Die Festivalveranstalter des Wacken Open Air Holger Hübner (links) und Thomas Jensen (rechts) © dpa-Bildfunk

Erster Metal Summit: Auftakt für neue Veranstaltungsreihe

Stand: 15.01.2021 13:00 Uhr

"Wie viel muss Kultur dem Staat wert sein?" Um diese Frage drehte sich die Diskussion beim ersten Metal Summit, zu dem Gäste aus verschiedenen Kulturbereichen beitrugen.

von Bettina Peulecke

"Metality" - zusammengesetzt aus den Begriffen "Metal" und "Mentality" - soll sich laut seiner Gründer, den Wacken-Festivalveranstaltern Holger Hübner und Thomas Jensen, zum "lautesten Netzwerk der Welt" für Heavy-Metal-Fans und Macher entwickeln. Am Donnerstagabend nahmen an der Auftaktdiskussion der neuen Veranstaltungsreihe jedoch auch Menschen teil, die man sonst eher in anderen kulturellen Kreisen vermuten würde. So waren Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda und der langjährige Präsident des Bundesverfassungsgerichtes Hans-Jürgen Papier unter den Teilnehmern der Video-Gesprächsrunde über Geld und Kultur.

"Die Kosten für die Bewältigung der Pandemie liegen für das vergangene Jahr bei 1,3 Billionen Euro und auch für 2021 rechnet die Bundesregierung mit weiteren Corona-Folgekosten von über zwei Milliarden Euro", sagte Moderator Reinhold Beckmann eingangs der Diskussion und fragte: "So wichtig und richtig diese Hilfen sind, wie viel von all den Milliarden bleibt am Ende übrig für die Kultur?"

Nina George fordert soziale Gerechtigkeit für Künstlerinnen

Die Schriftstellerin Nina George © picture alliance/dpa | Susannah V. Vergau Foto: Susannah V. Vergau
Bestsellerautorin Nina George verweist auf den großen Anteil von Schriftstellern, die einiges zu den staatlichen Steuereinnahmen beitragen.

Die Kultur ist ein weites Feld, deswegen wird es schwierig, wenn es darum geht, wer eigentlich zu dem Kreis der Unterstützungsbedürftigen dazu gehört. Nina George, Bestsellerautorin und Präsidentin des European Writers' Council, dem europäischen Dachverband von 46 Schriftsteller- und Übersetzer-Verbänden, sprach sich für eine sozial gerechte Verteilung von finanziellen Hilfen aus: "Bei uns ist die Verteilung so: Wir haben etwa zwei Drittel, die nebenberuflich arbeiten und bis 17.500 Umsatz machen, und ein Drittel darüber. Und wir haben einen ganz starken Mittelstand, der so 50.000, 100.000 bis 150.000 Euro Umsatz im Jahr macht", sagte sie. "Wir haben auch 35 Kollegen, die über zwei Millionen machen. Wenn man sich das nur beim Beispiel Schriftstellerinnen und Schriftsteller anschaut, dann muss man auch mal die Angst verlieren vor dem 'armen Künstler', denn wir sind auch Steuerzahler und Steuerzahlerinnen", betonte die Autorin.

Kultursenator Brosda: Kultur nicht nachrangig behandeln

Abgesehen von der Notwendigkeit der finanziellen Unterstützung, über die sich alle Teilnehmer einig waren, ging es vor allem auch darum: Wie viel muss und sollte dem Staat neben der Wirtschaft auch kulturelles Leben wert sein?

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda steht vor einem Bücherregal. © picture alliance/dpa Foto: Jonas Klüter
Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda möchte, dass die Kultur nicht als etwas Nebensächliches wahrgenommen wird.

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda meinte: "Da ist es tatsächlich die Frage, wie gehen wir als Gesellschaft mit Kunst und Kultur und den entsprechend Angeboten um? Ich glaube, wir müssen aufpassen, dass wir als Gesellschaft nicht Signale senden, die so ein bisschen sind wie die Tante, die dem Jungen sagt: 'Lern' doch was Ordentliches, mach doch was Anständiges, anstatt Musiker zu werden.' Diesen Gestus haben wir manchmal als Gesellschaft. Wir schieben die Kultur, übrigens völlig egal ob Hochkultur oder Unterhaltungskultur, immer beiseite als etwas Nettes, wenn wir noch Zeit dafür haben."

Maik Weichert verweist auf internationalen Erfolg deutscher Künstler

Der ehemalige Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier sprach sich in der Diskussion für eine Art Lastenausgleich und mehr Rechtsverbindlichkeit für Unterstützungen für Künstler aus. Maik Weichert, Gitarrist der Heavy-Metal Band "Heaven shall burn", hatte die Lacher auf seiner Seite, als er völlig ernst sagte: "Für die jetzige Situation wünschte man sich, dem deutsche Staat wäre bewusst, was für Botschafter und was für Trademarks wir als Künstler sind. Unsere neue Platte und die neue Rammsteinplatte sind auf jeden Fall in den USA besser angekommen als der letzte Diesel von VW oder Audi."

Thomas Jensen warnt vor Lücke beim Nachwuchs

Neue Erkenntnisse oder gar Patentrezepte kamen nicht auf den Tisch, aber es war eine lockere, 90-minütige Gesprächsrunde, bei der vor allem auch der Erhalt der kreativen Spannung während des Stillstandes beschworen wurde. Denn was all die Nicht-Veranstaltungen und -Möglichkeiten aktiver künstlerischer Gestaltung bedeuten, sei wahrscheinlich nichts Gutes, sagte Wacken-Mitbegründer und Veranstalter Thomas Jensen: "Da wird jetzt eine Lücke gerissen. Man kann sich jetzt noch gar nicht ausmalen, ob die zu schließen ist. Warum soll jetzt irgendeiner noch den Wunsch haben, Rockstar zu werden? Die werden wahrscheinlich in den nächsten Jahren alle Virologen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 15.01.2021 | 08:00 Uhr

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