr

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